Frauen in der Architektur: Projekte von Architektinnen und Stadtplanerinnen aus aller Welt
Ob eine Schule aus Holz, ein Lehmbau zwischen Himmel und Erde oder ein Aquarium, in dem der Mensch zwischen Vegetation und maritimer Natur nur eine kleine Nebenrolle spielt: Viele Architektinnen und Stadtplanerinnen haben sich der Reparatur männlicher, mächtiger Gepflogenheiten verschrieben. Ein Überblick.
Auf einem der ältesten Moränenhügel Dänemarks, inmitten der unendlichen Weiten des Mitteljütlands, umgeben von Wiesen und Mooren, liegt plötzlich ein hölzerner Ring in der Landschaft, 100 Meter im Durchmesser, mit einer grünen Mitte, atmosphärischen Lern- und Arbeitsräumen und einem verträumten Arkadengang, in dem man unendlich oft im Kreise wandeln möchte, wenn einen danach gelüstet. Die Provinzhauptstadt Herning ist seit jeher ein Zentrum für Architektur, Bauhandwerk und diverse Kunsthandwerksdisziplinen – und genau hier wurde die dänische Architektin Dorte Mandrup mit dem Neubau einer Berufsschule beauftragt.
»Gutes Handwerk fördert gute Architektur«, sagt die 65-jährige Kopenhagenerin. »Das Crafts College im Jütland bietet die Möglichkeit, den Beruf nicht nur in der Theorie zu erlernen, sondern in einem inspirierenden Umfeld am eigenen Körper zu erleben. Mir war von Anfang an wichtig, dem Gebäude eine eigene, unverwechselbare Identität zu verleihen und zu veranschaulichen, wie flexibel und widerstandsfähig der Einsatz klassischer, regionaler Handwerkstradition sein kann.« Neben Holz finden sich am Bau auch materielle Liebeserklärungen an Ziegel, Schiefer und Pflasterstein. Seit einem halben Jahr ist die Schule in Betrieb.
»Mich freut dieses Projekt sehr, denn eigentlich war Architektur nie meine erste Wahl. Ich wollte immer Bildhauerin und Keramikerin werden, und in meinen ersten Berufsjahren habe ich genau das gemacht«, erzählt Mandrup, die nach ihrer Rückkehr nach Dänemark erst Medizin und dann auch noch Architektur studierte. In ihrem Büro stapeln sich Bilder, Skizzen, Fragmente, Artefakte und halbfertige Kunstwerke zu einer »Wunderkammer«, wie sie selbst sagt. »Wenn du interessiert und neugierig bist, dann nur zu! Du musst einfach nur alles hinterfragen und das Etablierte infrage stellen, um Grenzen zu erweitern. Man weiß nie, was als Nächstes kommt.«
Dorte Mandrup, Kopenhagen. Vertreterin von Care & Repair: Ihr Faible sind Kulturbauten, die entweder den menschlichen Maßstab in den Mittelpunkt stellen, oder aber Großstrukturen, die in die Landschaft und Topografie hineininszeniert werden und vor allem einer Sache dienen – der Natur.
© Volker RennerIn der Kombination aus Bauen, Bildhauerei und Medizin sind in den letzten Jahren Bauten von einer solchen Leichtigkeit und Menschlichkeit entstanden, dann aber auch wieder dramatische Megastrukturen, die mit ihrer umgebenden Landschaft und Topografie regelrecht zu verschmelzen scheinen, so wie etwa beim eisigen Ilulissat Icefjord Centre in Grönland (2021) oder beim Kultur- und Forschungszentrum »The Whale« am nördlichen Polarkreis in Norwegen (in Bau, Fertigstellung 2027), dass fast der Eindruck entsteht, hier würden Regenerationsmedikamente für Mensch und Planeten geschaffen. »Ja, Architektur hat in der Tat eine missionarische Komponente«, so Mandrup, »und als Architektin hat man den unaufhörlichen Drang, die Welt ein bisschen besser zu machen.«
Mandrup ist bei Weitem nicht die Einzige, die dieser fast schon reparativen Prämisse folgt und Architektur nicht nur als egozentrischen Schaffensdrang, sondern in erster Linie als klimatischen, ökologischen und soziokulturellen Auftrag versteht. »Care & Repair« nennt sich dieser Ansatz im Fachjargon – ob das nun die Pflege von Handwerk, von Stadtkultur, von Naturräumen oder von menschlichen Errungenschaften wie etwa Freiheit, Mobilität oder Spiritualität ist. Und der Blick auf den gesamten Globus zeigt, dass diese Tugend eine vor allem weiblich besetzte ist.
Francine Houben, Gründungspartnerin und Kreativdirektorin von Mecanoo in Delft, hat einen vielfach preisgekrönten Bahnhof im taiwanischen Kaohsiung errichtet. 2025 wurde die unterirdische Mobilitätsinfrastruktur mit dem Sustainable Contribution Award ausgezeichnet.
Francine Houben, Mecanoo. 1984 gründete sie das Architekturbüro Mecanoo in Delft – und realisiert seitdem Bauten und Infrastrukturen in aller Welt. In den meisten Projekten werden bestehende Ressourcen genutzt. Houben leitet ein Großbüro mit 200 Mitarbeiter:innen in Holland, London, New York und Kaohsiung.
© MecanooDie mexikanische Architektin Tatiana Bilbao hat in Mazatlán das Sea of Cortez Research Center errichtet, ein Forschungszentrum zur Ergründung maritimen Lebens, das den Menschen vermittelt, Teil der Natur und anderen Lebewesen ebenbürtig zu sein. Und die nigrische Architektin Mariam Issoufou, die Architektur, Kulturerbe und Nachhaltigkeit an der ETH Zürich unterrichtet und sogar für den renommierten Aga Khan Award 2022 nominiert war, errichtete mitten in der Steppe einen Kulturkomplex aus Lehm – mit Schule, Bibliothek und Moschee.
Tatiana Bilbao, Mexico City. Für die mexikanische Architektin ist das Bauen ein Reparaturakt an der Natur und am Planeten. Unabhängig von Image und finanziellem Status plant und baut sie gerne für wenige privilegierte Protagonst:innen – in diesem Fall für Pflanzen und Meeresnatur.
© Ana HopDie Berliner Architektin Regine Leibinger baut aktuell den ersten Wolkenkratzer Berlins. Mit 176 Metern Höhe sollen hier Ende des Jahres Hotel, Büros, Wohnen und Coworking-Spaces einziehen. »In den 1980er-Jahren habe ich in Harvard studiert, eine fantastische Schule, aber viel mehr Männer als Frauen! Es war damals nicht leicht, in dieser Männerwelt zu reüssieren«, erzählt Leibinger im 3sat-Dokumentarfilm »Frauen bauen«, der 2021 erstmals ausgestrahlt wurde. Doch die Zeiten hätten sich geändert. »Und plötzlich haben wir den Wettbewerb für den Estrel Tower gewonnen, das höchste Hochhaus in Berlin! Dieses Haus muss richtig gut werden!« Ende 2026 wird der Turm seinen Wahrheitsbeweis antreten.
Estrel Tower, Berlin. Der Estrel Tower in der Sonnenallee ist mit 45 Etagen und 176 Metern das höchste Hochhaus der Stadt. Geplant sind Hotel, Büros, Restaurants, Coworking-Spaces, Serviced Apartments sowie eine Skybar im letzten Stock. Fertigstellung Ende 2026.
© Regine LeibingerRegine Leibinger, Berlin. Gemeinsam mit ihrem Partner Frank Barkow gründete sie 1993 das Berliner Architekturbüro Barkow Leibinger. 2022 rief sie die Stiftung »Experimental« ins Leben – mit dem Ziel, die Baukultur zu überdenken und in neue, nachhaltigere Bereiche der Architektur vorzudringen.
© www.debora-mittelstaedt.deMariam Issoufou, Niger. Die 46-jährige Architektin hat sich auf Wohnbau, Kulturbauten, Stadtplanung und öffentlichen Raum spezialisiert. Die »New York Times« zählt sie zu den 15 kreativsten Frauen der Welt. Aktuell ist sie Professorin für Architektur, Kulturerbe und Nachhaltigkeit an der ETH Zürich.
© Stephane Rodriguez Delavega