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Gemeinschaftshäuser: Von Hippie bis Seniorenresidenz

Villa, Einfamilienhaus, Dreizimmerwohnung: Da denkt man automatisch an die klassische Kleinfamilie. Dabei gibt es zahllose weitere Formen des Zusammenwohnens. Eine Rundreise durch ungewöhnliche Familien-Häuser, von der Hippie-Kommune über das Seniorendorf bis zum Doppelhaus-Puzzle.

09.07.2024 - By Maik Novotny

Bauen an der Utopie: Die ökologisch motivierte Hippie-Stadt Arcosanti in der Wüste von Arizona wurde 1970 gegründet und wächst immer noch weiter. arcosanti.org

Wie eine Fata Morgana flirren die Kuppeln vor dem Horizont in der Wüste von Arizona, eine Mischung aus antiken Ruinen und futuristischer Utopie. Der Eindruck ist nicht ganz falsch. Die experimentelle Stadt Arcosanti, gegründet 1970 vom italo-amerikanischen Architekten Paolo Soleri, ist eine der größten und visionärsten der vielen Hippie-Kommunen, die in den 1970er-Jahren vor allem im Westen der USA entstanden. Bis heute wird daran gebaut, stets im Einklang mit den ökologischen Grundsätzen Soleris, die heute aktueller sind denn je. Doch wie fast alle Stadtvisionen jener Zeit ist Arcosanti auch ein Modell einer anderen Art des Zusammenlebens.

GEÖFFNETE TÜREN

Aber man muss kein Westcoast-Hippie sein, um sich Räume für eine andere Art von Familie auszudenken. Man muss nicht einmal Wien verlassen, denn die vielen Baugruppenprojekte der letzten Jahre haben die Tür weit geöffnet für Menschen, die nicht (nur) mit Verwandten ersten Grades zusammen wohnen wollen oder können. Da wäre die Baugruppe Que(e)rbau in der Seestadt Aspern, deren Bewohner:innen das ganze LGBT+-Spektrum abdecken. Architekt Clemens Kirsch wählte dafür explizit kein Rosa und kein Lila, sondern ganz dezentes Grau. »Farbe bringen schließlich die Menschen genug ins Haus«, sagt er. Als Zentrum dieses individuellen Wohn-Mosaiks dienen ein großes Atrium, eine Gemeinschaftsterrasse und der Garten vor dem Haus. Hier hat jede:r eine eigene, ganz klassische Mietwohnung, aber das Wichtige ist, dass man sich von den Nachbar:innen angenommen und verstanden fühlen kann. Etwas weniger spezifisch ist die Baugruppe Gleis21 im Sonnwendviertel beim Hauptbahnhof mit ihren 47 Erwachsenen und 20 Kindern, doch auch diese Gruppe erfüllte sich hier mit viel Herzblut und Arbeit den Traum vom »anderen Wohnen«. Hier wird Solidarität großgeschrieben, sowohl miteinander als auch mit der Gesellschaft, es gibt eine Wohnung für Geflüchtete und ein Kulturangebot im Erdgeschoss. Fast wie die Utopien der 70er-Jahre, nur eben engagiert und pragmatisch umgesetzt.

Eng verzahnt: Ein Doppelhaus wie ein 3D-Puzzle im nieder-ländischen Utrecht. mvrdv.com

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Altern in Würde: Das Pilotprojekt für Seniorenwohnen in Dänemark: Eine aktive Dorfgemeinschaft inmitten von Natur. aart.dk

LEBENSABSCHNITTS-FAMILIE

Das »andere Wohnen« kann sich aber auch an der Zugehörigkeit zu einer Altersfamilie definieren, erst recht heute, wo immer mehr wache und bewegliche Senioren noch sehr viel im Leben vorhaben. In vielen Städten gibt es Senioren-WGs, und in Dänemark auch ein Best-Practice-Seniorendorf. Genau gesagt das »Fremtidens Seniorbofællesskab« in Ringkøbing (sprechen Sie das ruhig laut vor sich hin). Drei ausgesprochen schöne Holzhäuser mit 14 Wohnungen, Werkstatt, Bibliothek, eingebettet in die idyllische Wiesenlandschaft von Westjütland. So kann man auch mit 80 noch eine neue Lebensabschnitts-Familie gründen. Diese Familien klingen vielleicht wie Ausnahmen von der Regel, doch so neu ist das alles nicht. Schließlich ist das Ideal der Mutter-Vater-zwei-Kinder-Kernfamilie im Grunde eine Erfindung des 19. Jahrhunderts und ersetzte die bis dahin normale ausufernde Großfamilie. Doch auch diese gibt es heute noch. Zum Beispiel in Vorarlberg, wo MW Architekten ein Einfamilienhaus aus den 1980er-Jahren feinfühlig für die nunmehr drei Generationen erweiterten, die gemeinsam unter einem neuen Dach wohnen – mit viel Freiraum für jeden, umhüllt von zarten Holzlamellen aus Weißtanne. Das alles mitten im Dorf, ganz unaufgeregt traditionell. Aber auch die ganz gewöhnliche und oft als spießig verschriene Doppelhaushälfte birgt Potenzial für neue Konstellationen. Das freche Architekturbüro MVRDV kombinierte schon 1997 die speziellen Wünsche zweier Familien für ein gemeinsames Grundstück in Utrecht zu einer Art 3D-Puzzle, das sich dank niederländischer Offenheit und großer Glasfronten auch von der Straße einwandfrei ablesen lässt. Denn im Grunde ist es doch ganz einfach: Die wenigsten wohnen wirklich ganz allein. Familie ist einfach, was man daraus macht.

Unter einem Dach: Ein Haus für drei Generationen einer Familie in Vorarlberg, maßgeschneidert in Holz. mwarchitekten.at

(c) Adolf Bereuter

Großstadt-Großfamilie: Das Domizil der Baugruppe Gleis21 im Wiener -Sonnwend-viertel, entworfen von Einszueins Architekten. gleis21.wien

(c) Hertha Hurnaus

Erschienen in:

Falstaff LIVING 04/2024

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