Zum Inhalt springen
India Mahdavi und Angelika Rosam (c) Rafaela Pröll

India Mahdavi: »Ich versammle Farben, als hätte ich Freunde um mich herum«

Interview

Was sie kreiert, bringt Freude und Emotion in unser Leben. Egal ob Wohnungen, Restaurants, Hotels, Objekte oder Accessoires – India Mahdavis Potpourri an farbenfrohen Designs versprüht Mut und gibt Kraft. Grund genug, den LIVING Design Award für das Lebenswerk mit nach Hause zu nehmen und Wien einen ganz besonderen Besuch abzustatten.

Dass Wien schon lange auf ihrer Bucketlist ganz oben rangierte, ist ein Faktum, dennoch wollte die französisch-iranische Designerin India Mahdavi nie ausschließlich »als Touristin Wien besuchen, sondern wenn, in Verbindung mit Design«. Diesen Wunsch konnten wir der international gefragten Gestalterin kürzlich mit großer Freude erfüllen: Mahdavi erhielt bei der zweiten LIVING-Design-Award-Zeremonie die begehrte Trophäe fürs Lebenswerk und reiste ein ganzes Wochen­ende zu uns in die österreichische Hauptstadt. Und sie war nicht grundlos begeistert, hat doch Wien selbst für eine Ikone wie sie viel zu bieten. Neben den Award-Zelebritäten, einem Rundgang auf der Vienna Design Week, Dinner im »Sacher« und viel Wiener Schnitzel bei »Plachutta« tauchte die sympathische Kreative mit vielen Museumsbesuchen intensiv in die Magie der Wiener Historie ein. Inklusive eines ganz besonders persönlichen Interviews und Foto- Calls im Hotel »Rosewood« über Auszeichnungen, KI, die Macht der Farben, das eigene Zuhause und die Zukunft von Design.

LIVING: Herzlich willkommen in Wien! Wie schön, dass Sie für unsere LIVING Awards erstmals in die österreichische Kapitale gereist sind. Was bedeuten Auszeichnungen für Sie?

India Mahdavi: Nun, Auszeichnungen sind immer eine großartige Sache, denn es ist eine Anerkennung der Industrie. Ich fühle mich deshalb auch sehr geehrt. Im Grunde arbeite ich nicht für Auszeichnungen, sie passieren einfach. Der LIVING Award ist die zweite Auszeichnung für mein Lebenswerk, die ich bekommen habe. Das gibt mir zu denken, dass ich vielleicht alt werde (schmunzelt) und Platz für die neue Generation machen muss. Dennoch ist es wunderschön.

Es ist Ihr erster Wien-Besuch. Aber dennoch verbindet Sie mit der Stadt eine Design-Kooperation. Sie haben für die Traditionsmarke Gebrüder Thonet die »Loop«-Kollektion und den »Mickey«-Chair erfunden …

Es ist lustig, denn die Gebrüder Thonet sind ja jetzt eigentlich in Italien ansässig. Aber natürlich ist es eine ikonische Marke, die in Wien im 19. Jahrhundert mit den Bugholz­möbeln ihre erste Blütezeit erlebte. Ich habe mich sehr gefreut, mit ihnen zusammenzu­arbeiten, weil sie so ein spezielles Know-how haben. Die Gebrüder Thonet sind ein Teil unseres Designer-Lebens. Wir alle haben schon einmal einen Thonet-Stuhl entworfen.

Und was erwarten Sie sich von Wien?

Wien ist eine dieser Städte, in die ich nie als Touristin kommen wollte. Ich habe immer gewusst, dass es für mich wichtig sein würde, aber mehr aufgrund der Design-Geschichte, die es präsentiert. Adolf Loos, Hans Hollein, das Haus Wittgenstein, die wichtigen Museen und die barocke Architektur – das sind alles Komponenten, die Wien u. a. bemerkenswert machen. Nun hier für die LIVING Awards eingeladen zu sein, ist die perfekte Gelegenheit, Wien zu erkunden. Also vielen Dank an das Falstaff LIVING Magazin und an die Vienna Design Week.

Wir unterstützen mit den LIVING Awards die österreichische Design-Szene, die leider hierzulande unterrepräsentiert ist. Mit unseren Preisen wollen wir das Schaffen und die Talente der Kreativen vor den Vorhang holen. Sie selbst arbeiten mit vielen jungen Designer:innen zusammen – wie wichtig ist der Support?

Es ist in jedem Fall eine große Hilfe. Denn es ist eine Anerkennung durch den Berufsstand. Und ich denke, dass man, wenn man erst einmal im Rampenlicht steht, in seiner Arbeit präziser sein muss. Man stellt sich die richtigen Fragen: Wohin gehe ich? Was ist meine Zukunft?

Was hat sich Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren in der Designbranche verändert?

Mit Covid gab es eine große Wende. Als ich jünger war und eine Architekturausbildung absolvierte, und als ich anfing zu designen, sagte man immer, Design sei eine Form der Funktion. Und ich glaube, mit Covid haben wir plötzlich erkannt, dass der unsichtbare Teil viel wichtiger ist. Covid war unsichtbar und hat die Welt verändert – überall. Und so schenkt man plötzlich dem Unsichtbaren mehr Aufmerksamkeit. Das bedeutet für unsere Branche, dass es nicht nur um das Produkt geht. Es geht darum, wer das Produkt hergestellt hat, wie es hergestellt wurde, aus welchen Materialien es besteht, wozu es dient, wie es recycelt werden kann, wie nachhaltig es ist, was es für ein Leben nach dem Tod hat. Und wenn man das Produkt einmal hat, geht es auch darum, wie man das Produkt erleben wird. Ich denke, das sind die Fragen, die wichtig sind.

Die Hersteller:innen und das Handwerk werden also in Zukunft eine stärkere Position einnehmen? Welche Rolle wird KI im Design spielen?

Im Moment befinden wir uns in den Räumlichkeiten der KI. Es ist also ein neues Werkzeug und wir wissen nicht genau, wie wir es benutzen sollen. Aber ich denke, je mehr KI wir haben werden, desto mehr wollen wir im Gegenzug die Textur, das Handwerk, den emotionalen Teil und unsere eigenen Sinne nutzen. Und ich glaube, dass wir nicht mehr in der Lage sein werden, den Unterschied zwischen Realität und Fälschung zu erkennen. Die einzige Realität, der wir vertrauen werden, ist die, die wir leben. Das bedeutet, dass das, was greifbar ist, also die menschliche Erfahrung, sehr wichtig werden wird. Es geht nicht darum, was man auf digitalen Medien sieht. Es geht um Emotionen, um das eigene Leben und darum, nicht alltägliche Erfahrungen zu machen.

Die Emotion ist das Schlüsselwort – auch in Ihrer Arbeit. Mit Ihrer Verspieltheit und damit, Farben so intensiv in Szene zu setzen, haben Sie in den letzten 20 Jahren den Luxus der Innenarchitektur unterstützt und neu definiert. Woher nimmt man den Mut, mit Farben und Materialien so kreativ umzugehen?

Ich denke, dass meine Arbeit mit Farben zuallererst ein Ausdruck geworden ist. Ich versammle Farben, als hätte ich Freunde um mich herum. Farben machen einen Raum, eine Gesellschaft interessanter und bunter. Ich mache das nicht, weil ich es gelernt habe, sondern weil es für mich selbstverständlich ist. Ich denke, das hängt mit meiner eigenen Kindheit zusammen. Ich bin in den Vereinigten Staaten aufgewachsen und meine ersten Erinnerungen waren die Mitte der 60er-Jahre, also Technicolor. In all den Zeichentrickfilmen gab es immer viele kräftige Farben. Und als ich dann mit meiner Familie aus Amerika nach Deutschland zog, war mein Leben plötzlich schwarz-weiß. Es gab dort einen Mangel an Farbe. Es war für mich ein wenig Trauma in der Realität. Und dann habe ich auch noch von Englisch zu Deutsch gewechselt, schließlich von Deutsch zu Französisch. Ich lernte all diese Sprachen in einer sehr kurzen Zeit und tat mir schwer, mich richtig auszu­drücken. Den richtigen Ausdruck fand ich aber, wenn ich Farben ins Spiel brachte. Vielleicht auch, um meine eigene Melancholie zu kompensieren, dass ich diese bunte Fröhlichkeit um mich herum brauche, um, ja, um mich fröhlich zu fühlen.

Sind Menschen, die offen für kräftige Farben sind, auch generell in ihrer Lebenseinstellung mutiger und neugieriger als andere?

Ich denke, Farben sind Ausdruck einer gewissen Art von Vielfalt und Akzeptanz. Außerdem wurden Farben lange Zeit mit einer Art Populärkultur in Verbindung gebracht, während Nichtfarben eine gewisse Eleganz ausstrahlen. Ja, Menschen, die mit Farben leben, sind wahrscheinlich offener, aber ich glaube nicht, dass es dafür eine Regel gibt.

Sie kreieren sowohl öffentliche als auch private Plätze. Was liegt Ihnen mehr?

Es ist so unterschiedlich. Wenn ich einen öffentlichen Raum gestalte, sehe ich das so, als würde ich eine Identität im Volumen schaffen. Ich möchte, dass der Raum eine eigene, sehr starke Identität entwickelt, die für sich selbst steht. Wenn ich für eine:n private:n Klient:in ar­beite, fühle ich mich wie eine Fotografin. Ich mache ein Porträt von den Menschen, die in dieses Haus ein­ziehen werden. Es geht darum, zu verstehen, wie diese Personen leben und welchen Geschmack sie haben. Ich bin hier also ein Ermöglicher. Ich möchte, dass das Haus so aussieht wie sie.

Und wie sieht es aus, wenn Sie Ihr eigenes Zuhause gestalten?

Mein eigenes Haus in Paris habe ich seit 28 Jahren, es sind also Schichten meines Lebens, die sich angesammelt haben. Ich ändere die Dinge von Zeit zu Zeit, aber es ist das, was ich als mein Zuhause betrachte. Und dann habe ich vor Kurzem ein Haus in Südfrankreich für mich selbst gebaut, und das war das schwierigste Projekt ever, weil ich verstehen musste, wie ich leben will. Und es ist lustig: Denn nach einer Weile war es so, als würde das Haus mich leiten und nicht ich das Haus. Es ist, als ob das Haus zu mir spricht und sagt: »Okay, vielleicht ist es das, was du hier brauchst!« Ich bin gerade dabei, es ir­gend­wie fertigzustellen, aber nicht komplett. Und ich füge einfach nach und nach Dinge hinzu.

Man sagt ja, dass Designer:innen selbst mit ihren eigenen Häusern nie fertig werden, weil sie immer daran arbeiten …

Ganz ehrlich: Für mich selbst mag ich unfer­tige Räume. Denn Dinge, die nicht ganz fertig sind, lassen mir geistigen Freiraum, um zu träumen und herauszufinden, was man an diesem Haus besonders mag und was es den Bewohner:innen bietet. Man muss sich immer absichern. Und diese Idee gefällt mir.

Exklusiv: Das LIVING-Fotoshooting mit Falstaff LIVING Herausgeberin Angelika Rosam und India Mahdavi im Wiener »Rosewood Hotel«  ©  Rafaela Pröll 

Woran arbeiten Sie aktuell?

Ich arbeite gerade an einem privaten Museum für zeitgenössische und moderne Kunst in Trondheim, Norwegen, das im Februar eröffnet wird. Weiters habe ich auch noch Kund:innenprojekte in den Vereinigten Staaten und in Arles, wo ich mein Haus habe. Ich habe Projektaufträge für andere Brands, aber natürlich werke ich auch an meiner eigenen Möbellinie in meinem Pariser Atelier in der Rue Las Cases. Wir entwerfen dort, stellen her und vertreiben diese kleinen Objekte auch international. Weiters habe ich noch zwei andere Räume in der Rue Las Cases, den Projektraum und den Tiny Room, in denen ich kuratiere und junger Designer:in­nen einlade, ihre Werke auszu­stellen. Es sind Räume des freien Ausdrucks und ich kann tun, was immer ich will. Es ist wie ein Spielplatz. Diese ganze Straße mit den vielen verschiedenen Räumen ist wie ein Ökosystem. Das ist eine sehr ungewöhnliche Art, als Designer:in oder Innenarchitekt:in zu arbeiten. Ich denke, es ist, als hätte ich mein eigenes Modell entworfen.

Wenn ein:e junge:r Designer:in zu Ihnen käme und Sie fragen würde, was sie oder er in der Zukunft tun muss, um im Designgeschäft zu reüssieren – was würden Sie ihr oder ihm raten?

Ich denke, es gibt nicht nur einen Weg und jeder muss den eigenen finden. Aber man sollte sich immer dessen bewusst sein, was einen umgibt, wie wir sind, wie wir die Zeit einfangen und in unsere eigenen Worte übersetzen. Wir verstoffwechseln Dinge, die wir sehen. Achtsamkeit ist also superwichtig, und das bedeutet, zu lesen, zu reisen, zu sehen und seine Sinne zu nutzen.

 

Das waren die LIVING Design Awards 2024

Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 8/2024

Zum Magazin

Angelika Rosam
Angelika Rosam
Falstaff LIVING Herausgeberin
Mehr zum Thema
1 / 12