Nina Sieverding & Anton Rahlwes: Müll oder Trash?
Trash ist omnipräsent: als Y2K-Revival, Luxustasche in Chipstütenform oder einfach nur Müll. Nina Sieverding und Anton Rahlwes analysieren das Phänomen jenseits vermeintlicher Geschmacksgrenzen.
Titelbild: Nina Sieverding & Anton Rahlwes leiteten bis 2023 das Designmagazin »form«. Sieverding unterrichtet an der Hochschule für Gestaltung Offenbach und Rahlwes ist als Designer & Künstler aktiv.
Die Popsängerin Charli XCX wurde kürzlich in einem Interview mit dem britischen Sender BBC nach den sogenannten »Brat Summer Essentials« gefragt, eine Anlehnung an ihr im Juni 2024 erschienenes Album »Brat«. Nun, so die Britin, der »Brat Summer« – frei übersetzt etwa Görensommer – könne »classy« sein, wenn frau beispielsweise mit einem Schnellboot im Mittelmeer herumdüse, aber auch »trashy« – mit einem weißen Tanktop ohne BH bekleidet, einer Packung Zigaretten und einem BIC-Feuerzeug im Gepäck. »Allzu oft dient [der Müll] vor allem als Metapher, als soziale Unterscheidungsoperation, Dingen und Menschen einen Wert zuzuweisen oder ihnen diesen Wert gerade abzusprechen«, schreibt der Historiker Roman Köster in dem 2023 erschienenen Sachbuch »Müll. Eine schmutzige Geschichte der Menschheit«. Und fügt hinzu: »Ein zu umfassender Abfallbegriff führt dazu, den eigentlichen Gegenstand aus den Augen zu verlieren.« Wenn Köster und Charli XCX von Müll reden, dann meinen sie also zwei verschiedene Dinge: Wo die Popsängerin sowohl auf eine popkulturelle Ästhetik als auch den »White Trash« verweist, meint der Historiker das, was in unseren Abfalleimern landet: Gegenstände, die von Menschen als nutz- oder wertlos bewertet wurden.
Müll & Trash: Doppeldeutigkeit
Als Kurator:innen einer Design- und Collectible-Ausstellung zum Thema »Trash« wurde uns diese – von uns ursprünglich begrüßte – Doppeldeutigkeit ein wenig zum Verhängnis. Denn auf die Ausschreibung für die Collectible-Ausstellung »Fokus«, die im September im Rahmen der VIENNA DESIGN WEEK stattfinden wird, bekamen wir viele Dinge aus Müll im wortwörtlichen Sinne zugeschickt; wir vermissten unter den klugen, rezyklierbaren und kreislauffähigen Einsendungen aber mitunter diejenigen, die mit Trash als ästhetischer Kategorie spielten. Die absolute Ausnahme waren Konzepte, die beide Welten vereinten. Das hätte uns nicht besonders überraschen sollen, werden gerade Produktdesigner:innen seit einigen Jahren an Kunsthochschulen dahingehend getrimmt, sich als Problemlöser:innen und Neudenker:innen für die großen Krisen dieser Welt zu positionieren – was sinnvoll und notwendig ist. Eine dieser Krisen äußert sich in Form riesiger Mengen von Abfall, die wir als Spezies produzieren. Diese manifestieren sich dann zum Beispiel als Great Pacific Garbage Patch im Ozean oder als Mikroplastik im menschlichen Blutkreislauf. Es liegt also nahe, sich diesem Problem gestalterisch zu widmen. Gleichzeitig – und hier wird es interessant – sprechen diese Produkt- oder Objektkonzepte meist eine Formsprache, die alles andere ist, als das, was wir als »trashy« bezeichnen würden. Es scheint so, als müsste das, was Müll ist (oder war), ästhetisch so weit weg vom Trash gestaltet werden wie möglich. Dinge aus Müll, die dann auch noch »trashy« aussehen, scheinen ein gewisses Risiko der doppelten Stigmatisierung in sich zu tragen.
Kulturgeschichte
Der Begriff »White Trash« als abwertende Bezeichnung für eine weiße und sehr arme Bevölkerungsgruppe der US-amerikanischen Südstaaten ist etwa 200 Jahre alt. Später wurde der Begriff des »Trash« auch auf popkulturelle Erzeugnisse angewendet, die mit a) wenig Budget und b) wenig Zeit versuchten, das nachzuahmen, wo andere wesentlich mehr Geld und Zeit investieren konnten. Beispiele hierfür sind sogenannte C-Movies aus Hollywood. Auch wenn diese US-amerikanischen Low-Culture-Erzeugnisse erst etwa in den 1980er-Jahren das Label »Trash« erhielten, ist das Phänomen der Abwertung alles andere als neu. Im deutschsprachigen Raum wurde seit der Aufklärung zwischen »High« und »Low« Culture differenziert, beispielsweise im Bereich der Literatur. Dort war die Angst vor »Schmutz und Schund« seit dem späten 19. Jahrhundert besonders ausgeprägt Bildungsbürger:innen sahen in sogenannten »Kolportageromanen«, also billigen Romanen, die durch Hausierer mit Bauchläden vertrieben wurden, eine Gefahr. Einigermaßen ironisch ist daher die Tatsache, dass Deutschland in diesen Anfangstagen der Industrialisierung selbst für seinen schlecht produzierten Ramsch in Dingform bekannt war. 1912 veröffentlichte der Kunsthistoriker Gustav Edmund Pazaurek daher sein Werk »Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe«, in dem er vor sogenannten »Materialpimpeleien«, Konstruktions- und Dekorfehlern, warnte. Pazaurek war auch Mitglied des 1907 gegründeten Deutschen Werkbunds, einer Vereinigung, die versuchte, eine neue Warenästhetik und Qualität in der deutschen Produktlandschaft zu etablieren.
Auf- und Abwertung
1964 prägte Susan Sontag den Begriff »Camp« in ihrem Essay »Notes on Camp« mit dem viel zitierten Satz: »Es ist gut, weil es schrecklich ist«. Nun ist Sontags fluider Camp-Begriff nicht mit Trash gleichzusetzen, aber ihre Definition hilft, Trash als ästhetische Kategorie ein bisschen besser zu verstehen. Zumal sich in den letzten Jahren vor allem bei jungen Gestalter:innen der Trend etablierte, Grafiken und Produkte möglichst »trashy« aussehen zu lassen. Zum Einsatz kommen geschwungene, oft kalligrafisch anmutende Ornamente mit spitzen Dornen, eine Menge Y2K-Nostalgie und – um es mit Pazaurek zu sagen – auch die ein oder andere »Materialpimpelei«. In unserer Jurysitzung zur Ausstellung kam es daher mitunter zu merkwürdigen Gesprächen: Ist dieser Entwurf »trashy« genug? Was ist eigentlich »guter« und was ist »schlechter« Trash? Wieso gibt es zum Trash eigentlich kein positives Pendant? Und wie bewertet man etwas, das in sich bereits eine Abwertung trägt oder diese gar zitiert? Zum Glück geht es uns hier wie vielen Menschen, denn ästhetische Gefühle und Momente drücken sich zwar gern unmittelbar und stark aus, verorten und klar benennen lassen sie sich aber nur schwer. Die Ausstellung »Fokus« im September wird damit zum Abschluss des »Brat Summer« zu einem begrüßten Tanz auf zwei Dancefloors: Aufwertung (Up-cycling, Recycling, Umwertung, Neunutzung) und Abwertung (Trash, Trash-Zitat). Die Bewertung dieser Ab- und Aufwertung bleibt dabei den Betrachtenden überlassen. Dabei appellieren wir an die Besuche-
r:innen, nicht unbedingt ihrer ersten Intuition oder gelernten Begriffen von Schönheit zu folgen. Denn entgegen der landläufigen Phrase, über Geschmack ließe sich nicht streiten, sagen wir: Das ist sehr wohl möglich – und nötig. Und an welchen Objekten ließe sich das besser praktizieren als an trashig-mülligen Collectibles?
INFO: Nina Sieverding & Anton Rahlwes gestalten heuer das Format »FOKUS« und zeigen u. a. trashiges Collectible-Design in der Festivalzentrale: Landstraßer Gürtel 51, 1030 Wien; 20.-29. 9., 11-20 Uhr.