The Forgotten Space: Treppen als Interior-Highlight
Was lange als bloßer Übergang diente, wird neu entdeckt. Treppen entfalten heute gestalterisches Potenzial – kreativ, präzise und mit überraschender Präsenz.
Skulptur statt Konstruktion
Aktuelle Projekte wie jenes vom startup_architettura zeigen Treppen nicht mehr als Beiwerk, sondern als skulpturale Objekte. Klare Linien, präzise Proportionen und eine reduzierte Materialwahl rücken sie ins Zentrum des Raumes. Licht und Schatten modellieren die Stufen und verleihen der Konstruktion Tiefe.
Auch die Treppe im Haus in Akitsu, Hiroshima, wirkt weniger wie ein funktionales Bauteil und mehr wie eine raumgreifende Skulptur. Aus rohem Beton geformt, schraubt sie sich in einer fließenden Bewegung nach oben und entzieht sich jeder klassischen Typologie. Sichtbeton, präzise Flächen und der Verzicht auf Geländer unterstreichen ihre radikale Klarheit. Hier wird deutlich, wie Treppen als architektonisches Statement funktionieren können.
Weitere Projekte, in denen Treppen und Stiegenhäuser diese Rolle übernehmen, finden Sie im Beitrag »Skulpturale Highlights: Treppen und Stiegenhäuser«.
Farbe als Identitätsmerkmal
Ganz anders ist dieses Beispiel: Die Treppe ist hier ein expressives Gestaltungselement. In sattem Gelb lackiert, zieht sie den Blick sofort auf sich und wird zum Herzstück des Interieurs. Umgeben von dunklen Wandfarben, Kunst und Objekten entsteht ein bewusst gesetzter Kontrast. Sie zeigt, wie Farbe ein funktionales Element emotional aufladen kann – und wie Treppen zu identitätsstiftenden Merkmalen eines Hauses werden.
Licht als Inszenierung
Kaum ein architektonisches Element profitiert so stark von Licht wie die Treppe. Besonders eindrucksvoll zeigt das Designstudio Baise9 Studios aus Monte Carlo, wie indirekte Beleuchtung, integrierte LED-Linien und gezielt gesetzte Spots Bewegung sichtbar machen und dem Aufgang eine beinahe theatrale Wirkung verleihen.
Das stille Potenzial
Hier richtet sich der Blick auf einen Bereich, der lange übersehen wurde: den Raum unter der Treppe. Hinter schwarz gerahmten Glastüren öffnet sich ein präzise organisierter Stauraum. Die Lösung wirkt fast selbstverständlich, weil sie sich formal an die Treppe anpasst. Materialien, Farben und Proportionen greifen ineinander. Statt verlorener Fläche entsteht ein nutzbarer Raum mit Atmosphäre.
Bei dem Projekt von Studio Goodd wird die Treppe Teil eines durchdachten Alltagskonzepts. Der Raum unter der Treppe wird zur Bühne für Routinen. Stauraum, Arbeitsfläche und Kaffeemaschine fügen sich zu einer funktionalen Einheit. Besonders die Espressomaschine verleiht dem Ort eine fast rituelle Qualität – ein alltäglicher Moment, der räumlich inszeniert wird.
Verbindungen schaffen
Die Treppe ist längst kein übersehenes Bauelement mehr. Sie steht exemplarisch für einen Interior-Ansatz, der dem Raum zwischen den Ebenen Bedeutung verleiht. Wer Treppen heute bewusst plant, schafft nicht nur Verbindung, sondern Charakter.
Dass Treppen mehr können als nur Ebenen zu verbinden, zeigt sich auch dort, wo sie Raum für Bücher schaffen. Zwischen Stufen und Podesten entstehen Heimbibliotheken, die Bewegung und Rückzug miteinander verbinden. Ein schönes Beispiel dafür finden Sie in diesem Artikel.