Wellness für Körper und Geist: Das richtige Bücherangebot ergänzt das Wohlfühlangebot eines Hotels.
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Hotel-Bibliotheken: Bücher zu buchen
Hotel-Bibliotheken sind Erholungsverstärker und Türöffner in neue Erlebnisräume – wenn sie gut zusammengestellt und ansprechend inszeniert sind. Dafür gibt es Profis und verschiedene Konzepte.
von Klaus Höfler
20. November 2022
Die Bibel in der Lade des Nachtkästchens, ein küchen-philosophischer Lebensratgeber am Kopfpolster und regionale Tourismusprospekte am Tisch. Dazu in einer Sitzecke, in Durchgängen oder neben der Rezeption eine richtungslose Sammlung von Romanen, Bildbände, die mitten in den Alpen von den schönsten Stränden in der Südsee erzählen, Kinderbücher, die für schnelle Ablenkung sorgen sollen: ein ankerloses Repertoire an Zufälligkeiten. Im Schatten von Betten und Bar, Spa und Restaurant fristen Bücher in der Hotellerie und Gastronomie häufig ein Dasein als Dekorationsobjekt. Mehr nicht. Sie bleiben im Normalfall eine Randnotiz.
Doris Lind will das ändern. »Bücher sind keine Staffage, sondern eine Verheißung«, ist die Germanistin von der inspirierenden Kraft von Büchern überzeugt und folgt diesem Credo auch beruflich: Sie richtet Hotel-Bibliotheken ein. Das Angebot der Literaturexpertin ist ein ganzheitliches: Sie stimmt sich mit den Innenarchitekt:innen bezüglich der Regalgestaltung ab, empfiehlt oder trifft die Auswahl der Bücher, kümmert sich um deren Bestellung und Lieferung, inszeniert deren Präsentation in den Räumen und Zimmern. Denn zu einem umfassenden Wellnessangebot eines Hotels gehört, so Lind, auch die anregende »Massage für den Geist« in Form eines durchdachten BibliothekKonzepts.
Handverlesene Werke
Das »Silena – the soulful Hotel« im Südtiroler Valsertal hat eines. Lind hat für die selbst bibliophilen Betreiber Magdalena und Simon Mayr ein Repertoire aus 1500 handverlesenen Werken zusammengestellt. Romane, Krimis, Erzählbände, großformatige CoffeeTableBooks zu Design und Lifestyle Themen und Werke zu Südtirol: Jeder Titel hat seinen thematischen Bezugsrahmen, seine Begründung. Die Auswahl hat über sechs Monate gedauert, das Abgleichen der gelieferten mit den bestellten Büchern vier Stunden. »Bücher schaffen sinnanregende Erlebnisräume, sind Teil des halböffentlichen Auftritts des Hotels und damit eine erweiterte Visitenkarte«, sagt Lind: »Werte, Haltungen und Interessen eines Hauses werden durch das Bücherangebot sichtbar und spiegeln den Ort und die Gastgeber wider.«
»Bücher sind eine erweiterte Visitenkarte eines Hotels. Werte, Haltungen und Interessen des Hauses werden durch das Angebot sichtbar.«
Doris Lind, Kuratorin für Hotelbibliotheken
Auf die Inszenierung kommt es an
Dieser Anspruch wird auch beim »Apfelhotel Torgglerhof« in St. Leonhard bei Meran erfüllt. 700 Bücher sind hier über die verschiedenen Häuser des Betriebs verteilt. Da im Zentrum der eigenen Apfelbaumplantagen gelegen, gibt es viele Bücher, in denen Äpfel eine Rolle spielen. In den im Brunnenhaus präsentierten Romanen bis zu den Bildbänden steht dagegen Wasser im Mittelpunkt. Im »Sensora Dolomites« in Seis am Schlern dreht sich indes alles um die Sinne. Fünf Tage vor der Hoteleröffnung begann Lind im Juni heurigen Jahres mit dem Einstellen der bei der regionalen Buchhandlung in Brixen bestellten Bücher. Monate davor hatte sie mit dem Architekten die Größe der Regalfächer im luftigen Fichtenholzwandverbau abgestimmt. Teile der Bücher finden ihren Platz in den alten Bauernmöbeln, die Gastgeberin Lea Oberhofer in das neue Interior Design integrieren hat lassen. Immer aber kommt es auch auf die Inszenierung an. »Die schönsten, interessantesten und exklusivsten Titel werden mit dem Cover nach vorne gedreht. So können sie in den Raum wirken, mit den Gästen ‚sprechen‘ und sie anlocken«, erklärt Lind, warum Bücher »mehr können, als nur gelesen werden«. Am Tisch, wo gerne getratscht wird, sind inspirierende CoffeeTableBooks aufgelegt. Und viele geografische und chronikale Atlanten – eine weitere Besonderheit dieser Hotel-Bibliothek. Am Ende bekommt jedes Buch noch einen Aufkleber: »I live at Sensoria Dolomites«.

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Kostenloser Rückversand
Dennoch braucht es bei Hoteliers in Sachen Bibliotheken eine gewisse Großzügigkeit. Denn teilweise reisen am Ende eines Urlaubs nicht nur die Gäste ab. Dass Bücher später selbstständig den Weg »nachhause« finden, bleibt die Ausnahme. Im »Hotel Stäfeli« in Zug am Arlberg bietet man daher vorfrankierte Umschläge an, mit denen ein im Hotel angelesenes und zu Hause zu Ende gelesenes Buch kostenlos retourniert werden kann. Im »Budersand Hotel« auf Sylt, wo Schriftstellerin Elke Heidenreich die 1400 Bände umfassende Bibliothek zusammengestellt hat, können Gäste die Bücher wiederum direkt im Hotel bestellen und bekommen sie dann nach Hause geliefert.
Wie in den Südtiroler Hotels setzt man sowohl im »Budersand« zwischen Dünen und Meer wie auch im »Stäfeli« inmitten der Arlberger Gipfelkulisse auf eine entsprechende Inszenierung der angebotenen Bücher. Im »Stäfeli« findet man an acht Stationen jeweils auf das unmittelbare Umfeld abgestimmte Bücher, Zeitschriften oder Magazine. Im Flur ist es ein kleinformatiges Buch fürs schnelle Reinschmökern. Im »Zeit-Raum« sind die Bücher nach Stimmungen sortiert. Durch die Bücher und die Geschichten, die sie erzählen, sieht der Gast das Hotel mit anderen Augen. »Wer in den Büchern der Stoffdesignerin Tricia Guild geblättert hat, wird am Morgen den Gardinenstoff ganz anders zur Seite schieben. Ihm werden die Muster auffallen, die Formen. Es wird wertvoll«, ist man im »Stäfeli« überzeugt. Bei aller Wertschätzung für das Kulturgut, bleiben die Bücher selbst jedoch »ein Gebrauchsgegenstand, der mit der Zeit gewechselt werden muss«, erinnert Lind. »Indem sie achtsam präsentiert werden, bekommen sie aber den Raum und Wert, den sie verdienen.«
Bücher, über die man spricht
Auch im »Literaturhotel Juffing« am Tiroler Thiersee setzt man auf die Erholung bringende Wirkkraft von Geschriebenem. So stehen den Gästen rund 2600 Bücher zur Verfügung. Im Eingangsbereich des Hotels befindet sich ein gut bestücktes Regal mit aktuellen Neuerscheinungen, im etwas ruhigeren Bereich der Lobby mehrere Regale mit Lyrik. In jedem der 45 Zimmer ist eine kleine Bücherwand, die sich einem bestimmten Thema oder einer/einem bestimmten Autor:in widmet. In den Regalen: Ausgesuchte Neuerscheinungen aus dem deutschsprachigen Raum, englische Originalausgaben, Übersetzungen aus dem Spanischen und Französischen, aber auch ausgewählte Klassiker und informative Bücher zu Leben, Wirtschaft und Politik. Kurz gesagt: Bücher, über die man spricht und Bücher, die man gelesen haben sollte.
»Eine Hotelbibliothek einzurichten, ist ein Traumjob. Wenn alles fertig ist, wechseln sich Glück, Freude und Begeisterung in Sekundenschnelle ab.«
Doris Lind, Kuratorin für Hotelbibliotheken
Ähnliche Idee, andere Umsetzung heißt es für das »Hallstatt Hideaway Mountain – Lesehotel« von Silke Seemann. Die 20 Zimmer des Hauses werden von 20 Verlagen mit Neuerscheinungen bespielt. »Bei den kleineren Verlagen umfasst es das gesamte Programm, bei den großen Verlagen suchen die Kooperationspartner:innen die Werke aus, die bei uns auf interessierte Leser:innen treffen«, erklärt Seemann. Aktuell sind damit rund 12.000 Bücher im Haus. Die Bücher gehören allerdings nicht dem Hotel, sondern weiterhin den Verlagen und kommen nach einer gewissen Zeit in ein weiteres Kulturhotel, das gerade geplant wird.

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»Lesekarte« für das richtige Buch
Die Spielarten der Inszenierung von Literatur in der Hotellerie sind also vielfältig. Neben dem haptischen Erlebnis bietet das »Juffing« Literatur auch als Rauminstallation. Der Teppich in den Gängen des Haupthauses ist mit literarischen Texten von Raoul Schrott bedruckt, das Stiegenhaus und die Wände in den Gängen des Haupthauses werden von Lyrik geziert. Im »Silena« kann man einen mit 50 Büchern bestückten Bücherwagen aufs Zimmer kommen lassen, in der Bar passende Bücher zu den jeweiligen Drinks bestellen, auf der »Lesekarte« das richtige Buch zum Kaffee ordern und im Hörkino im Spa-Bereich eigens eingesprochene Hörbuch-Auszüge als »Wortaufgüsse« genießen. Im Hallstätter »Lesehotel« muss man gar nicht erst aufstehen. Die »Plug&Play Lese- und Vorlesebetten« sind extra für das Haus konzipierte Bücherregale, die sich im Raum auf Rädern frei bewegen lassen. Sie sind außer Schlafstätten für manchen Autor Arbeitsort, für Gäste Lese- und Vorleseraum. Dank spezieller Leselichter kann auch in der Nacht stundenlang gelesen werden, ohne die Augen zu ermüden. Ein Carbonnetz sorgt für Abschirmung gegen Elektrosmog und damit für entspanntes Lesen und erholsames Schlafen. Und im »The Alcove«-Library Hotel in Ho-Chi-Minh-Stadt wird Gästen eine Gute Nacht-Geschichte vorgelesen.

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