Mit Handicap zum Sieg: Thomas Panholzer, Geschäftsführer Transgourmet Österreich, Annemarie Foidl vom Sommelierverband, Moritz Huth, Vineus-Newcomer-Sommelier 2024, Gerald Santer, Bereichsleitung Trinkwerk und JAVA Kaffee, sowie Andreas Hayder, Abteilungsleiter Category Management Getränke bei Transgourmet Österreich (v.l.).
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Inklusion: Über Chancen und Herausforderungen in Hotellerie und Gastronomie
Ein Unfall, eine genetische Veränderung oder eine plötzlich ausbrechende Krankheit – das Leben kann sich unerwartet ändern, doch seine Qualität nicht. Menschen mit Beeinträchtigung bereichern die Arbeitswelt auf einzigartige Weise. Warum Hotellerie und Gastronomie besonders geeignete Branchen sind und wie Betriebe von Mitarbeitenden mit Handicap profitieren.
von Wiebke Stegmann
05. Dezember 2024
Ein Motorradunfall. Eine Mutter, die während der Schwangerschaft Alkohol trinkt. Das Downsyndrom. Es sind Momente oder Entscheidungen anderer, genetische Veränderungen oder Krankheiten, die das Leben anders, aber nicht weniger lebenswert machen. Zumindest für die Menschen, die PROFI getroffen hat. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ihre Arbeit trotz und wegen ihrer Beeinträchtigung lieben. Warum Hotellerie und Gastronomie geeignete Branchen sind, um Menschen mit Handicap einzustellen, und wie dies auch das »Hotel-Restaurant Anne-Sophie« bereichert, erfahren Sie hier.
»Keine Besserung: Im Gastgewerbe fehlt Personal«, berichtete der WDR Ende 2023. Zu diesem Zeitpunkt waren 44.000 Stellen in deutschen Hotels und Restaurants unbesetzt. Rahel Stuker, Geschäftsführerin von Insos und Mitglied der Geschäftsleitung von Artiset, sieht hier Chancen: »Tourismus, einschließlich Hotellerie und Gastronomie, bietet ein vielfältiges Arbeitsfeld für Menschen mit Beeinträchtigungen. Integrationsprojekte unserer Mitglieder zeigen Win-win-win-Situationen: Betriebe erhalten loyale Mitarbeitende, diese haben spannende Jobs, und Gäste erleben bereichernde Inklusion!«
Überzeugt, dass Hotellerie und Gastronomie gute Orte für Teammitglieder mit Unterstützungsbedarf sind, ist auch Jutta Helferich. Sie ist die Inklusionsbeauftragte im »Hotel-Restaurant Anne-Sophie«, das mit dem »Hotelier des Jahres Special-Award 2024« ausgezeichnet wurde. Seit fünf Jahren ist sie dort und spricht aus Erfahrung: »Die Hotellerie ist prädestiniert. Das ist eine Branche, die schon immer vielfältig und offen war.«
Für Helferich ist die Entscheidung klar, Menschen mit Handicap einzustellen, weil das »Hotel-Restaurant Anne-Sophie« dadurch kompetente und verlässliche Mitarbeitende gewinnt. Was die Rentabilität betrifft, sagt sie: »Es müssen eigentlich immer drei Punkte im Einklang stehen – ganz oben steht der inklusive Gedanke, wir arbeiten auf einem sehr hohem Niveau und natürlich müssen auch die Zahlen stimmen.« Darauf achten die 120 Mitarbeiter:innen, 24 davon mit Beeinträchtigung, sehr genau.
Vorteile für Team und Gäste
Sozialpädagog:innen oder ähnliche Berufsgruppen gibt es im deutschen Team nicht, doch im Hotel »Dom« in der Schweiz, das 1988 eröffnet wurde, ist das anders. Es ist das erste Hotel mit einem Integrationskonzept, das Menschen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf im zweiten Arbeitsmarkt fördert. Yvonne Fanconi, Co-Hotelleiterin, erklärt: »Unser zentrales Anliegen ist es, Menschen mit einem Handicap zu befähigen und ihnen schrittweise mehr Verantwortung zu übertragen. Das Ziel ist, dass die Lernenden im Anschluss einen Platz im ersten Arbeitsmarkt finden.« Von den 85 Angestellten haben 55 einen erhöhten Unterstützungsbedarf. Fanconi betont die Vorteile: »In unserem Betrieb ist die Verzahnung zwischen den verschiedenen Bereichen komplexer und enger, was ein Umfeld schafft, in dem Ideen effektiv fließen können. Dies stärkt nicht nur das Wir-Gefühl, sondern trägt auch zu unserem gemeinsamen Erfolg bei.« Viele Gäste fühlen sich willkommen, und »einige sind sich nicht einmal bewusst, dass wir unser Hotel mit einem Integrationskonzept führen. Dieses Konzept trägt stark zu der besonderen Atmosphäre bei, die wir unseren Gästen bieten.«

»Standing Ovation«: eine Innovation macht das Arbeiten wieder möglich
Das Erlebnis im »Johanneskeller« in Salzburg ist besonders, vor allem durch das familiäre Miteinander und Küchenchef Peter Lammer, der auf einem einradähnlichen Gefährt ohne Reifen in der Küche arbeitet. Diese Konstruktion namens »Standing Ovation« wurde von ihm und Bernhard Tichy entwickelt und ermöglicht es Lammer, trotz seiner 80-prozentigen Invalidität aufgrund von Beinverletzungen, schwere Töpfe und Tabletts zu bewegen. Mit einem Patent und einem medizinischen Zertifikat wird das Produkt mittlerweile auch bei Patient:innen nach einem Schlaganfall und oder mit der Parkinson-Krankheit eingesetzt. Lammer wollte nach seinem Motorradunfall nur eines: zurück an den Herd. »Man hat mir angeboten: Rollstuhl, Rollator, Krücken oder Medikamente. Was sind das für Optionen?«, erzählt er. Der Prototyp von »Standing Ovation« hat ihm geholfen, seine Schmerzen zu reduzieren, sodass er nach kurzer Zeit keine Medikamente mehr benötigte: »Mein Verstand ist wieder völlig klar.«
»Ich erlebe es als eine Bereicherung, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die ein Handicap haben. Weil man ganz viel Soziales dazulernt. Manchmal fehlt es an Herzlichkeit in der Gastronomie, was bei uns anders ist. Und ich merke, dass ich in gewissen Situationen einfach ruhiger bleibe. Was gut für die Nerven und das Gemüt ist. Ja, es ist nicht immer einfach, aber es ist schön.«
Franziska Kaegebein, Restaurantleiterin Hotel-Restaurant Anne-Sophie
Die Freude am Arbeiten – und Leben
Trotz ärztlicher Prognosen arbeitet der 57-Jährige wieder in seinem Beruf, ernährt seine Familie, beschäftigt Mitarbeitende und hat neue Lebensfreude gefunden. Der Motorradunfall hat ihm Perspektiven eröffnet: »Es hat sich dadurch so viel Gutes in meinem Leben ergeben, was sonst nie passiert wäre«, sagt er.
Nikolai Gäckle dagegen fragt sich, wie sein Leben ohne die Fetale Alkoholspektrumstörung (FASD) verlaufen wäre, und versucht, seine Beeinträchtigung zu verbergen. Der 23-Jährige im dritten Lehrjahr zum Fachmann für Restaurants und Veranstaltungsgastronomie hat manchmal Schwierigkeiten, aber seine Kolleg:innen unterstützen ihn. Jutta Helferich bestätigt: »Der Niko ist ein unglaublich freundlicher Mensch, und das ist für unsere Dienstleistungen das Beste.« Er belegte den dritten Platz bei den Baden-Württembergischen Jugendmeisterschaften und hat dadurch sein Selbstbewusstsein gesteigert, was ihm bei seiner Abschlussprüfung zur Fachkraft Gastronomie half. Gerne arbeitet er die 40 Stunden pro Woche im »Hotel-Restaurant Anne-Sophie«, weil er sich dort wohlfühlt und sich weiterentwickeln kann.

Es wäre blöd, wenn ich nur zuhause sein würde
Helena Hirn ist seit zehn Jahren Teil des Teams und wurde mit einem Downsyndrom geboren. Eine ungewohnte Interviewsituation setzt sie unter Druck, weil sie alles richtig machen möchte. Restaurantleiterin Franziska Kaegebein, die eine innige Verbindung zu Helena Hirn hat, sagt: »Auf sie kann ich mich immer verlassen, sie ist hoch fokussiert, freundlich und eine totale Macherin.« Die 30-Jährige arbeitet 35 Stunden pro Woche im »Hotel-Restaurant Anne-Sophie« und übernimmt eigenverantwortlich eine komplette Station im Service, auch für größere Veranstaltungen. Ihr ist es ganz wichtig zu arbeiten – und damit auch ihr eigenes Geld zu verdienen. Für ihren Herbsturlaub auf Kreta hat sie ihren Lohn gespart und möchte nach ihrer Rückkehr von Nikolai Gäckle und Franziska Kaegebein an der Bar lernen.
Auch Fabienne Schwarz ist seit 26 Jahren im Hotel »Dom« tätig, wo sie eine 70-Prozent-Stelle im Bereich Hauswirtschaft und Service hat. Sie sagt: »Es wäre blöd, wenn ich nur zuhause sein würde.« Ihre Arbeit gibt ihr Struktur im Alltag, und sie schätzt den Kontakt zu den Gästen, auch wenn sie manchmal abwertend angeschaut wird. Die meisten Menschen sind jedoch freundlich, und sie hat im Hotel auch Freundschaften geschlossen, mit denen sie gelegentlich gemeinsam etwas unternimmt.
Die Freude, die die drei ausstrahlen, weil sie an der Gesellschaft teilhaben, ist spürbar. Ihre Kolleg:innen mit Handicap sind eine Bereicherung – darüber sind sich Jutta Helferich und Franziska Kaegebein sowie Yvonne Fanconi einig. »Es menschelt hier. Bei uns ist es freundlich, offen und respektvoll. So einen Arbeitsplatz wünschen sich die meisten«, sagt Jutta Helferich. Franziska Kaegebein ergänzt: »Es ist dieses Menschliche, das die Gäste anrührt. Fachlich muss alles stimmen, aber das Menschliche spielt eine größere Rolle, damit der Gast sich wohlfühlt. Dann kommt er wieder.« Deshalb war es für sie keine Frage, nach einer Auszeit ins »Hotel-Restaurant Anne-Sophie« zurückzukehren.
Auch für Yvonne Fanconi ist die Arbeit mit Menschen, die erhöhten Unterstützungsbedarf haben, eine Herzensangelegenheit. »Es ist immer wieder berührend und inspirierend zu sehen, wie sich jede und jeder Einzelne weiterentwickelt und die Aufgaben mit großem Engagement meistert.« Langeweile kommt bei ihr nie auf, und auch nach 20 Jahren im Hotel »Dom« erfüllt sie ihre Arbeit noch mit Freude.
Behindert, beeinträchtigt, gehandicapt: Wie sage ich es?
Schlägt man den Duden auf, so steht dort unter »behindert« Folgendes: »Bedeutung: infolge einer körperlichen, geistigen oder psychischen Schädigung beeinträchtigt.« Auch wenn es nur ein Wort ist, so hat es doch im täglichen Umgang miteinander ein Gewicht. Nikolai Gäckle und Helena Hirn sind sich da einig. Sie mögen es nicht. Bei dem angehenden Restaurantfachmann zieht sich alles zusammen, wenn ihn jemand als »behindert« bezeichnet. Er bevorzugt »besondere Menschen« oder »Menschen mit Beeinträchtigung«. Für seine Kollegin ist auch die Formulierung »Menschen mit Handicap« in Ordnung.
Für Fabienne Schwarz aus der Schweiz ist es nochmal anders: »Das Wort ›behindert‹ empfinde ich nicht als schön. Ich brauche in gewissen Punkten mehr Unterstützung. Ich möchte, dass man ganz normal zu mir ist.« Und Küchenchef Peter Lammer geht damit so um, dass er beispielsweise von sich sagt: »Ich fahre zum Krüppel-Treffen.« Er stört sich nicht daran. Denn für ihn ist es keine Abwertung oder Verbitterung, sondern seine Art.
Carmen Würth, Gründerin und Initiatorin des »Hotel-Restaurant Anne-Sophie«, sieht es so, dass dort »niemand normal oder anders ist. Weil er oder sie bei uns einfach nur ein Mensch ist«.
Unterm Strich wird deutlich: Es geht darum, sich auf Augenhöhe zu begegnen, so wie jede:r ist. Und wer nicht weiterweiß oder unsicher ist oder keine Ahnung hat, was jetzt angemessen wäre zu sagen – dann immer raus damit. Gemeinsam lässt sich eine Lösung finden.

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