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Die Weingärten rund um den Okanagan Lake bieten zu jeder Jahreszeit einen stimmungsvollen Anblick.

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Foto beigestellt

Anthony von Mandl: Kanadas Winzerkönig

Wein
Weingut
Kanada

Als Sohn eines vor den Nazis nach Kanada geflüchteten Paares, der Vater aus Wien, die Mutter aus Brünn, wurde Anthony von Mandl 1950 in Vancouver geboren. Mit Vision und großem unternehmerischem Geschick baute er einen internationalen Getränkekonzern auf und wurde zu einem maßgeblichen Motor der Weinindustrie von British Columbia.

Die Liebe zum Wein war Anthony von Mandl nicht unbedingt in die Wiege gelegt, Unternehmergeist und der Sinn für Innova­tion hingegen sehr wohl. Sein Urgroßvater Mayer Mandl machte als Kleiderfabrikant mit der Ausrüstung des osmanischen Heeres im Krimkrieg ein Vermögen. In den 1860er-Jahren etablierte er sein Unternehmen in Wien, zur Jahrhundertwende stellte die Familie bereits eine ganze Reihe von Millionären.

Der für seine großzügigen Stiftungen von Kaiser Franz Joseph zum Ritter geschlagene Großvater Max Mandl-Maldenau war Großindustrieller im Bereich Textil, Gummi und Leder, außerdem Vizepräsident der Wiener Börsenkammer und ein bekannter Kunstsammler und Mäzen. In seiner Wiener Privatgalerie befanden sich Schätze von Jan van Eyck, Teniers bis Ruisdael, dazu feinste österreichische Kunst des Biedermeier, etwa von Fendi, Ender, Krafft und Waldmüller.

1938 war die Familie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft zur Flucht und zum »Verkauf« ihrer Kunstschätze gezwungen. Max Mandl-Maldenau starb 1942 in Portugal, seine Frau Elsa war bereits 1939 in Frankreich verstorben.

Anthonys Vater Dr. Martin von Mandl und seine Frau Bedriska flohen über Frankreich, wo sie sich eineinhalb Jahre um ein Visum für Kanada bemühten, um es schließlich mit dem sprichwörtlich allerletzten Passagierschiff im Mai 1940 von Saint-Nazaire nach Ellis Island bei New York zu schaffen. Von dort ging es dann weiter mit dem Zug in Richtung Kanada.

Das Schiff, die luxuriöse »Champlain«, lief bei der Rückfahrt vor La Rochelle übrigens auf eine Seemine auf und wurde kurz darauf vom deutschen U-Boot U 65 versenkt.

Im Jahr 1959, Anthony war gerade mal neun Jahre alt, entschlossen sich die in Europa tief verwurzelten Eltern, ­zurück nach Wien zu gehen, um ihre Kinder ­Patricia und Anthony mit der Sprache, der Küche und der Kunst ihrer Ursprungs­länder vertraut zu machen. Sie wählten für ihre Kinder Schulen in Deutschland und der Schweiz, um dies zu vertiefen.

Zum Abschluss der Highschool übersiedelte die Familie zurück nach Kanada, das längst zweite Heimat geworden war. »Ohne die Ausbildung, das Verständnis für andere Menschen und andere Sprachen hätte ich nie anfangen können, geschweige das Geschäft aufbauen, das wir heute bei The Mark Anthony Group haben«, so von Mandl.

Er begann an der University of British Columbia ein Wirtschaftsstudium, und obwohl er sich während dieser Zeit lieber mit Kunst beschäftigte und als Radiomoderator für Jazzmusik betätigte, machte er mit 22 Jahren seinen Abschluss und eröffnete ohne Geld und Erfahrung sein Geschäft als Wine Merchant. »Ich war schon als Kind fasziniert davon, wie mein Vater bei Tisch von den verschiedenen Weinen gesprochen hat und wie sie mit Essen kombiniert werden. Ab einem gewissen Alter durfte ich auch den einen oder anderen Schluck probieren.« 

Gleich zu Beginn seiner Karriere musste von Mandl eine sechsjährige Durststrecke überstehen, denn das British Columbia Liquor Control Board hatte kein Interesse, auch nur einen seiner Importe einzulisten. Erst als von Mandl herausfand, dass er auch direkt an kanadische Fluglinien liefern durfte, war sein wirtschaftliches Überleben gesichert. Dafür hatte er eine qualitätsvolle Liste zusammengestellt, ein Großteil der Weine darauf stammte aus Frankreich.

Als von Mandl vor zwei Jahren in Paris mit dem höchsten ­französischen Verdienstorden und der Aufnahme in die ­Légion d’honneur ausgezeichnet wurde und angemerkt wurde, dass seine Firma Mark ­Anthony Wine & Spirits im Laufe von 50 Jahren etwa 30 Millionen Flaschen aus Frankreich importiert hat, meinte er nur lapidar: »Das ist ein ordentlicher Anfang« – eine Hommage an den von ihm gerne als Vorbild zitierten Robert Mondavi, der noch kurz vor seinem Ableben von seinen Projekten schwärmte und meinte: »Remember this, it’s just the beginning!« 

Anthony von Mandl
© James O‘Mara / Mark Anthony Group Inc.
Anthony von Mandl

Echte Innovationskraft

Um das Vermögen zu machen, das ihn in Stand setzte, nicht nur als Importeur, sondern auch als Weinerzeuger eine wichtige Rolle zu spielen, musste er allerdings erst einige Umwege in der Getränkeindustrie in Kauf nehmen. Mit der Einführung von Mike’s Hard Lemonade – einem malzbasierten Erfrischungsgetränk mit geringem Alkoholgehalt – begründete von Mandl 1999 sehr erfolgreich das Segment der sogenannten Alkopops. 2016 stellte er seine Innovationskraft in diesem Bereich mit White Claw Hard Seltzer erneut unter Beweis. Beide Getränke bilden neben dem Import und dem Handel mit Weinen von zahlreichen bekannten Weingütern sowie Spirituosen das Rückgrat der etliche Millionen schweren Mark Anthony Group.

Den nötigen Grundstein für seinen eigenen Wein hatte von Mandl mit großer Weitsicht jedoch bereits 1981 gelegt: Er hatte das Potenzial des Okanagan Valleys für die Produktion hochwertiger Stillweine erkannt und eines der fünf damals dort existierenden Weingüter namens Golden Valley Winery gekauft. Sein Mantra, diese Region könnte eine der besten Weinbau-Appellationen der Welt werden und man würde hier feine, von den besten Weinen Europa inspirierte Produkte erzeugen, erschien damals bestenfalls eine nette Illusion.

Aber der Selfmademillionär war nicht zu stoppen, und wieder kommt der große Napa-­Valley-Pionier Bob Mondavi ins Spiel, den Anthony schon zu einem frühen Zeitpunkt persönlich kennenlernte und als Mentor auserkor. Inspiriert von Mondavis Mission-Weingut erbaute von Mandl 1997 mit Architekt Tom Kundig ein atemberaubendes Ensemble, eingebettet in die Seenlandschaft und in die Weingärten der Naramata Bench am ­Okanagan Lake samt Glockenturm und Amphitheater.

Heute ist sein Mission Hill Family Estate längst ein Anziehungspunkt für den stetig wachsenden Weintourismus dieser naturschönen Region und wurde 2025 bereits zum sechsten Mal in Kanada als Weingut des ­Jahres ausgezeichnet.

Die Weinpalette ist umfangreich und in vier Gruppen unterteilt, so gut wie alle Terroirs rund um den See von der Grenze der USA bis zur Stadt Kelowna im Norden sind mit biologisch bewirtschafteten Eigenflächen ­abgedeckt. Seit dem Jahrgang 1997 bildet die rote Bordeaux-Cuvée namens Oculus aus der Icon Collection die Spitze des Sortiments. ­Lagerfähige Sammlerstücke in limitierter ­Auflage bietet die Legacy Collection, die mit den Rotweinen Compendium und Quatrain und dem Chardonnay Perpetua glänzt. Die Terroir Collection ist den Club Members vorbehalten, die Reserve-Serie deckt eine Vielzahl von Sorten und Stilen zu einem kundenfreundlichen Preis ab.

Gute Gastfreundschaft

Im Laufe der Jahre kaufte Anthony von Mandl weitere bereits bestehende Wein­güter im von ihm so geliebten Okanagan Valley. Alle Betriebe – seit 2021 biozertifiziert – sind darauf ausgerichtet, Weinfreunde zu empfangen, einige von ihnen haben auch einen ­Restaurantbetrieb.

Dazu zählt etwa CedarCreek mit dem »Home Block Restaurant« im Norden Okanagans. Es bietet einen atemberaubenden Blick auf den See und die frischen Weine aus Riesling, Chardonnay, Pinot Gris und Pinot Noir verleihen dem kühleren Klima Ausdruck.

Auf dem Weingut CheckMate stehen die Rebsorten Chardonnay und Merlot im Fokus. Fünf unterschiedliche Lagen-Chardonnays, darunter der gesuchte »Little Pawn« aus dem Jagged Rock Vineyard und vier Merlots, etwa der »Black Rook« aus Black Sage Bench, zeigen das große Potenzial des kanadischen Weins.

Weitere Weingüter sind ­Liquidity Wines in Okanagan Falls und Road 13 Vineyards, ein ­besonders Juwel ist die Martin’s Lane Winery, die sich unter Leitung von Shane Munn ausschließlich der Sorten ­Riesling und Pinot Noir annimmt, die aus vier tollen Weinbergen stammen und längst zu den besten Sortenvertretern weit über British Columbia hinaus zählen. 

Mit seinen 75 Jahren könnte sich der vinophile Milliardär zurücklehnen, aber das scheint in seiner DNA nicht angelegt zu sein. Wie sagte schon sein väterlicher Freund Bob Mondavi: »It’s just the beginning.«


Erschienen in
Falstaff Magazin Österreich Nr. 8/2025

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Peter Moser
Peter Moser
Chefredakteur Wein
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