Aus Überzeugung: Die Sieger der Müller-Thurgau Trophy 2025
Beim Müller-Thurgau scheint es nur zwei Weintypen zu geben: entweder schlicht – oder furios. Falstaff verkostete die Weine von Winzern, die den wahren Wert der Sorte zeigen: mit ideenreich erzeugten, vielschichtigen Weinen.
In diesen Tagen jährt es sich genau zum hundertsten Mal, dass der Müller-Thurgau nach Deutschland kam. Oder um genau zu sein: dass er nach Deutschland zurückkam. Denn Professor Hermann Müller, gebürtig aus dem Ort Tägerwilen im Schweizer Kanton Thurgau, lehrte in Geisenheim im Rheingau, als er 1882 jene Versuche begann, aus denen schließlich die nach ihm benannte Rebsorte hervorgehen sollte. Als Müller 1891 einen Ruf bekam, in der Schweiz eine Forschungsanstalt aufzubauen, nahm er die Stecklinge mit nach Wädenswil an den Zürichsee. Deren züchterische Weiterbearbeitung und Vermehrung fand schließlich am Schweizer Ufer des Bodensees ihre Heimat, in der landwirtschaftlichen Schule Arenenberg, nicht weit entfernt von Müllers Geburtsort.
Irgendwann verbreitete sich die Kunde von dieser früh reifenden Rebsorte, die einen Wein von großer Blumigkeit hervorbrachte, auch ans deutsche Bodenseeufer. Da die offizielle Einfuhr solcher Reben vor unüberwindlichen Hindernissen gestanden hätte, brachten zwei junge Männer aus Immenstaad, der Winzersohn Albert Röhrenbach und der Fischersohn Gottfried Ainser, im Frühjahr 1925 bei Nacht und Nebel ein Bündel Reiser mit dem Ruderboot aus der Schweiz nach Deutschland. Die Schweizer Kollegen hatten die Schmuggelware in einem Gebüsch am Schweizer Ufer deponiert.
Müller hatte seine Züchtung als »RieslingxSylvaner« in den Büchern stehen, erst 1998 stellte sich durch Genanalysen heraus, dass die Vatersorte nicht der Silvaner war, sondern die für ihre Frühreife bekannte Rebsorte Madeleine royale. Die Riesling-Verwandtschaft indes war von Anbeginn ein Argument für den Müller-Thurgau – auch eines, das entscheidenden Anteil daran hatte, dass die Züchtung nach dem zweiten Weltkrieg den aromatisch eher neutralen Elbling zu verdrängen vermochte.
Dabei verfügen Müller-Thurgau-Weine allerdings nur aus Höhenlagen über eine Säurestruktur, die sich mit derjenigen des Rieslings vergleichen kann. Aus wärmeren Klimazonen geraten sie oft etwas brav. Auch eine Muskatnote kann dem Müller-Thurgau zueigen sein – zweifellos haben Weine, bei denen diese Gewürznote mit einem extrakt- und spannungsarmen Gaumen einhergeht, zu jener Übersättigung beigetragen, die der Sorte in den vergangenen zwei Jahrzehnten ihre einstige Popularität genommen hat.
Die besten Weine unserer Trophy indes zeigen, dass und wie es anders geht. Wir konnten bei 17 Weinen 90 Punkte oder mehr vergeben, dreimal sogar 93 Punkte – das sind Bewertungen, die auch jedem Riesling-Tasting gut zu Gesicht stünden. Auch der Ideenreichtum, mit dem sich die vom Müller-Thurgau überzeugten Winzer der Sorte widmen, ist bemerkenswert. So haben etwa die Weingüter Lämmlin-Schindler und Höfflin Weine angestellt, die an der Maische vergoren waren – mit beeindruckenden Resultaten, die beim Weingut Lämmlin-Schindler besonders gerbstoffbetont ausfallen, und beim Wein aus dem Weingut Höfflin etwas geschmeidiger.
Letzterer belegte einen geteilten zweiten Platz – gemeinsam mit einem völlig anderen, aber ebenso beeindruckenden Typus: »Der Müller« vom Weingut Augustin aus Sulzfeld am Main ist ein körperreicher Wein mit opulenter Spätlese-Frucht, fränkisch trocken, aber auch schmelzend und mit feiner Muschelkalk-Charakteristik. Vom Kaiserstuhl stammt ein weiterer Terroir- »Urtyp«: Der Müller-Thurgau aus dem Eichstetter Weingut Weishaar entwickelt im Glas deutliche Feuerstein-Noten. Sehr weit vorne landeten auch drei Weine aus der Bodensee-Heimat des Züchters: Die vom Hochrhein stammende Erzinger Réserve des Weingut Clauß spielt raffiniert mit Sortenwürze und Holzeinfluss, so schafft der Wein den Brückenschlag zwischen Dichte und Eleganz.
Einen ganz klassischen Sortentyp, und das in bemerkenswert klarer und akkurater Form, bringt der Meersburger aus dem Weingut Alexander Volz ins Glas. Die Krone der diesjährigen Müller-Thurgau-Trophy aber geht ans bayerische Bodenseeufer: ans Weingut Schmidt aus Wasserburg – für einen Wein, der komplett auf Potenzial vinifiziert ist: Im Moment wirkt dieser 2024er noch jugendlich-hefig und verschlossen, dabei ist er aber so dicht und stoffig, dass eine exzellente Entwicklung hin zu vielschichtiger Würze garantiert ist.