Blick über die Jerusalemer Altstadt mit der für das Judentum wichtigen Westmauer und – im Hintergrund – dem Felsendom, einem der Hauptheiligtümer des Islam.

Blick über die Jerusalemer Altstadt mit der für das Judentum wichtigen Westmauer und – im Hintergrund – dem Felsendom, einem der Hauptheiligtümer des Islam.
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Jerusalem: Mutter aller Geschmäcker

Für Juden, Christen und Muslime ist Jerusalem die »Heilige Stadt«. Und sie ist ein Mittelpunkt des israelisch-palästinensischen Konflikts. Was alle Bewohner verbindet, egal welcher Religion sie angehören, sind das Essen und die Begeisterung dafür.

Die alten, engen Steingassen in der Jerusalemer Altstadt sind wie leer gefegt. Selbst an der Klagemauer beten derzeit nur wenige Juden. Und dort, wo es sonst nach orientalischen Gewürzen, ofenfrischem Rugelach, Challah und Pita riecht und den Besuchern Granatäpfel, Zitronen, Feigen, Okraschoten und Paprika in strahlenden Farben entgegenleuchten, am Mahane-Yehuda-Markt im Zentrum, tummeln sich derzeit keine Menschen. Die kleinen Läden, in denen Touristen sonst mit den Besitzern um Rabatte für Stoffe, Schmuck und Wasserpfeifen feilschen, sind fast alle geschlossen, die Rollbalken heruntergelassen. Auch in den Cafés und Bars, die das Bild der Straßen so prägen, sitzen nur einige Wenige. Zu groß ist die Angst vor weiteren Anschlägen der Hamas. Seit den Angriffen der palästinensischen Terrororganisation am 7. Oktober kommen auch keine Touristen mehr in die Stadt. Dabei zählte Jerusalem bisher gerade im Dezember zu einem der beliebtesten Reiseziele überhaupt.

Wie der Glaube verbindet

In diesem Monat feiern Juden acht Tage lang Chanukka, das Lichterfest zum Gedenken an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem im Jahre 164 v. Chr. Christen zelebrieren die Geburt Jesu. Und manche Juden und Christen feiern gar »Weihnukka« – wie sie es nennen – zusammen, obwohl die beiden Feste nichts miteinander zu tun haben. Sie zeigen: Religion muss nichts Trennendes sein, der Glaube kann Menschen, egal welchem Gott sie huldigen, auch verbinden. Selbst wenn wir in diesen Monaten gerade anderes erleben müssen.

So gehören Sabbat-Sirenen, Glockengeläute und Muezzin-Rufe in Jerusalem seit jeher zum akustischen Alltag. Denn sowohl für das Judentum als auch für den Islam und das Christentum ist die »Heilige Stadt« mit ihrer wechselvollen 4000-jährigen Geschichte das religiöse Zentrum.

Für Christen steht Jerusalem für die Leidensgeschichte Jesu. Der Verlauf der Via Dolorosa soll jenem Weg entsprechen, den Jesu vom Ort seiner Verurteilung, dem Amtssitz des römischen Statthalters Pontius Pilatus, bis zu seiner Kreuzigung am Hügel Golgota gegangen ist. Genau dort wurde später die Grabeskirche, das bedeutendste christliche Heiligtum, errichtet. Darin ist jene Stelle zu sehen, an der das Kreuz Jesu gestanden sein soll. Auch das Heilige Grab und der Salbungsstein befinden sich darin.

Die Grabeskirche ‑ hier auf 
einer Aufnahme aus dem 
frühen 20. Jahrhundert – 
findet sich an jenem Platz, 
an dem vor mehr als 2000 Jahren das Kreuz Jesu gestanden haben soll.
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Die Grabeskirche ‑ hier auf einer Aufnahme aus dem frühen 20. Jahrhundert – findet sich an jenem Platz, an dem vor mehr als 2000 Jahren das Kreuz Jesu gestanden haben soll.

Die Klagemauer am Fuße des Tempelberges wiederum ist die wichtigste religiöse Stätte der Juden. Der Überlieferung zufolge soll Gott diesen Hügel zu seinem Wohnsitz auf Erden auserkoren haben. Der jüdische König Salomo ließ deshalb darauf einen Tempel errichten. Im Innersten befand sich ein goldener Schrein, der das »Aller- heiligste« barg: die Steintafel mit den zehn Geboten Gottes. Nach dessen Zerstörung ließ ihn Herodes der Große Anfang des ersten vorchristlichen Jahrhunderts wieder neu errichten. Der prächtige Tempel existierte diesmal nicht einmal hundert Jahre. Die Römer zerstörten ihn 70 n. Chr. und vertrieben die Juden aus der Stadt. Übrig blieb jedoch »Kotel«, die mächtige Mauer, zu der die Gläubigen bis heute kommen, um zu beten, weil sie sich Gott dort am nächsten fühlen.

Ähnlich wichtig wie für Juden ist der Tempelberg auch für Muslime. Auf dem steinernen Plateau des »Al Haram al Sharif«, wie der Hügel auf arabisch heißt, ließ Kalif Malik 690 n. Chr. den Felsendom bauen, und zwar genau an jenem Platz, wo einst der jüdische Tempel gestanden haben soll. Warum gerade an diesem Ort? Um Macht zu demonstrieren und den Sieg der islamischen Welt über den Nahen Osten, so lautet die politische Antwort.

Aber es gibt auch eine religiöse Erklärung: Nach einer Legende, die auf der Sure 17,1 des Korans beruht, ist Mohammed, der Prophet, von diesem Felsen aus in den Himmel emporgestiegen. Noch heute, so glauben Muslime, könne man seinen Fußabdruck sehen. Sowohl den Felsendom als auch die nur wenige Meter davon entfernte Al-Aqsa-Moschee, die nach Mekka und Medina das drittwichtigste Heiligtum ist, dürfen nur Muslime betreten. Und nur sie dürfen dort beten. Die muslimisch-jordanische Stiftung »Waqf« hat die religiöse Hoheit über das vier Hektar große Areal am Tempelberg, die territoriale haben jedoch die Israelis. Konflikte stehen deshalb in dieser Stadt, die gerade ihre Vielfalt und ihr kultureller Reichtum so faszinierend macht, an der Tagesordnung.

Die West- oder Klagemauer wird von Juden meist nur »Kotel« – also Mauer – genannt. Sie gehörte einst zum Herodianischen Tempel, religiöse Bedeutung erlangte sie erst später.
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Die West- oder Klagemauer wird von Juden meist nur »Kotel« – also Mauer – genannt. Sie gehörte einst zum Herodianischen Tempel, religiöse Bedeutung erlangte sie erst später.

Kulinarische Welten

»Viertausend Jahre erbitterter politischer und religiöser Kampf haben ihre Spuren hinterlassen. Wo immer man hingeht – in die jüdischen Viertel oder in die historische Altstadt –, kämpfen die Menschen verbissen und leidenschaftlich darum, das, was sie als ihr Territorium betrachten, als ihre gefährdete Kultur oder ihr Recht auf einen bestimmten Lebensstil, zu schützen und zu bewahren«, sagen Yotam Ottolenghi und Sami Tamimi. »Doch die Leidenschaft und Energie, die die Menschen in Jerusalem im Überfluss besitzen, finden auch ihren Niederschlag in fantastischen Speisen und außergewöhnlicher kulinarischer Kreativität.« Die beiden berühmten Köche müssen es wissen. Sie sind in Jerusalem aufgewachsen: der eine im jüdischen Westteil, der andere im muslimischen Ostteil. Darum sind sie einander in ihrer Heimatstadt auch nie begegnet. Das Essen und die Begeisterung dafür scheinen – so traurig es ist – derzeit leider das Einzige zu sein, was die Menschen in dieser extrem gespaltenen Stadt eint, meinen die beiden. Denn Jerusalems Geschmäcker und Gerüche sind gewissermaßen die Muttersprache aller, sie kennen keine Grenzen.

Natürlich, jede Kultur hat ihre eigenen Spezialitäten und Köstlichkeiten: Vergleicht man die Gerichte, die eine palästinensische Mutter in At-Tur in Ostjerusalem für ihre Familie kocht, mit solchen, die im ultraorthodoxen Viertel Me’a Sche’arim auf den Tisch kommen, könnte man meinen, die kulinarischen Welten hätten absolut nichts miteinander zu tun. So käme es Palästinensern nicht in den Sinn, Pikantes mit Süßem zu kombinieren. In der jüdischen Küche, vor allem in jener der Sepharden, ist das gang und gäbe (siehe Rezept »Geschmortes Kalbfleisch mit Backpflaumen und Lauch«).

ZUM REZEPT

Doch bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass die geschmacklichen Gemeinsamkeiten überwiegen. Gehackter Salat aus Tomaten und Gurken, der – je nachdem, wer ihn serviert – israelischer oder arabischer Salat genannt wird, ist ein unverzichtbares Standardgericht, mittags wie abends. Und alle, egal ob orthodoxe oder liberale Juden, ob palästinensische Muslime, ob römisch-katholische oder russisch-orthodoxe Christen – um nur einige Gruppen des bunten Schmelztiegels zu nennen – kochen nun einmal mit jenen Zutaten, die ihnen die Region bietet: Oliven, Zitronen, Artischocken, Sellerie, grüne Bohnen, Paprika, Zucchini, Auberginen, Linsen, verschiedenste Kräuter sowie Nüsse, Feigen, Pflaumen, Marillen und noch vieles mehr.

ZUM REZEPT

Auch Hummus und mit Reis oder Fleisch gefülltes Gemüse werden in allen Vierteln der Stadt zubereitet. »Früher und zum Teil heute noch«, erzählt Yotam Ottolenghi, »war und ist es in jüdischen und arabischen Familien üblich, dass sich die Frauen treffen, um gemeinsam gefülltes Gemüse zuzubereiten.«

Hoffen auf Frieden

Fisch hatte aufgrund der Lage der Stadt am Rande der Judäischen Wüste bis zum 20. Jahrhundert kulinarisch nur eine untergeordnete Bedeutung. Vor allem jene Juden, die in den vergangenen hundert Jahren nach Jerusalem kamen, sorgten dann dafür, dass es auf den Märkten frischen Fisch zu kaufen gab. Die großen Aquarien mit den lebenden Fischen, die in den 50er-Jahren auf einmal auftauchten, galten als Sensation.

In dem Kochbuch »The Flavor of Jerusalem« erzählt Autorin Joan Nathan folgende Geschichte: Nach der Teilung Jerusalems zwischen Jordanien und Israel im Jahr 1948 wurde mitten durch das im Südwesten der Stadt gelegene arabische Dorf Beit Safafa ein Stacheldrahtzaun gezogen, der Freunde und Verwandte voneinander trennte. Bis 1967 wurden die Bewohner auf der zu Jordanien hin gelegenen Seite vom Mittelmeer und von seinen Fischen abgeschnitten. Doch den Menschen auf der anderen Seites des Stacheldrahtes gelang es mit allen möglichen Tricks immer wieder, die Soldaten an den Zäunen abzulenken, und ihren Freunden den einen oder anderen Fisch durch den Zaun zuzustecken. Manchmal vermag Essen eben die Grenzen niederzureißen. Auch in Jerusalem.

Wenn nicht heute, dann vielleicht morgen? Auf einer alten Steinwand südlich des Tempelberges steht folgender Psalm geschrieben: »Wünschet Jerusalem Glück! Es möge wohl gehen denen, die dich lieben! Es möge Friede sein in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen!«


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Erschienen in
Falstaff Nr. 10/2023

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Judith Hecht
Autor
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