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Als @bakinghermann erreicht Julius Fiedler ein Millionenpublikum.

Als @bakinghermann erreicht Julius Fiedler ein Millionenpublikum.
© Tara Fisher

Julius Fiedler: »Die großartigsten Gerichte der Welt sind zufällig vegan«

Buchtipp
Interview
Social Media

Mit seinem Sauerteigstarter »Hermann« und millionenfach geklickten Videos wurde Julius Fiedler zum Shootingstar der britischen Food-Szene. Jetzt legt der deutsche Content-Creator sein erstes Buch vor: »Natürlich vegan«. Im Interview verrät er, wie Jamie Oliver ihn formte und warum vegane Küche mehr ist als ein Trend.

Falstaff: Herr Fiedler, Sie kamen vor über zehn Jahren als Filmstudent nach London, wollten eigentlich fiktionale Geschichten erzählen – und werden heute als »Shootingstar der britischen Vegan-Szene« gehandelt. Woher der Sinneswandel?

Julius Fiedler: Im Studium habe ich gemerkt, dass mein Herz mehr fürs Essen schlägt als fürs große Kino. Für meine Abschlussarbeit drehte ich deshalb eine Doku über englischen Cheddar. Ich war eine Woche lang auf einem britischen Hof, zwischen Kühen und Käsehöhlen – und da wurde mir klar: Kulinarik und Storytelling lassen sich wunderbar verbinden.

Sie sind in London geblieben und haben bei einem Meister dieses Fachs gearbeitet. Was haben Sie als Produktionsassistent und Foodstylist bei Jamie Oliver gelernt?

Unfassbar viel. Vor allem, dass Rezepte zugänglich sein müssen. Jamie zeigt, wie man Authentizität mit Einfachheit verbindet – das prägt mich bis heute.

Ihr Social-Media-Durchbruch kam während der Pandemie – ausgerechnet mit Sauerteig. Zufall?

Total! Ich backe seit 2017 Sauerteigbrot – und wollte einfach nur meine Begeisterung teilen. Der Pandemie-Hype um Brot hat natürlich geholfen. Ich gab Online-Backkurse über Google Hangouts für ein kleines Publikum. »Hermann« ist der Name meines Sauerteigstarters – so entstand spontan mein Instagram-Kanal, der zunächst nur zur Organisation der Kurse diente. Rezeptvideos kamen erst später dazu.

 

Ich sehe keinen logischen Grund, warum wir manche Tiere essen und andere nicht.

 

Inzwischen folgen Ihnen allein dort über zwei Millionen Menschen. Hat das Ihren Blick aufs Essen verändert?

Absolut. Mit Reichweite kommt Verantwortung. Ich möchte keine Klicks um jeden Preis, sondern zeigen, dass vegane Küche weit mehr ist als Ersatzprodukte.

All Ihre Rezepte sind vegan. Warum?

Das ist für mich eine ethische Entscheidung. Ich sehe keinen logischen Grund, warum wir manche Tiere essen und andere nicht. Aber ich will niemanden belehren oder missionieren. Viele der großartigsten Gerichte der Welt sind ohnehin zufällig vegan – das will ich zeigen.

Instagram, Tiktok und YouTube reichen dafür offenbar nicht mehr: Am 28. Juli erscheint Ihr erstes Buch »Natürlich vegan«. Was ist seine Botschaft?

Vegane Küche ist kein Trend, sondern in vielen Kulturen tief verankert – ob aus religiösen, ökologischen oder ökonomischen Gründen. Das Wort »vegan« gibt es erst seit 1944, die pflanzenbasierte Küche aber seit Jahrtausenden.

 

Sie sind dafür in die unterschiedlichsten Länder gereist. Wie haben Sie entschieden, welche Rezepte ins Buch kommen?

Ich war unter anderem in Indien, der Türkei, Italien und Spanien. Vor Ort habe ich recherchiert, Menschen getroffen und Gerichte entdeckt, die ich vorher nicht kannte. Daraus entstand auch meine YouTube-Serie »Vegan Cultures«. Es ging nie ums Kopieren, sondern darum, die Gerichte alltagstauglich zu adaptieren.

Gleichzeitig leben wir in einer Zeit, in der alles schnell gehen soll. Wie begegnen Sie Menschen, die eine Fünf-Minuten-Pasta erwarten?

Ich zeige gern Abkürzungen – aber will auch vermitteln: Zeit ist oft die wichtigste Zutat. Sie bringt Geschmack und ist bei fermentierten Gerichten auch gesundheitlich wertvoll.

Der 30-jährige Content-Creator stammt aus der Nähe von Düsseldorf und lebt heute in London. Bekannt wurde er mit seinem Sauerteigstarter »Hermann« und viralen Rezeptvideos, in denen er vegane Küche alltagstauglich und kreativ inszeniert. Auf Instagram, TikTok und YouTube erreicht er unter @bakinghermann ein Millionenpublikum. 2025 erscheint sein erstes Buch: »Natürlich vegan«.
© Yuki Sugiura
Der 30-jährige Content-Creator stammt aus der Nähe von Düsseldorf und lebt heute in London. Bekannt wurde er mit seinem Sauerteigstarter »Hermann« und viralen Rezeptvideos, in denen er vegane Küche alltagstauglich und kreativ inszeniert. Auf Instagram, TikTok und YouTube erreicht er unter @bakinghermann ein Millionenpublikum. 2025 erscheint sein erstes Buch: »Natürlich vegan«.

 

Zeit spielte auch eine große Rolle bei der Entstehung Ihres Buches. Nachdem sie ein Land bereist hatten, sind sie erst einmal zurück in die eigene Küche gekehrt. Und das über drei Jahre lang. Welches Land hat ihr Buch nachhaltig geprägt?

Indien war erwartbar stark wegen des Ahimsa-Prinzips, das Gewaltlosigkeit gegenüber Lebewesen predigt. Überraschend war aber die Türkei: Dort gibt es eine eigene Kategorie veganer Olivenölgerichte, die Zeytinyağlı yemekler. Das Nationalgericht Kuru Fasulye, ein weißer Bohneneintopf in Tomaten-Paprika-Sauce, steht zusammen mit Pilaf und eingelegtem Gemüse sinnbildlich für mein Buch.

Storytelling ist der zentrale Bestandteil Ihrer Arbeit. Was macht für Sie ein Gericht erzählenswert – und welches Erlebnis hat Sie auf Ihren Reisen besonders beeindruckt?

Wenn ein Gericht eine Geschichte hat – ob uralt, kaum bekannt oder besonders aufwendig, wie das äthiopische Injera-Brot, das Tage zum Fermentieren braucht. Unvergessen bleibt mir eine Hochzeit in Südindien, wo ein Koch 40 Gerichte für 1.500 Gäste zubereitete, darunter 15 vegane Rezepte wie Sambar. Dieses Linsencurry kann regional immer wieder neu erzählt werden – auch hier in Deutschland.

 

Wie gehen Sie dabei mit dem sensiblen Thema der Kulturellen Aneignung um?

Viele vegane Gerichte haben tiefe religiöse Wurzeln, etwa im Hinduismus oder Buddhismus. Für manche ist das spirituell, für andere einfach Tradition – wie bei der Großmutter, die ein Gericht weitergibt. Essen bleibt so lebendig und kulturell verwurzelt, auch wenn sich Bedeutungen wandeln. Ich gehe mit Respekt und Transparenz an die Dinge heran: Ich recherchiere gründlich, lerne von den Menschen vor Ort und erzähle, woher die Gerichte kommen und was sie bedeuten. Das hilft, kulturelle Grenzen nicht zu überschreiten. Ich will nicht kopieren, sondern verstehen und vermitteln.

Welches Rezept aus dem Buch sollte man unbedingt nachkochen?

Vada Pav, ein Streetfoodgericht aus Mumbai: knuspriger Kartoffel-Fritter im Brötchen, mit drei verschiedenen Chutneys, Tamarinde, Knoblauch und Koriander. Wenn man reinbeißt, ist man sofort in Indien.

© DK Verlag

Natürlich vegan

Köstliche & ursprüngliche plantbased Rezepte aus aller Welt. Über 90 vegane traditionelle Gerichte von Julius Fiedler

DK Verlag
ISBN 978-3-8310-5150-2
Juli 2025, 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.07.2025
29,95 EUR


 

Anna Wender
Anna Wender
Senior Redakteurin
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