Schweizer Wein: Wie er sich entwickelt hat und wie er sich entwickeln wird
Die Entwicklung des Schweizer Weins in den vergangenen Dekaden ist schlichtweg grossartig. Die Weine werden immer besser, die Zahl an Spitzenwinzern immer grösser und die Liebhaber von Schweizer Weinen immer zahlreicher. Ein Rück- und Ausblick.
In vielen Ländern ist es ganz einfach normal, regionalen Wein zu trinken und zu feiern! In der Schweiz war das lange nicht der Fall, zumindest nicht flächendeckend. Und auch heute trifft man gelegentlich noch Geniesserinnen und Geniesser an, die bei der Aussicht auf einen Schweizer Tropfen argwöhnisch die Nase rümpfen. Rationale Gründe dafür gibt es nicht – oder nicht mehr.
Die Schweizer Winzerinnen und Winzer haben seit den 1980er-Jahren das Weinland Schweiz quasi revolutioniert. Während damals in vielen Regionen die Quantität im Vordergrund stand, ist Schweizer Wein heute praktisch flächendeckend der Qualität zugewandt. Und damit eben typisch Schweizerisch. Es ist insbesondere Innovationen und Verbesserungen in der Kellertechnik zu verdanken, dass wir heute eigentlich keine fehlerhaften oder wirklich schlechten Weine mehr ins Glas bekommen. Das gilt für Schweizer Wein genauso wie für Gewächse aus anderen Ländern.
Die wichtigste Komponente bei der Herstellung von Spitzenweinen ist aber bekanntlich nicht der Keller, sondern die Frucht und damit der Anbau. Und hier hat sich in der Schweiz nahezu Fantastisches zugetragen in den vergangenen Jahren. Seit jeher verfügt die Schweiz über erstklassige Terroirs in allen Landesteilen, und seit einigen Jahren findet man immer mehr Produzenten, diesen Terroirausdruck ins Zentrum ihrer Arbeit stellen. Das war aber ein langer Weg.
Junge Schweizer AOCs
Der erste und bis heute wichtigste Hebel bei der Steigerung der Qualität von Wein ist die Regulierung der Erntemengen. In der Schweiz werden diese durch die heute zahlreich vorhandenen AOC-Regelungen eingeschränkt. Ihre Entwicklung ist überraschend jung. 1988 war Genf an erster Stelle mit der Einführung einer AOC, gefolgt vom Wallis und Neuenburg 1990 und dem Tessin 1997. Heute gibt es 62 AOCs verteilt über alle sechs Schweizer Anbauregionen – die kleinste davon ist Vully am Murtensee mit gerade mal 152 Hektar, die grösste die AOC Wallis / Valais mit fast 5000 Hektar.
Obwohl die Weinkultur im Weinbaukanton Wallis natürlich schon lange vor der Einführung der AOC besonders ausgeprägt war, ist auch hier die Steigerung der Qualität und der Förderung des Terroirausdrucks deutlich zu spüren. Die Methoden und Weine sind allgemein präziser geworden, und der Sortenspiegel wurde den Gegebenheiten angepasst. Die bis heute wichtigste Rotweinsorte im Wallis, der Pinot Noir, wurde ergänzt durch andere Sorten, die besonders in heissen Lagen zu überzeugen wissen. Heimische Varietäten wie Humagne Rouge und Cornalin sind beliebter denn je – oder der etwas weiter südlich im Rhônetal heimische Syrah.
Wo bleibt der 100-Punkte-Wein?
Der echte Schatz der Schweiz sind nicht die neuen Varietäten, sondern die heimischen Sorten. Insbesondere im Wallis gibt es gleich mehrere autochthone Varietäten, die das Zeug zur Weltklasse haben, der omnipräsente Chasselas ist ebenfalls ein echter Schweizer, und mit dem Completer aus Graubünden oder dem Räuschling vom Zürichsee gibt es etwa auch in der Deutschschweiz rare Reben, die gestandene Weintrinker begeistern, und das auch international. Das wachsende Interesse an Schweizer Weinen im Ausland ist bemerkenswert, was sicher auch dem Engagement der Marketingorganisation Swiss Wine zu verdanken ist. Auch wenn die Exportquote mit rund einem Prozent nach wie vor extrem tief ist, wächst das Wissen ausländischer Weinprofis um die hohe Qualität des Schweizer Weins zusehends. Dies wiederum wirkt sich positiv auf den Ruf des Schweizer Weins im eigenen Land aus. Denn wie eingangs erwähnt gibt es heute keinen Grund mehr, Schweizer Wein zu verschmähen.
Welches Potenzial in den hiesigen Weinen steckt, zeigen auch die Verkostungsresultate. Lange Jahre wartete man gespannt darauf, wann ein Weinkritiker einem Schweizer Wein die Höchstnote geben würde. 2022 war es soweit: Kein geringerer als Robert Parkers «Wine Advocate» vergab für den Süsswein Grain par Grain Petite Arvine Domaine des Claives 2020 der Walliser Ausnahmewinzerin Marie-Thérèse Chappaz die Höchstnote von 100 Punkten. Ein Wein aus einer alten, in den Alpen heimischen Sorte! Verfolgt man den Qualitätsschub allgemein, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch ein trockener Schweizer Wein mit diesen höchsten Ehren ausgezeichnet wird.
Marie-Thérèse Chappaz gehört zu den Vorreiterinnen im Wallis – und der ganzen Schweiz. Sie arbeitet strikt biodynamisch und war für viele andere Winzerinnen und Winzer in der Schweiz ein Vorbild in der Umstellung auf einen nachhaltigen Anbau. Heute sind sage und schreibe 20 Prozent der Schweizer Rebflächen biologisch zertifiziert, rund 2700 Hektar also. Anfang des 21. Jahrhunderts waren es noch knapp 250 Hektar, 2017 knackte man die 1000-Hektar-Grenze. Alleine von 2022 auf 2023 betrug der Zuwachs an biozertifizierten Rebflächen in der Schweiz satte 242 Hektar. Bemerkenswert!
Dieser Paradigmenwechsel im Schweizer Weinbau ist flächendeckend, dennoch sind die nachhaltigen Methoden insbesondere in der Westschschweiz auf dem Vormarsch. Mit 60 Prozent Bio-Anteil ist der Kanton Neuenburg seit Anfang Jahr absoluter Spitzenreiter in dem Bereich.
Neue Winzer für die Schweiz
Quasi als Katalysator für neue Methoden in Rebberg und Keller wirkt sich derzeit der Einzug einer neuen Winzergeneration auf die Schweizer Weinwelt aus. In vielen renommierten Weinbetrieben wurde das Zepter weitergegeben. Und genauso wichtig: Die Schweiz kann auf viel Innovation von Quereinsteigern zählen, die oft mit viel Engagement neue Betriebe gründen oder bestehende Weingüter übernehmen und in die Moderne führen.
Die grösste Herausforderung für den Schweizer Weinbau ist schon seit einigen Jahren sicherlich der Klimawandel. Einerseits hat dies Einfluss auf die klimatischen Bedingungen allgemein, andererseits häufen sich die extremen Wetterereignisse wie Hagel, Frost oder langen Hitzeperioden. Mit der erwähnten Anpassung des Sortenspiegels, der Erschliessung neuer Lagen und natürlich neuer Technologien und Methoden dürfte der Schweizer Wein aber auch dafür gewappnet sein.
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