»Three-Martini Lunch« – Als drei Martinis zu Mittag noch zum guten Ton gehörten
Alkohol am Arbeitsplatz war in manchen Berufen früher so normal wie die Kaffeepause: Churchill trank angeblich rund um die Uhr, Truman gönnte sich schon vor dem Frühstück einen Drink und Eisenhower soll drei Martinis zum Mittagessen getrunken haben. Die Arbeitswelt hat sich verändert – und der »Three-Martini Lunch« ist aus der Zeit gefallen.
Ein paar edle Cocktails – genauer gesagt drei Martinis – zur Mittagszeit zu trinken war bei den »Mad Men« der 1950er- bis 1970er-Jahre eine verbreitete Praxis. Werbefachleute, Anwält:innen und Beschäftigte der Finanzbranche versammelten sich an der Madison Avenue in Manhattan. In einer Zeit des wirtschaftlichen Booms der Nachkriegsjahre verlagerte sich die Arbeit zunehmend in elegante Restaurants – inklusive alkoholischer Begleitung. Was heute eher als mangelnde Professionalität wahrgenommen wird, galt damals als gesellschaftlich angesehen – und stand für einen luxuriösen Lifestyle im maßgeschneiderten Anzug.
Business Lunch mit gewissem Kick
Einen ausgedehnten Business Lunch kann sich heute wohl nur ein Bruchteil der Gesellschaft leisten. Auch in der »Mad-Men«-Ära war er ein Zeichen dafür, dass man im Leben sozial und finanziell mithalten konnte – exzessiver Konsum wurde begrüßt.
Schon während John F. Kennedys Präsidentschaft in den frühen 1960er-Jahren wurde die Praxis zunehmend umstritten. In den folgenden anderthalb Jahrzehnten verschärfte sich die Debatte, bis US-Präsident Jimmy Carter im Jahr 1978 die steuerliche Absetzbarkeit des Business Lunch als Symbol sozialer Ungerechtigkeit kritisierte. George McGovern, Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei, fasste es 1972 in Worte: »Mit dem Steuersystem stimmt grundsätzlich etwas nicht, wenn ein Firmenchef sein 20-Dollar-Martini-Mittagessen steuerlich absetzen kann, ein Arbeiter aber nicht einmal den Preis seines Mortadella-Sandwiches.« Die Steuerreform von 1976 markierte den Anfang vom Ende des vollständig steuerlich absetzbaren Geschäftsessens. Gesetzlich besiegelt wurde es jedoch erst durch den Tax Reform Act von 1986, welcher die Absetzbarkeit auf 80 Prozent herabsetzte.
Effizientes Networking
Drei Martinis zur Mittagszeit bewiesen damals nicht nur Trinkfestigkeit, sondern symbolisierten auch Status und Macht. Wer Zeit für die edle Mittagspause hatte, gehörte zur glamourösen Welt der »Mad Men«. Auf Kosten der arbeitenden Gesellschaft durften es auch mehrere Martinis sein. Gerald R. Ford, Republikaner und bis heute der einzige nicht ins Amt gewählte US-Präsident, nahm die Geschäftsmänner in Schutz:
Der Three-Martini Lunch ist der Inbegriff amerikanischer Effizienz: Wo sonst bekommt man gleichzeitig etwas für die Ohren, den Bauch und einen Schwips?
Warum eigentlich der Martini?
Der Martini steht wie kein anderer Cocktail für Eleganz und Stil. Nicht zuletzt durch James Bond und Winston Churchill hat er sich in der Cocktailkultur einen Namen gemacht. Klassisch besteht er aus Gin oder Vodka und trockenem Wermut, wird gut gekühlt serviert und garniert mit einer Olive oder Zitronenzeste. Damals wurde er aber mit weniger hochprozentigem Alkohol zubereitet, weshalb drei Gläser nicht zwangsläufig über das gesellschaftlich akzeptierte Maß hinausgingen.
Der Martini vermittelt bis heute ein symbolträchtiges Bild, das mit Eleganz und Status verbunden wird. Die genaue Herkunft des Martini ist bis heute nicht eindeutig geklärt – als Cocktailikone ist er jedoch längst fest in der Barkultur verankert. Einige Restaurants in Amerika bieten ein »Three-Martini-Lunchpaket« an – ein Konzept, das heute wohl nur an dienstfreien Wochenenden Anklang finden wird.