Weltkurort Davos: Vom Alpendorf zur Weltbühne
Thomas Manns »Zauberberg« hat Davos zum Mythos gemacht, das Weltwirtschaftsforum lockt die internationale Spitzenpolitik in die Stadt. Doch ihr wahrer Zauber entfaltet sich abseits der Konferenzsäle und Sicherheitszonen – im unberührten Bergidyll.
Davos ist weltbekannt – als Wintersportmekka mit endlosen Pisten, als Wanderparadies, vor allem aber als Bühne des jährlich stattfindenden Weltwirtschaftsforums. Doch wer das mondäne Alpenstädtchen abseits seiner Hochsaison besucht, lernt eine andere Seite kennen: einen Ort, der sich in die Weite des Landwassertals schmiegt, umrahmt von imposanten Gipfeln – beschaulich, beinahe verschlafen.
Ästheten rümpfen nicht selten verächtlich die Nase über die Architektur von Davos; seine aus unterschiedlichen Epochen zusammengewürfelten Bauten, die mehr Funktionalität als alpine Postkartenidylle widerspiegeln. Doch zwischen all dem Verwechselbaren verbergen sich architektonische Perlen, etwa das ikonische »Sanatorium Schatzalp«, das an die Blütezeit der Davoser Höhenkliniken erinnert, oder das Kirchner Museum, das zu den stilistisch wirkmächtigsten Bauwerken der Deutschschweizer Architektur der 1990er-Jahre zählt. Das Kunsthaus wurde eigens für die Werke des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner konzipiert, in denen die Bündner Bergwelt oft das zentrale Motiv bildet. Wirklich spektakulär ist nämlich die Natur, die Davos umgibt: Im Sommer durchwandert man saftige Alpwiesen und dichte Wälder; der Davosersee, ein türkisblaues Juwel am Stadtrand, wird zum Treffpunkt für Segler, Windsurfer und Spaziergänger. Es ist dieser Kontrast zwischen pulsierender Weltbühne und majestätischer Stille der Berge, der Davos so faszinierend macht.
Pionier der Höhenmedizin
In den vergangenen zwei Jahrhunderten hat sich das einst bescheidene Bergbauerndorf radikal gewandelt. Heute ist die höchstgelegene Stadt Europas ein weltbekannter Tourismus- und Kurort. Sein Aufstieg von einer abgelegenen Siedlung zu einer internationalen Destination ist das Werk zweier visionärer Männer: des deutschen Arztes Alexander Spengler und des niederländischen Unternehmers Willem Jan Holsboer.
Spengler war 1849 in die Schweiz geflohen – er hatte in Baden an der 1848er-Revolution teilgenommen und wurde per Polizeidekret gesucht. In Zürich konnte er Medizin studieren und nahm später eine Stelle als Landarzt in Davos an. Dort machte er eine überraschende Beobachtung: Die Einwohner des Landwassertals waren außergewöhnlich krankheitsresistent – während im übrigen Europa die Tuberkulose wütete, schien die tödliche Lungenkrankheit hier kaum eine Rolle zu spielen. Spengler führte dies auf die Höhenluft zurück, der er besondere Heilkräfte zuschrieb. 1868 eröffnete er gemeinsam mit dem niederländischen Kaufmann Willem Jan Holsboer das erste offizielle Kurhaus des Dorfs, die »Kuranstalt Spengler-Holsboer« – und Davos wurde bald zum Mekka für Kranke aus ganz Europa.
Im Jahr 1900 wurde Spenglers Traumprojekt Wirklichkeit: die »Schatzalp«, das bis dato luxuriöseste Kurhotel der Welt. Es war das Maß aller Dinge: Badewannen auf Löwenfüßen mit beheiztem Wannenrand, vorwärmbare WC-Brillen; Speiseaufzüge, die jedes Zimmer direkt mit der Küche verbanden, sodass auch Bettlägerige ihr Essen stets frisch serviert bekamen. Jeder Balkon wurde so konzipiert, dass er maximale Sonneneinstrahlung erhielt – ein Meisterwerk der Lichtarchitektur. Bis heute ist das Hotel in Betrieb. Seit 2007 gehört die »Schatzalp« zur Vereinigung Swiss Historic Hotels, die sich dem Erhalt kulturhistorisch wertvoller Häuser widmet. 2008 wurde es als »Historisches Hotel des Jahres« ausgezeichnet.
lukrativer Mythos
Ab Ende der 1940er-Jahre wurde Streptomycin als wirksames Antibiotikum gegen Tuberkulose entwickelt, wodurch Davos als Kurort an Bedeutung verlor. Doch bereits im frühen 20. Jahrhundert hatte sich der Ort ein zweites Standbein als Wintersportdestination aufgebaut. 1894 nahm Sherlock-Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle an einer Skitour in Davos teil und schrieb darüber – sein Text war wunderbare Werbung für die Region. Doch nicht nur das Skifahren lockte Besucher, auch Schlittenrennen, Schlittschuhlaufen auf dem See und Eishockey sorgten für Begeisterung. 1923 rief Lucius Spengler, Alexander Spenglers Sohn, den ersten Spengler Cup ins Leben – ein Eishockeyturnier, das bis heute jedes Jahr ausgetragen wird.
Mit der Zeit wurden viele der ehemaligen Kurhäuser zu hochmodernen Hotels umgebaut: Bis heute kann man etwa im einstigen Waldsanatorium, das Thomas Mann zu seinem Jahrhundertroman »Der Zauberberg« inspirierte (heute bekannt als »Waldhotel & Spa«), nächtigen. Das futuristische »AlpenGold Hotel« wiederum thront als modernes architektonisches Wahrzeichen über dem Tal. Von diesen beeindruckenden Orten aus lässt sich die Bergwelt zu jeder Jahreszeit hervorragend erkunden. Dabei taucht man in die bewegte Davoser Vergangenheit ein – und genießt gleichzeitig die gänzlich tuberkulosefreie Gegenwart …