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Campi Flegrei: Die Kraft des Vulkans

Am Golf von Neapel erstreckt sich das Anbaugebiet Campi Flegrei. An den Hängen von Vulkankratern gedeihen hier weisser Falanghina und roter Piedirossi in jahrhundertealter Tradition.

Eine faszinierende Landschaft, in der sich ein Vulkankrater an den nächsten reiht, heisses Wasser und Schwefeldämpfe, die aus dem Boden austreten, ausserdem unzählige Thermalquellen. Sind wir in Island? Mitnichten! Wir befinden wir uns im Süden Italiens, genauer gesagt in den Campi Flegrei, den Phlegräischen Feldern. Der Dichter Vergil vermutete hier einst den Eingang zur Unterwelt. Auch heute noch ist das durchaus nachvollziehbar. Dämpfe und Fumarolen begegnen einem allenthalben. Obwohl die Bucht von Pozzuoli gleich nördlich an jene von Neapel anschliesst, ist sie Auswärtigen nur wenig bekannt. Die Neapolitaner bleiben hier gerne unter sich. Verständlich, angesichts der wirklich spektakulären Natur. Da ist nicht nur die Bucht von Baia und Bacoli, da sind auch mehrere Brackwasserseen und unmittelbar vorgelagert die Inseln Procida und Ischia.

Am Golf von Neapel, zwischen Vesuv und den Campi Flegrei, leben über drei Millionen Menschen – trotz aktiver vulkanischer Aktivität. Doch ist die Gegend nicht nur wegen ihrer Vulkankrater bekannt, auch der Weinbau geniesst eine sehr lange Tradition. Vor allem zwei Sorten werden in den Campi Flegrei produziert: der Weisswein Falanghina, sowie Piedirossi, ein Rotwein.

Falanghina wird nicht nur in den Campi Flegrei angebaut, sondern auch im Gebiet von Benevento. Auf einem Kongress in Pozzuoli erklärte allerdings der bekannte Weinprofessor Attilio Scienza, dass die beiden abgesehen vom Namen sie keinerlei Gemeinsamkeiten haben; Trauben- und Blätterform sind völlig unterschiedlich. Auch zur Herkunft der Bezeichnung Falanghina wusste der Professor Spannendes zu berichten. So gehen die Ursprünge des Weinanbaus auf die Griechen zurück, die etwa 700 v. Chr. mit Reben im Gepäck im nahegelegenen Ischia landeten, und von dort aus das Festland besiedelten. Reben sind Kriechgewächse und brauchen ein Gerüst, an dem sie sich entlanghangeln können. Die Griechen nutzten dazu unter anderem Stöcke, auf Griechisch Phalanx, was dem Wein den Namen «Falanghina» einbrachte.

Einst umfasste das Anbaugebiet rund 300 Hektar, doch zu Zeiten des Baubooms in den 1970er-Jahren musste ein Teil der Weinberge weichen. Heute beträgt die Anbaufläche noch rund 100 Hektar, die grösstenteils in einem Naturpark liegen und um deren Erhalt man sehr bemüht ist. Aufgrund des vulkanischen Bodens ist Falanghina sehr salzig und zeichnet sich durch eine erstaunlich grosse Spannung sowie sehr gute Säurewerte aus. Der rote Piedirossi hingegen ist eher leicht und sehr mineralisch geprägt.

Zu den bekanntesten Weingütern vor Ort zählt Cantine Astroni. Das Weingut befindet sich im einstigen Jagdgebiet der Bourbonenkönige, die Reben gedeihen an den Hängen des Astroni-Kraters. Gennaro Schiano vom Gut Cantine del Mare hingegen hat einen alten Steinbruch revitalisiert und mit Reben bepflanzt. Der Ausblick, den man von hier auf die Inseln Ischia und Procida hat, ist einfach fantastisch! Ein anderer junger, engagierter Weinmacher, Vincenzo di Meo von La Sibilla, berichtete, dass er beim Umpflügen der Weinberge immer wieder auf Fundstücke aus der Antike stösst. Wer Interesse an einem hervorragenden weissen Falanghina hat, dem sei auch das Weingut Agnanum empfohlen: Tag für Tag erklimmt Winzer Raffaele Moccia steil abfallende Weinterrassen aus vulkanischem Staub und Sand, um sie in Handarbeit zu bepflanzen, zu schneiden, zu pflegen und ihre Trauben zu ernten.

Übrigens sind sämtliche Reben hier wurzelecht – obwohl die Winzer vor Ort das eher nebenbei erwähnen, ist das eine echte Besonderheit. Aufgrund des sandigen Bodens ist die Reblaus zwar vorhanden, doch sie schadet den Reben nicht, was zur Folge hat, dass einige Rebbestände sehr alt sind. Einer der Rotweine von Gennaro Schiano vom Weingut Cantine del Mare wird beispielsweise aus Reben produziert, die sich an Bäumen hinaufranken – und mindestens 150 Jahre alt sind. Eines der vielen faszinierenden Details, die es in den Campi Flegrei zu entdecken gibt.


Othmar Kiem
Othmar Kiem
Chefredakteur Falstaff Italien
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