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Nantes: Frankreichs schönste Kulturstrecke

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Die Atlantikmetropole Nantes lockt nicht nur mit dem besten Radwegenetz Frankreichs, sondern auch als Magnet für Kunstsinnige und Feinschmecker. Rundum entfaltet sich eine Landschaft aus sanften Hügeln, Weinbergen und fruchtbaren Flussauen. Hier wird der Radurlaub zur Reise für alle Sinne.

Das größte Fahrradparkhaus in ganz Frankreich!« Unübersehbar kündigt ein Plakat die baldige Eröffnung des mehr als 1.200 Plätze umfassenden Komplexes an. Nantes, einst stolze Hauptstadt der Bretagne, liegt unweit der Mündung der Loire im Nordwesten Frankreichs. Die Hafenstadt hat sich in den letzten Jahren gewandelt: vom industriellen Knotenpunkt zur grünen Vorreiterin. Heute gilt sie als eine der fahrradfreundlichsten Städte des Landes. Hier kreuzen sich zahlreiche europäische Fernradwege – und machen Nantes zum natürlichen Treffpunkt der Pedaleure.

Da wäre »La Vélodyssée«, die Radodyssee, die auf 1.300 Kilometern von der nordbretonischen Hafenstadt Roscoff ins südfranzösische Hendaye führt. »La Loire à Vélo« folgt Frankreichs längstem Fluss aus dem Landesinneren bis in den Westen von Nantes, wo die Loire bei Saint-Nazaire mit dem wilden Atlantik verschmilzt. »La Vélidéale« führt vom Lac de Vassivière im grünen Herzen des Landes durch Naturparks und geschützte Sumpfgebiete an die Küste. Und die »Traversée Bretonne« verbindet Nantes mit der mittelalterlichen Abtei Mont-Saint-Michel, die 14 Tagesetappen entfernt im Norden liegt.

Vor allem Letzterer eignet sich hervorragend, um die bewegte Geschichte Nantes als einstige bretonische Hauptstadt kennenzulernen – denn der Radweg führt mitten durch die Bretagne, jene wildromantische Region, die für ihre keltischen Wurzeln, eigenwillige Kultur und von Wind und Wellen geprägte Landschaft bekannt ist.

Heute zählt Nantes zwar offiziell zur Nachbarregion Pays de la Loire, doch das bretonische Erbe ist allgegenwärtig – sichtbar in alten Wappen mit dem weißen Hermelin, dem heraldischen Symbol der Bretagne, das noch immer an Fassaden und Torbögen prangt: im Château des ducs de Bretagne, dem einstigen Herzogspalast, der heute ein historisches Museum beherbergt; in der keltisch geprägten Kultur, in traditionellen Festen wie der Fête de la Bretagne, in Musik und Tracht – und nicht zuletzt in der Küche: bei Galettes, Cidre oder dem buttrig-süßen Kouign-amann.

Das imposante Château des ducs de Bretagne ist ein Besuchermagnet im mittelalterlichen Zentrum der Stadt.
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Das imposante Château des ducs de Bretagne ist ein Besuchermagnet im mittelalterlichen Zentrum der Stadt.

Kunstgenuss an der Loire

Besonders stolz sind die Nantaiser auf ihren Kunstparcours Estuaire, der der Loire von der Innenstadt bis an den Atlantik folgt – vorbei an 33 Werken, die Kunstschaffende aus aller Welt in die Landschaft gesetzt haben. Der Österreicher Erwin Wurm etwa gestaltete ein bananenförmig gekrümmtes Segelboot mit blau-weißem Rumpf. Dessen Bug ragt über die Kante des Stegs hinaus – als würde das Boot in der Sommersonne dahinschmelzen und jeden Moment über die Anlegestelle tropfen. »Das Becken dahinter ist ein Schiffsfriedhof», erklärt eine Besucherin aus der Gegend. »Wahrscheinlich versucht es, dem Tod von der Schippe zu springen.«

Ein Stück weiter ragt ein abgeschnittener Kraftwerksturm in den Himmel. Und obendrauf … ist das ein Haus? Ja – mit Fenstern, Gardinen, Sessel und Stehlampe. Ein Werk des japanischen Künstlers Tatzu Nishi, der dafür bekannt ist, Monumente und technische Bauwerke mit bürgerlicher Wohnlichkeit zu konfrontieren. Er stellt unsere gewohnte Wahrnehmung auf den Kopf, indem er das Private ins Öffentliche verlegt – und umgekehrt. So wird aus einem Schornstein plötzlich ein Wohnzimmer mit Aussicht. Der Parcours verwandelt Nantes in einen offenen Ausstellungsraum – kostenfrei und für alle zugänglich. Selbst verschwitzte Radler sind willkommen.

Notre-Dame de Bon-Port aus Daniel Burens »Les Anneaux« – eine Reihe von 18 nachts illuminierten Ringen.
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Notre-Dame de Bon-Port aus Daniel Burens »Les Anneaux« – eine Reihe von 18 nachts illuminierten Ringen.

Wo heute Skulpturen und Installationen präsentiert werden, glitt einst reger Schiffsverkehr vorüber. Bis ins 19. Jahrhundert war Nantes einer der wichtigsten Überseehäfen Frankreichs. Prachtvolle Bauten wie die 1843 eröffnete dreigeschossige Einkaufspassage Pommeraye erzählen vom damaligen Reichtum der Stadt.

Doch dieser Teil von Nantes’ Geschichte hat ein dunkles Kapitel: Im 18. Jahrhundert wurde die Metropole an der Loire zur zentralen Drehscheibe des französischen Sklavenhandels. Über 40 Prozent des Menschenhandels in Frankreich wurden hier abgewickelt – rund 450.000 Männer, Frauen und Kinder wurden aus Afrika verschleppt, über Nantes verschifft und »in die Amerikas verkauft«. An dem Ort, wo einst die Sklavenschiffe anlegten, bevor sie Richtung Afrika aufbrachen, schneidet sich heute ein eindringliches Mahnmal aus Glas in die Uferpromenade: 1.710 eingelassene Platten erinnern an die Namen der Schiffe, die am transatlantischen Menschenhandel beteiligt waren.

Als sich die Hafenaktivität mit den größer werdenden Schiffen ab den 1950er-Jahren zunehmend an die Küste verlagerte, drohte Nantes in eine wirtschaftliche Krise zu geraten. Doch die Stadt wagte das Ungewöhnliche: Sie setzte alles auf die Karte Kultur. Das einstige Werft- und Hafengelände auf der Île de Nantes – eine künstliche Insel, die im Laufe der Jahrhunderte durch die Zusammenlegung kleinerer Inseln entstand – wurde zur Kunst- und Kulturoase mit Open-Air-Veranstaltungen, Galerien und Bars. In Industriebrachen entstanden Parks, die Innenstadt wurde für Autos gesperrt, das Netz an Radwegen ausgebaut.

Im Rahmen des Kunstfestivals Voyage à Nantes, das alljährlich im Juli und August stattfindet, entstand die rund 24 Kilometer lange »Ligne Verte«. Wer der grünen Bodenmarkierung folgt, erlebt Brunnen, die mit traditionellen Geschlechterrollen spielen, schwebende Häuser und geschwungene Tischtennisplatten. Auch der Kunstparcours am Loire-Ufer ist ein Ergebnis des Nantaiser Kunstspektakels. Rund 150 Kilometer umspannt das dortige Radnetz – stellenweise mit dem Zug erreichbar und somit auch in Etappen befahrbar.

In bequemen Tagesetappen gelangt man auch zum Lac de Grand-Lieu, einem der größten natürlichen Seen Frankreichs, oder in die südlich von Nantes gelegenen Weinberge, in die Heimat des Muscadet: ein trockener, frischer, leicht salziger Weißwein, meist mit geringem Alkoholgehalt – also auch für Radfahrer geeignet.

Im kürzlich renovierten »Château de La Frémoire«, einem eleganten Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert, kann man die besten Weine der Region probieren. Bei schönem Wetter im Garten, mit Blick auf die umliegenden Weinberge und begleitet von lokalen Köstlichkeiten: Austern aus dem nahen Atlantik und Fisch aus der Loire; cremiger, mit Muscadet gewaschener Curé nantais; von Butter und Rum strotzender Gâteau nantais.

2025 wurde Nantes vom internationalen Restaurantführer »La Liste« als Newcomer unter den kulinarischen Reisezielen ausgezeichnet. Es gibt mehr verlockende Lokale, Bars, Fromagerien und Feinkostgeschäfte, als man in einem Urlaub besuchen könnte. Immerhin, wer fleißig radelt, hat ordentlich Hunger und schafft so vielleicht das eine oder andere Käsestückchen und süße Teilchen mehr.

© Katjana Lacatena / carolineseidler.com

 

Erschienen in
Falstaff TRAVEL Magazin 03/2025

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Verena Carola Mayer
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