Als einzige Schweizer Bar: Zürcher «Late Bloomers» gehört zu Europas 50 besten
Ausgerechnet eine kleine Bar im Zürcher Rotlichtviertel sorgt international für Aufsehen: «Late Bloomers» wurde als einzige Schweizer Bar in die «Europe’s 50 Best Bars»-Liste aufgenommen. Falstaff hat die Gründer getroffen. Sie sind bodenständige Überflieger, die lieber Drinks servieren als sich selbst zu feiern.
Ursprünglich kommen Aineias Chilas, Stylianos Kalemis und Vangelis Dimitris aus Griechenland. Im November 2022 erfüllte sich für die drei aber in der Schweiz ein Traum. Mitten in Zürich eröffneten sie ihre lang ersehnte Bar. Sie nannten sie «Late Bloomers». Gute Dinge brauchen Zeit, besser spät als nie – darauf soll der Name anspielen.
Wenn man als Bartender arbeitet, träumt man immer vom eigenen Ort.
– Aineias Chilas
Doch bereits vier Jahre nach der Eröffnung erreichen die drei etwas, das sie selbst nie erwartet hätten. Sie schaffen es ins allererste Ranking von «Europe's 50 Best Bars» – als einzige Bar der Schweiz. So überraschend die Auszeichnung kam, so dankbar sie für die Ehrung sind, bleiben sie am Boden. «Schlussendlich ist unser Job, unsere Gäste glücklich zu machen. Das Leben, unser Alltag in der Bar, geht weiter.» Genau diese bodenständige Einstellung macht die drei Bar-Talente so sympathisch.
Wie eine grosse Umarmung
Kennengelernt haben sich Stylianos und Vangelis bereits in ihrer Kindheit, Aineias lernte Vangelis später in der Schweiz kennen. Stylianos beschreibt die Atmosphäre der Bar als eine Art grosse Umarmung, ein warmes Gefühl, das Gäste beim Betreten spüren sollen. «Es ist entscheidend, wie man Menschen begrüsst und willkommen heisst. Unsere Gäste sollen sich sofort richtig fühlen, als wären sie an einem Ort angekommen, an dem sie dazugehören», ergänzt Vangelis. «Uns geht es auch darum, Menschen zusammenzubringen und der Community zu zeigen: Wir haben das geschafft – ihr schafft das auch», so Aineias.
Die Schweiz ist unser Zuhause.
– Vangelis Dimitris
Auch deshalb blicken die drei nicht nur auf den eigenen Erfolg, sondern auf die Entwicklung der Schweizer Barszene insgesamt. Vangelis betont, wie dankbar sie seien, heute in der Schweiz arbeiten und leben zu dürfen. «Die Schweiz ist jetzt unser Zuhause», sagt er. Die Branche entwickle sich stetig weiter, auch die Balance zwischen Arbeit, Qualität und Leben werde zunehmend wichtiger.
Stylianos beobachtet zudem, dass Gäste bewusster konsumieren: Gerade weil vieles teurer und anspruchsvoller werde, suchten viele Menschen gezielt nach Qualität und nach Erlebnissen, die wirklich in Erinnerung bleiben. Aineias ist überzeugt, dass die Schweizer Hospitality- und Gastronomieszene international erst am Anfang ihrer Sichtbarkeit steht: «Ich bin sicher, dass in naher Zukunft noch viel mehr Menschen aus der globalen Branche die Schweizer Gastronomie erleben möchten.»
Alpenkräuter treffen Ägäis
Die Drinks der «Late Bloomers» verbinden mediterrane Leichtigkeit mit Schweizer Zutaten und zeitgemässer Barkultur. Zweimal pro Jahr wird die Karte ergänzt, Saisonalität spielt dabei eine zentrale Rolle. Von Beginn an habe der Fokus auf mediterranen Drinks mit Schweizer Touch gelegen, erzählt Aineias. Verarbeitet werden etwa Kräuter aus den Schweizer Alpen, regionale Zutaten und Produkte, die hierzulande wachsen. Einer ihrer bekanntesten Cocktails wurde 2023 als bester Cocktail der Schweiz ausgezeichnet – kreiert mit Bergtee aus den Schweizer Alpen und Goldener Melisse aus dem Biosphärengebiet Entlebuch.
Athen erlebt gerade eine goldene Ära der Cocktailszene – davon haben wir uns inspirieren lassen.
– Stylianos Kalemis
Auch Low Waste spielt eine Rolle, so weit es möglich ist. «Wir denken in einem Ökosystem», sagt Aineias. Stylianos ergänzt, dass hinter vielen Drinks deutlich mehr Arbeit stecke, als man auf den ersten Blick sehe: Es werde mit verschiedenen Techniken gearbeitet, auch mit solchen aus der Küche. Das Ergebnis soll trotzdem leicht und zugänglich wirken – Drinks mit vielen Ebenen, aber ohne Schwere.
Die «Late Bloomers» prägen die Szene längst auch ausserhalb ihrer eigenen Bar: mit Guest Shifts in anderen Bars, Vinyl-Sets hinter dem DJ-Pult und einer Präsenz, die ihnen den Spitznamen «Vibe-Managers» eingebracht hat. Sie beweisen: Eine Bar muss nicht laut sein, um wahrgenommen zu werden. Manchmal genügt eine grosse Umarmung – und viel Geduld. Der Name ist eben Programm.
8004 Zürich
Schweiz