Schweizer Garnelenfarm: Nachhaltige Zucht als Alternative zur Überfischung?
Schweizer Garnelen klingt nach einem Widerspruch, ist aber Realität. In Pratteln schwimmen Rosenberggarnelen in einer High-Tech-Anlage – nachhaltig gezüchtet, ohne Chemie, aber mit einem stolzen Preis. Lohnt sich das?
Die Meere sind überfischt, die Umwelt leidet – und doch bleibt importierter Fisch in der Schweiz der Standard. Dabei bieten moderne, einheimische Aquakulturen eine umweltfreundliche Alternative. Warum kaufen wir die Produkte nicht?
Laut Mirjam Hauser, Professorin an der FHNW im Bereich Konsumpsychologie, liegt das unter anderem an tief verankerten Wertvorstellungen und Konsumhaltungen, die sich nur langsam verändern. Die Schweizer:innen bevorzugen Produkte, die frisch, regional, gesund und im Einklang mit der Natur produziert sind – Aspekte, die sie intuitiv mit traditionellen Bildern wie dem Bauern mit seiner Kuh oder eben dem Fischer auf seinem Boot verbinden. «Hochtechnologische Produktionsmethoden, wie sie in der Aquakultur vorkommen, passen nicht in dieses romantisierte Bild und können daher auf Skepsis stossen», erklärt die Expertin.
Hinzu komme eine allgemeine Verunsicherung gegenüber industrieller Lebensmittelherstellung sowie die Komplexität der Labels und Informationen am Markt. «Konsument:innen können schwer einordnen, warum etwa ein Bio-Shrimp aus Vietnam günstiger ist als ein lokal produzierter.» Ohne klare, nachvollziehbare Argumente entscheiden dann viele nach Preis – besonders, wenn der Mehrwert des Schweizer Produkts nicht offensichtlich ist.
Die Schweizer Konsument:innen gelten laut Hauser zwar als qualitätsbewusst, wollen aber Transparenz und Authentizität. Für neue, technologisch innovativ produzierte Produkte braucht es deshalb gezielte Aufklärungsarbeit und Storytelling, um Vertrauen aufzubauen. Auch die Gastronomie spielt eine wichtige Rolle: Wenn bekannte Restaurants bewusst solche Produkte einsetzen, kann dies einen positiven Imagetransfer erzeugen und neue Trends mitprägen.
Kleine einheimische Produktion
Ein zentraler Grund für den geringen Anteil einheimischer Aquakulturen sind die hohen Produktionskosten. Land- und Lohnkosten sind in der Schweiz deutlich höher als in vielen anderen Fischproduktionsländern. Zudem unterliegt die Fischzucht strengen gesetzlichen Auflagen, insbesondere im Bereich Tierfutter, das dem Lebensmittelgesetz unterstellt ist. Das bedeutet, dass nicht nur die Fische selbst, sondern auch ihr Futter den hohen Standards der Schweizer Lebensmittelkontrolle entsprechen müssen.
Trotz dieser Herausforderungen gibt es in der Schweiz seit rund 20 Jahren moderne Aquakultur-Betriebe, die auf Durchfluss- und Kreislaufsysteme setzen. Hierbei wird Wasser aus Fliessgewässern, Quellen oder Grundwasser in Becken oder Teiche geleitet. Nach der Nutzung wird es aufbereitet und in die Natur zurückgeführt. Diese geschlossenen Systeme minimieren den Einfluss von Umweltfaktoren und reduzieren das Risiko von Krankheiten erheblich.
Nachhaltige Alternative zur konventionellen Fischerei
Viele Fangmethoden in der internationalen Fischerei haben gravierende Auswirkungen auf Meeresökosysteme. Zudem benötigen offene Aquakulturen im Meer oft Antibiotika, um Krankheiten vorzubeugen. Schweizer Kreislaufanlagen hingegen arbeiten in der Regel ohne chemische Zusätze oder Antibiotika. Ein Beispiel für eine innovative, nachhaltige Aquakultur ist die Eco Prawn Farm in Pratteln.
In einem Gespräch mit André Werner von Eco Prawns wird schnell klar: Die Zucht der Rosenberggarnelen ist eine Herausforderung. «Die Garnelen benötigen sehr spezifische Wasserparameter. Das harte Leitungswasser in der Region ist ungeeignet, da es aufgrund des Juragesteins zu kalkhaltig ist.» Auch die Fortpflanzung ist komplex. Die Larven benötigen einen spezifischen Salzgehalt und entwickeln sich über Wochen hinweg in einer kontrollierten Umgebung, die die natürlichen Bedingungen simulieren soll.
Doch die Mühe lohnt sich. Die Garnelen wachsen in einem naturnahen Kreislaufsystem ohne Antibiotika und chemische Zusätze heran. Ein biologisches System sorgt für ein natürliches Gleichgewicht, und durch moderne Technologien wird Wasser wiederverwendet und Abfallprodukte minimiert.
Qualität hat ihren Preis
Ein Kilo Freshwater Prawns aus der Eco Prawn Farm kostet rund 80 Franken. Zum Vergleich: Bio Black Tiger Riesencrevetten (tiefgekühlt) kosten im Handel etwa 57.50 Franken pro Kilo. Trotz des höheren Preises ist das Produkt einzigartig: Die Garnelen sind frisch, enthalten keine Zusatzstoffe wie Mikroplastik und haben eine exzellente Qualität. «Unsere Garnelen erinnern geschmacklich aber eher an Flusskrebse als an Meeresgarnelen», erklärt Andre.
Anders als industriell gezüchtete Garnelen wachsen die Rosenberggarnelen in vergleichsweise niedriger Besatzdichte heran – etwa 100 Tiere pro Kubikmeter. Dies gewährleistet artgerechte Haltung und hohe Qualität. Die Ernte erfolgt nur auf Bestellung, sodass ausschliesslich frische Ware ausgeliefert wird. Nach der Ernte werden die Garnelen sofort auf Eis gelegt und innerhalb der Schweiz verteilt.
Zukunft für die Schweizer Aquakultur
Mit rund 500 Kilogramm Garnelen pro Jahr ist die Eco Prawn Farm noch eine vergleichsweise kleine Anlage. Doch das Unternehmen plant, die Produktion auf eine Tonne jährlich auszubauen. Der Markt für nachhaltige Meeresfrüchte wächst, und viele Konsument:innen suchen nach umweltfreundlichen Alternativen zu importierten Produkten. Neben Garnelen werden in der Schweiz insgesamt 18 Fischarten in Aquakulturen gezüchtet, darunter Regenbogenforelle, Zander, Stör und Felchen. Die Regenbogenforelle dominiert die inländische Produktion mit rund 1.200 Tonnen pro Jahr.
Aquakulturen bieten eine nachhaltige Lösung, um die Nachfrage nach Fisch und Meeresfrüchten zu decken, ohne die Ozeane weiter zu überfischen. Doch die hohen Kosten und strengen Auflagen machen es schwierig, den Anteil der Schweizer Produktion zu steigern. Wer jedoch Wert auf Qualität, Nachhaltigkeit und faire Produktionsbedingungen legt, findet in Schweizer Aquakulturen eine attraktive Alternative zu Importware.
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