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Die Emanzipation des Roséweins

Roséwein
Schaumwein Special 2024

Rosé-Champagner waren vor 30 Jahren kaum relevant. Heute sind sie aus der Weinwelt kaum wegzudenken. Dass dem so ist, hat erstaunlich wenig mit den Weinen selbst zu tun.

Es ist eine Männerwelt. Oder besser gesagt: Es war eine Männerwelt. Die Welt der ­kleinen und vor allem großen Weine. Die Welt der Winzer und Weinhändler. Eine Männerwelt, bis die Wein­farbe Rosé kam, die heute nicht nur bei Champagnern reüssiert, sondern auch bei den vielen neu gekelterten Roséweinen – die österreichische Winzerin Pia Strehn kann da ein Lied des Erfolgs ihrer Rosé­weine singen.

Während Rotweine in der Gunst der Konsumenten seit diesem Jahr radikal sinken – hier kann man, auch wenn sie viele fürchten, von einer angekündigten Zeitenwende im Weinbau sprechen –, stieg der Verkauf von Roséweinen bei manchen Händlern zuletzt um bis zu 700 Prozent. Ja, klar ist: Dieser Zuwachs erfolgt von einem niedrigen Niveau aus. Doch der Boom ist so unglaublich, dass er viele in der derzeit mitunter auch verunsicherten Winzerwelt zum Handeln nötigt: weniger Rotweine und aus dem roten Lesegut Roséweine keltern.

Den Frauen sei Dank

Champangerwinzer und Weinhändler kennen den Boom zu rosé gekelterten Weinen schon länger. Genauer gesagt seit den 1990er-Jahren, als die ersten Rosé-Champagner auf den Markt kamen – ihnen folgten sehr bald andere Rosé-Schaumweine. Der Erfolg dieser Rosé-Champagner war verblüffend und er ging einher mit dem Erfolg der Blanc-de-Blancs-Champagner. Beide Keltermethoden waren vor 1990 nur ein Spleen einiger weniger Kellermeister und eigentlich nie dafür gedacht, als massiv gewinnbringende Nebenprodukte echte Etablierung zu erfahren.

Ist Rosé ein Frauen-Ding?
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Ist Rosé ein Frauen-Ding?

Von Nebenprodukten kann man bei den Rosé-Champagnern längst nicht mehr reden. Aber warum wurden ausgerechnet Rosé-Champangner so ein irrer Erfolg? Die Antwort: Weil Männer sie bis heute kaum oder gar nicht trinken. Aber Frauen. Und die tun es mit Überzeugung.

Ein Kind seiner Zeit

Es waren die Frauen, die in den 90er- und in den darauf folgenden 00er-Jahren des neuen Jahrtausends den Rosé-Schaumwein-Boom beflügelten. Und es waren nicht die erfolgreichen Unternehmer- und Entrepreneursfrauen, die es seit dieser Zeit endlich zuhauf gibt – sondern die Ehefrauen, die an der Seite meist erfolgreicher Männer im Restaurant als Aperitif und dann auch als Getränk zu den Gerichten Rosé-Schaumweine bestellten.

Zahlreiche ältere Sommeliers sprechen noch heute von diesem unglaublichen Boom, der wie aus dem Nichts kam und dem keine Marketing-Initiative vorausging. Der Rosé-Boom brauchte und braucht keine Werbung im klassischen oder mundpropagandistischen Sinn. Der Rosé-Boom ist ein Kind seiner Zeit. Und diese Zeit, auch wenn das vielen Männern immer noch nicht gefällt, ist die Zeit der Frauen und vor allem der Feminisierung der Gesellschaft.

Rosé, das ist unsere Farbe

Für die Ehefrauen war das Ordern eines Rosé-Champagners der erste gelebte Widerstand gegen das Konsumverhalten ihrer Männer, die alle Art von Roséweinen verachteten – und diese Verachtung gibt es bei Männern dieser Generation, deren Trinkverhalten wiederum von anderen Männern geprägt wurde, auch heute noch.

Rosé symbolisierte die Emanzipation von den traditionellen Trinkgewohnheiten der Männer, die schwere Rotweine, Cognac und Zigarren bevorzugen.
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Rosé symbolisierte die Emanzipation von den traditionellen Trinkgewohnheiten der Männer, die schwere Rotweine, Cognac und Zigarren bevorzugen.

In diesen Zeiten des Umbruchs bestellten noch Männer die Weine am Tisch. Und brachten Männer die Weine nach Hause, die sie dann in ihren Männer-Weinkellern bunkerten. Die Frauen aber trafen sich am frühen Abend zu Rosé-Schampus-Aperos, die ihren Frauenrunden versicherten: Rosé, das ist unsere Farbe. Rosé, das ist das Signal unserer Emanzipation von den Trinkvorlieben und Gewohnheiten der Männer mit ihren fetten, schwer alkoholischen Rotweinen, mit Cognac und der Zigarre hinterher.

Die von Männern thematisierte Verachtung für Roséweine war nicht ohne Grund: Die meisten Roséweine wurden über Jahrzehnte aus dem überbordenden Presssäften bei der Rotweingewinnung gekeltert, der vor allem in der Provence favorisierten Saignée-Methode – heute spielt diese beim Roséwein-Keltern nur noch eine untergeordnete Rolle. Technische Methoden: Das ist das Ding der Männer. Doch ist es eben genau keine Schmälerung des Verdienstes der Frauen, dass ihnen die technischen Methoden meist komplett egal waren.

Rosé ist neu, frisch, divers

Rosé-Champagner, zu allermeist von Männern gekeltert, waren ihr Licht in einem vom Männergeschmack beherrschten dunkelroten Weinleben; Rosé-Champagner sind nicht mehr alleine Ausdruck von Widerstand, sondern Inbrunst des Freude-vor-Gelaber-Trinkens, das sich jetzt breit durchsetzt und das es vor allem den Think­tank-Rotweinen »edler Herkunft« derzeit so schwer macht.

 

Fenster auf, frische Luft, hinaus mit dem Muff.

 

Dass dann auch noch die an Zahl nicht zu unterschätzende homosexuellen Communities beider Geschlechter und auch des Geschlechts dazwischen vor etwa 15 Jahren die Rosé-Schaumweine für ihre Partys und ihr Privatleben entdeckten, verhalf der Weinfarbe Rosé zusätzlich zum Erfolg. Weil sie neu ist, frisch ist, divers ist. Und weil sie den Weg von der Mode in die Moderne antrat.

Sie haben ihre Lektion gelernt

Das wohl erfreulichste an dieser Entwicklung ist, dass männliche Kellermeister, Winzer und Weinhändler ihre Lektion gelernt haben, dass sie auch erfahren haben, dass das andere Geschlecht sehr genuine, also unverfälschte, nicht von Männern geprägte Wünsche hat. Und dass diese Wünsche ein Geschäftsfeld sind, das sie fast schon sträflich vernachlässigten.

Rosé-Schaumweine und Rosé-Stillweine sind weiter Boten der Emanzipation. Aber im Heute ist diese Emanzipation nicht die Emanzipation der Frauen alleine, sondern die Emanzipation aller von einem Weltbild des Weintrinkens, das ausschließlich alte Männer als Männerkultur definierten. ­Fenster auf, frische Luft, hinaus mit dem Muff.


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Erschienen in
Falstaff Sparkling Special 2024

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Manfred Klimek
Autor
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