Genuss und Besinnlichkeit? Nicht jedes Türchen führt zum Ziel
Rotweinsalz, Trüffel-Condiments, Champagner-Fruchtaufstrich: In der Vorweihnachtszeit überbieten sich Anbieter mit immer ausgefalleneren Genussideen im 24-türigen Miniformat. Bloß: Der weihnachtlichen Stimmung steht das eher im Weg. Ein Kommentar.
Na, auch schon voll auf Advent? Dann stehen sie sicher schon bereit, die Adventskalender. Welcher ist es denn dieses Jahr geworden: ein Gourmet-Saucen-Adventskalender, einer mit Gewürzen, mit Senfsaucen, mit Trockenwurst oder Trüffel-Condiments?
Vor noch nicht allzu langer Zeit war der Adventskalender für kleine Kinder reserviert. Sobald man halbwegs halbstark wurde, war es vorbei mit den 24-Türchen. Das hat sich mittlerweile geändert. Heute gibt es für alle Alters- und Preisklassen Adventskalender.
Da gibt es Kalender mit Erdbeer-Champagner-Fruchtaufstrich, mit Dattel- oder Brombeer-Essig, hinter den Türen findet sich Syrah Rotweinsalz oder Winter-Zauber-Zucker. Natürlich spiegelt sich die erlesene Auswahl auch in den Preisen wider, die gerne mehrere hundert Euro kosten.
Es ist die Zeit, in der man sich ehrlich befragen kann, wo man seinen Platz im Leben sieht
Was hat er denn, könnte man jetzt fragen, wir alle wissen doch, dass die Vorweihnachtszeit die schönste des Jahres ist. Außerdem ist gegen Genuss doch nichts einzuwenden! Das stimmt natürlich, bloß frage ich mich, ob man der viel beschworenen Besinnlichkeit, die dem Dezember weithin attestiert wird, durch den Adventskalender-Exzess nicht eher den Weg verrammelt, statt ihr den Boden zu bereiten.
Glück ist nur eine Tür entfernt
Denn Besinnlichkeit entsteht doch durch innere Einkehr, indem man einen Schritt von der Welt zurücktritt und sich dem eigenen Leben wohlwollend und aus neuer Perspektive zuwendet. Vielleicht geht es um Gefühle der Dankbarkeit, vielleicht kann man auch ein wenig Trauer zulassen, weil jemand fehlt. Es ist die Zeit, in der man sich ehrlich befragen kann, wo man seinen Platz im Leben sieht, was man selbst noch tun kann, um dem eigenen Ideal noch besser zu entsprechen.
Nun ist es aber eines der großen Versprechen von Konsum, dass man schneller zu diesen Gefühlen kommt. Statt lange rumzugrübeln, füllt man seinen Warenkorb. Das Ergebnis, so die Hoffnung, ist das gleiche. So ist das auch beim Adventskalender. Da tritt man täglich eine neue Tür zum Glück ein. Aber kommt man je dort an? Auch wenn die Überraschung im Kalender von Tag zu Tag größer wird – besinnlicher wird dadurch gar nichts.
Besinnlichkeit ist nämlich etwas anderes. Da geht es nicht um Dopamin. Im Gegenteil: Da geht es darum, Wege zu finden, wie man mit seinem Leben, der eigenen Gewordenheit und der Zukunft zurechtkommt. Dass man sich darin übt, das Leben auch mit seinen Herausforderungen zu akzeptieren.
Die richtige Balance
Natürlich können einem die schönen Dinge des Lebens dabei helfen, sich wohlzufühlen und Frieden mit dem Leben zu schließen. Wenn ich das nicht glauben würde, schriebe ich wohl kaum für ein Genussmagazin. Gerade nach einem langen Jahr, das viele Schwierigkeiten mit sich gebracht hat, ist es schön, sich selbst auch mal zu verwöhnen.
Aber ich glaube auch, dass Genuss eine Fähigkeit ist, manche sprechen von einer Kunst. Es geht darum, die richtige Balance zu finden. So wie ein gelungenes Gericht nicht bloß aus Süße und Salzigkeit besteht, sondern auch das Bittere und das Saure ihren Platz brauchen. Ob das mit einem völlig überkandidelten Luxus-Adventskalender gelingt? Ich bezweifle es. Vielleicht rennt man mit dem Konsum-Wahn viel eher Türen ein, die schon offen stehen.