Januar ist dann, wenn man Genuss rechtfertigen muss. Aber warum eigentlich?
Der Start in ein neues Jahr kann etwas wirklich Belebendes sein. Neue Projekte, neue Ziele, manchmal ein neuer Job, vieles, auf das man sich freuen kann. Warum aber machen wir uns den Start selbst so schwer?
Die Krux mit den guten Vorsätzen zum neuen Jahr kennt wohl jeder. Voller Enthusiasmus und mit dem ein oder anderen Gläschen im Kopf werden an Silvester die Pläne für das neue Jahr festgelegt: weniger schlemmen, mehr Sport, endlich mit dem Rauchen aufhören, endlich die Dinge erledigen, die schon viel zu lange auf der langen Bank versauern, kein Alkohol mehr… die Liste ist beliebig lang und höchst individuell. Erfahrungsgemäß überleben die meisten dieser guten Vorsätze aber kaum die erste Januarwoche, denn zu schnell hat einen der Alltag wieder. Das war aber irgendwie auch Teil des Rituals, es war quasi eingepreist und man hatte direkt ebenso unterhaltsamen wie selbstironischen Gesprächsstoff, wenn man sich am 3.1. schon wieder die erste Zigarette in den Mund geschoben hatte. Dieser verdammte Schweinehund eben. Aber ganz schleichend hat sich dieses erheiternde Belächeln der eigenen Unzulänglichkeit in ein nerviges »Sich-rechtfertigen-müssen« verwandelt. »Wie, du trinkst Alkohol? Was, du isst noch Fleisch? Weißt du nicht, wie ungesund das ist?«. Das drückt bei vielen gleich zu Beginn mächtig auf die Stimmung.
Nicht ganz unschuldig an diesem Phänomen ist eine neue Generation von Selbstoptimierern, die ihr Leben mit gefühlt gänzlich anderen Prioritäten und einer wesentlich größeren Ernsthaftigkeit bestreitet, als man das früher getan hat. Das ist mittlerweile sogar messbar, denn wie beispielsweise das Statistische Bundesamt berichtet, gingen die Alkoholverkäufe in Deutschland im Januar 2024 im Vergleich zum Vormonat um fast 50 Prozent zurück. Und auch über einen längeren Zeitraum betrachtet zeigt sich, dass weniger getrunken wird. Im Jahr 2022 wurden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO in Deutschland 11,2 Liter reiner Alkohol pro Person ab 15 Jahren getrunken. Zehn Jahre zuvor war es mit 12,1 Liter pro Kopf noch knapp ein Liter mehr.
Gesundheit steht heute bei vielen jungen Menschen an erster Stelle und diesem Ziel wird alles untergeordnet. Geradezu inquisitorisch werden schlechte Einflüsse und vermeintlich Ungesundes aus dem Alltag verbannt, man jagt atemlos den nächsten Beauty-, Fitness- oder Ernährungstrends hinterher und verliert sich so in einem Exzess der Mäßigung, der den Zeitgeist immer mehr zu prägen scheint – alles in höchstem Maße »instagramable« versteht sich, denn wo, wenn nicht in der eigenen Social-Media-Bubble findet sich die so wichtige Bestätigung der selbstdisziplinierenden Health-Religion. Im Januar indes, dem »Dry January«, hat deren missionarische Botschaft Hochsaison, wenn hunderttausende von Teilzeitasketen den Alkohol als vermeintliches Urübel für ein gutes Gefühl kurzzeitig aus ihrem Leben verbannen. Und weil das nicht reicht, kommt neuerdings auch noch der »Sober October« hinzu. Die Generationenunterschiede im Mindset sind dabei nicht mehr wegzudiskutieren. Wurde früher unter Jugendlichen diskutiert, ob man lieber Rotwein oder Whisky in seine Cola kippt und welches das beste Mischungsverhältnis sei (es bewegte sich irgendwo zwischen 1 zu 2 und 1 zu 1), fragen junge Generationen heute nach Kaloriengehalt, Detox und Inhaltsstoffen. Man weiß manchmal nicht, ob man sie beglückwünschen oder bedauern soll, denn wo bleibt denn da der Spaß, der jugendliche Leichtsinn, das Ausprobieren, das Brechen von Regeln, das ignorante »Dem-Tod-ins Gesicht- grinsen«?
Maßvoll gilt auch für die Disziplin
Damit wir uns bei aller Ironie nicht falsch verstehen: Ein wenig Disziplin ist etwas Großartiges und der Trend zur bewussten Ernährung hat längst die Mitte der Gesellschaft erreicht. Generationen und ihre Denke beeinflussen sich immer gegenseitig. Das ist gut und richtig, bringt Gesellschaften weiter und wirft man einen Blick auf die Forschung, ist die Sache eigentlich klar: Verzicht auf Alkohol fördert die Gesundheit. Die Universität Sussex beispielsweise fand in einer Studie heraus, dass Menschen, die vier Wochen auf Alkohol verzichteten, besser schliefen, mehr Energie besaßen, Gewicht verloren und sich der Zustand ihrer Haut verbesserte. Auch Magen, Herz und Leber hätten bereits nach kurzer Zeit von dem Verzicht profitiert. Eine weitere Untersuchung aus München mit 3.000 Biertrinkern zeigte zudem, dass ab 0,8 Promille Alkohol im Blut jeder Dritte Herzrhythmusstörungen bekommt und jeder Vierte unter Herzrasen leidet. Aus rein analytischer Sicht ist die Argumentationskette damit abgeschlossen: Kein Alkohol bedeutet mehr Gesundheit.
Natürlich muss man gesund sein, um zu leben. Aber wir leben doch nicht, um gesund zu sein.
Georges Bataille
Doch der Mensch ist eben mehr als die Summe seiner Teile und nicht nur der Zustand derselbigen bestimmt über sein Wohlbefinden – auch die »Lust am Leben« ist entscheidend. Und genau hier stoßen wir auf das eigentlich Problematische der Selbstoptimierung: Der Lustfaktor »Genuss« gerät immer mehr in den Hintergrund – und da ist der »Dry January«, der einst aus einer britischen Gesundheitskampagne entstand, nur ein Symptom einer weitaus größeren Bewegung. Doch gerade der Genuss und manchmal auch das »über die Strenge schlagen« sind seit Urzeiten verlässliche Quellen des Glücks. Philosophen wie der Wiener Professor Robert Pfaller warnen daher auch seit geraumer Zeit vor den negativen Seiten einer zwanghaften Selbstoptimierung und Mäßigung. Wenn man der Gesundheit alles unterordne, verliere man nicht nur Genuss und Muße, sondern entwickele sogar neue Krankheitsbilder wie die Orthorexie – eine Mangelerscheinung, die bei Menschen auftritt, die sich ausschließlich gesund ernähren.
Sei nicht dein eigener Sachbearbeiter
Fakt ist: Man ist nicht nur auf der Welt, um zu leben, sondern auch, um ein Leben zu haben. Wer das vergisst, macht sich zum Sklaven einer lustbefreiten Doktrin und zum »Sachbearbeiter« der eigenen Lebenserhaltung. Der französische Philosoph Georges Bataille brachte das seinerzeit auf den Punkt, als er sagte: »Natürlich muss man gesund sein, um zu leben. Aber wir leben doch nicht, um gesund zu sein.«
Was lässt sich daraus für einen guten Start ins Jahr ableiten? Ein wenig Selbstreflexion über die eigenen Laster ist sicherlich kein Fehler und vielleicht ist der Januar als Startpunkt für Veränderung auch kein schlechter Monat. Wer aber zu viel will, das Maß verliert, sich das eigene Glück der kleinen Sünden verwehrt, kann den Januar in die dunkelsten Wochen des gesamten Jahres verwandeln und jeden hoffnungsvollen und beschwingten Start in das Jahr im Keim ersticken. Mäßigung in Maßen statt genussloser Befriedigung und bewusstes Gönnen statt Verzicht um des Verzichtes Willen können viel mehr bewirken als jede noch so bewusst auferlegte Diät. Bleiben Sie Ihr eigener Souverän und trauen Sie sich weiterhin auszubrechen und sich selbst zu belohnen. Dann klappt das auch mit den guten Vorsätzen.