Low & No = Yes! Ein Blick auf die Zukunft des Trinkens und der Barkultur
Was bedeuten Low-ABV und No-ABV? Und was haben diese Begriffe mit der Zukunft des Trinkens und der Barkultur zu tun? Die Antworten darauf gibt ein Blick auf einen sich radikal verändernden Markt.
First things first: Low-ABV und No-ABV bedeuten wenig Alkohol nach Volumenprozent, oder eben gar keinen Alkohol. Da sind die Volumenprozent auch egal – der Begriff lautet trotzdem so. Das könnte vor allem daran liegen, dass es wissenschaftlich geerdet klingt (was es nicht ist). Genau genommen ist Low-ABV auch kein neuer Trend, sondern eine deutsche Erfindung des Mittelalters und hatte schon damals mit »politischer Korrektheit« beim Trinken zu tun. Low-ABV hieß im Mittelalter »Dünnbier«und war mit rund 2 Prozent Alkohol und 6 Prozent Stammwürze jenes Bier, das jede und jeder trank - eben auch Frauen und sogar Kinder.
Früher war der Genuss starker Getränke ein Ding der Reichen. Den Armen blieb nur das Dünnbier. Das hat sich heute komplett gedreht!
Das geschah deswegen, weil das Wasser aus den Brunnen der Städte viele auch tödliche Krankheitserreger transportierte, die vergorenes Bier nicht in sich trug. Und so wurde das günstige Dünnbier quasi Alltagsgetränk jener, die es sich leisten konnten – was bei Weitem nicht das ganze Volk war. Die meisten Menschen hatten gar kein Geld und nur wenig Tauschware. Politisch korrekt - und so auch propagiert - war Dünnbier in Sachen klassengesellschaftlicher Abgrenzung. Kein Adeliger, kein Kirchenfürst, keine Kaufleute und erst recht nicht Ritter oder gar Könige und Kaiser tranken Dünnbier. Ihre Biere hatten jene fünf Prozent Alkohol und jene zwölf Prozent Stammwürze, die die meisten Biere heute noch haben. Der Unterschied zu heute liegt damit auf der Hand: das Konsumieren von wenig Alkohol wurde den unteren Klassen zugewiesen, das Trinken höherer Volumenprozente den Reichen und Wohlhabenden.
Der Alkohol in der Krise?
Und das war bis vor wenigen Jahren, verklausuliert, immer noch so: wohlhabende Männer tranken vor allem fette, marmeladige, kräftig alkoholische Rot- und Weißweine oder eben keine kreativen Cocktails der neuen Barkultur, sondern bloß Whisky, Gin oder Wodka straight. Und wenn es mal ein Mixgetränk sein durfte, dann einen Klassiker wie Martini, Gimlet oder Manhattan – schon ein Negroni war eine Unterschreitung der Würde. Das hat sich grundlegend geändert und »low or no Alkohol« wird heute den Wohlhabenden zugewiesen. Und den Frauen. Und den Männern. Den kräftigen Alkohol sehen nicht wenige bei den übergebliebenen Modernitätsverlieren. Das aktuellste Indiz hierfür ist die Weinkrise und die ist durchaus schon bedrohlich, wird aber noch gigantische Auswirkungen haben. Der Lehman-Moment dieser Krise war der große Einbruch bei den Vorbestellungen der Bordeaux-Weine aus 2023 im Frühjahr dieses Jahres, verstärkt durch die skandinavischen Alkohol-Monopole, die zuletzt vor allem in der Ökonomie auch neuer und moderner Naturweinwinzer eine große Rolle spielten, und jüngst ihre Bestellungen - und da geht es um viele Millionen Flaschen - nicht nur reduziert, sondern schlicht gestrichen haben. Bemerkenswert ist auch, dass dieses Culture-Canceln vor allem Rotweine betrifft. Minus 40 Prozent bei den Bestellungen, egal aus welcher Region. Und es betrifft ganz besonders dicke, fette, stark alkoholische (rund 15% ABV), überfruchtige und holzfassdominierte Rote. Bis zu minus 80% sind es hier. Anders sieht es beim Rosé aus, der geradezu boomt.
Warum ist das so? Weil Roséweine, vor allem Rosé-Schaumweine, von Frauen als emanzipatorisches Getränk wahrgenommen werden – als Befreiung vom Geschmacksdiktat der Männer, die eher seltener Roséweine trinken. Was erzählt die Rotweinkrise dem Spirituosenmarkt? Wenig und viel zugleich. Erzählen können wir etwa von den Unterschieden der Märkte, die schon jetzt gut zu erkennen sind. Zum Beispiel in den Supermärkten und Discountern in Berlin-Kreuzberg, dem Brennpunkt dieser Basisrecherche. Dort finden wir ein reduziertes Weinregal vor, das in den letzten zwei Jahren sicher ein Drittel seiner Länge eingebüßt hat. Wir erkennen aber auch, dass dieses eingebüßte Drittel mit Spirituosen aufgefüllt wurde. Und hier finden wir jetzt nicht mehr nur Basics, die zu besseren Alcopops verfeinert wurden, also beispielsweise Bourbon mit Beere oder Wodka mit Pfeffer, sondern auch komplett alkoholfreien Wodka, Gin und sogar Rum. Die Weine werden weniger und stattdessen erobern alkoholreduzierte oder alkoholfreie Spirituosen die Regale. Da der Handel nur auf die Nachfrage der Kunden reagiert, stellt sich die Frage, warum diese neue alkoholfreie Ware überhaupt so beliebt ist?
Es gibt Bars, bei denen die Hälfte der Drinks auf der Karte alkoholfrei sind. Und der Erfolg gibt ihnen Recht.
Die Art des Konsums ist ein Spiegel der Gesellschaft
Evidente Zahlen gibt es freilich keine, denn dazu ist das Phänomen No-Alkohol bei Destillaten eine zu junge Erscheinung. Tatsache aber ist, dass No-Alkohol-Destillate vor allem im Westen Europas aufgerufen werden. Im Osten ist die Welt noch so wie sie bei uns vor zehn Jahren war. Warum aber hat sie sich bei uns so verändert und vor allem: warum ging das so schnell? Die Low- und No-Alkohol-Bewegung in unseren Breiten hat sicher wesentlich mit der schon erwähnten Feminisierung von Gesellschaft und Konsumgesellschaft zu tun. Harte Kerle, harte Drinks: beides ein Signal des gehenden Gestern, der Welt der weißen Boomer-Männer. Doch hinzu kommt ein demographisches Indiz, das besonders die Großstädte Westeuropas betrifft: ein wachsender Teil der Bevölkerung hat einen islamischen Migrationshintergrund. Islamisch sozialisiert bedeutet alkoholfrei sozialisiert. Und das bedeutet auch, dass jungen Muslimen die uns üblichen Initiationsrituale des Alkohols zu allermeist fehlen – ob das jetzt gut oder schlecht ist, sei dahingestellt. Fakt aber ist: Alkohol ist bei Muslimen, egal ob religiös oder säkular, schlicht eine auch gedanklich ferne Substanz.
Nichts für Boomer? Alkoholfreie Alternativen sprechen in der jungen Generation mittlerweile eine breite und vielfältige Zielgruppe an.
Auf eine Low-Alkohol-Bewegung, die meist von Frauen bevorzugt und im kreativen Fortkommen angeregt wird, trifft damit gleichzeitig eine No-Alkohol-Bewegung. Welche Schlüsse sind zu ziehen? Erstens: die Barwelt braucht eine elaborierte ähnliche Antwort auf die neue, weibliche Alkoholkultur wie die Weinwelt eine Antwort in der Roséweinkultur fand – ein Low-ABV- Ding, das der Frauen Ding ist und das den Frauen in der Bar- und Spirituosenwelt eine eigene Konsumentenstimme gibt. Ja: es gibt Aperol-Spritz und Hugo. Aber ganz ehrlich: das sind Abspeisungen, die eine neue Generation konsumfreudiger und selbstbewusster Frauen auf lange Sicht wohl ebenso wenig abholt, wie Straight-Getränke oder Boomer-Cocktails.
Die Bartender sind am Zug
Es ist also mehr Kreativität gefragt. Das auch, weil auch ein wachsender Teil des männlichen Barpersonals Gefallen am Mixen von Low-ABV- und No-ABV-Cocktails gefunden hat. Dieses Gefallen resultiert vor allem aus der bei einigen recht unerwartet erlangten Erkenntnis, dass diese neuen Cocktails verdammt gut schmecken können. Gutes Barpersonal weiß jetzt: Wir können auch mit diesen neuen Essenzen hervorragend mixen und unsere Gäste neu begeistern – auch ohne Alko- hol, denn Mixen auf Top-Niveau mit No- oder Low-ABV-Alternativen funktioniert hervorragend. Das ist der große Vorteil der Barleute, den Weinbars und Vinotheken im Gegensatz nicht haben, denn alkoholfreier Wein ist geschmacklich und qualitativ noch nicht auf einem ebenbürtigen Level.
Falstaff Alkoholfrei Trophy 2025
Wie weit die Hersteller mittlerweile sind und welche Qualität sich im Bereich der alkoholfreien Alternativen erfahren lässt, hat auch die aktuelle Falstaff Alkoholfrei Trophy 2025 gezeigt. Alle Sieger und prämierten Produkte finden Sie hier:
Alkoholfrei Trophy 2025 Österreich
Alkoholfrei Trophy 2020 Deutschland