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Die Paicines Ranch setzt auf die Hilfe von Schafen bei der regenerativen Bewirtschaftung ihres rund zehn Hektar großen Weinbergs.

Die Paicines Ranch setzt auf die Hilfe von Schafen bei der regenerativen Bewirtschaftung ihres rund zehn Hektar großen Weinbergs.
© Paicines Ranch

Regenerativer Weinbau: Die Zukunft der Landwirtschaft beginnt im Weinberg

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In einem sich rasant wandelnden Klima sind Rebberge, die widerstandsfähiger und wirklich nachhaltig bewirtschaftet sind, gefragter denn je. Die regenerative Landwirtschaft könnte ein Lösungsansatz sein: Mit intelligenten, evidenzbasierten Maßnahmen verspricht sie, Rebberge zu schaffen, die in weiten Teilen selbsterhaltend sind. Ist das der Weinbau der Zukunft?

Der Rebberg der Paicines Ranch ist auf den ersten Blick unspektakulär. Er befindet sich eine Autostunde südlich von San José im kalifornischen Central Valley, das heute zum größten Teil intensiv bewirtschaftet wird – auch bekannt als Salatschüssel Amerikas. Erst wenn man sich dem Rebberg nähert, merkt man, dass er besonders ist. Die Reben klettern an großen Drahtrahmen hoch, die Traubenzone befindet sich auf Kopfhöhe, die Reihen sind breit, die Böden dicht mit Gras bewachsen und in der Ferne blökt eine Herde Schafe. Vineyard-Director Kelly Mulville hat hier sein Ideal eines Rebbergs erschaffen, ein Rebberg, der nur sehr wenige Betriebsmittel und wenig menschliche Arbeitskraft benötigt, dennoch gute Erträge von hochwertigen Trauben liefert, die Bodengesundheit verbessert, Kohlenstoff bindet, die Artenvielfalt erhöht und auch noch eine gute finanzielle Rendite abwirft.

Die Trauben sind nicht das einzige Erzeugnis der rund 3000 Hektar umfassenden Paicines Ranch, es wird ebenso Viehzucht und Ackerbau betrieben. Der wichtigste Schlüssel im Rebberg sind die Schafe, die diesen ganzjährig und strategisch beweiden, denn anders als in Rebbergen mit tiefer liegender Traubenzone können die Tiere hier die süßen Trauben nicht erreichen, der Rebberg ist auf die Schafe zugeschnitten. Sie reduzieren den Bedarf an Bodenbearbeitung, Mähen, Ausgeizen oder Handjäten drastisch und steigern mit ihrer Anwesenheit die Biodiversität: Es gibt mehr Pflanzen, Insekten, Vögel und Bodenorganismen, was den Rebberg als Ökosystem insgesamt widerstandsfähiger gegenüber Krankheiten und Schädlingen macht. Die Natur wird hier regeneriert, weshalb man diese Bewirtschaftungsform treffend regenerative Landwirtschaft nennt.

© Paicines Ranch

Die Idee der regenerativen Landwirtschaft ist nicht neu, sondern kam bereits in den 1980er-Jahren in den USA auf, sorgt aber erst seit relativ kurzer Zeit für Aufsehen in der Weinwelt. Grundsätzlich geht es dabei – neben der Erzeugung von Trauben – darum, die durch die intensive Bewirtschaftung in Mitleidenschaft gezogene Umgebung wiederherzustellen. Im Rebberg der Paicines Ranch findet man etwa selten gewordene Vogelarten in großer Zahl. Regelmäßig sind Ornithologen zu Gast, die sich an der blühenden Vogelpopulation kaum sattsehen können. Der beste Beweis für eine funktionierende Regeneration der Landschaft, erläutert Mulville: »Es geht nicht alleine darum, gute Trauben zu ernten.«

Kelly Mulville hat mit seinem scheinbar einfachen Konzept große Wellen geschlagen und ist nicht nur in den USA ein gefragter Experte des regenerativen Weinbaus. Ende 2025 war er anlässlich der »Living Vineyards Tour« in Europa unterwegs und hat seine Ideen bei Workshops vorgestellt. In Österreich war er bei Fred Loimer und dem Verein respekt-BIODYN zu Gast. »Wir haben den Weinberg der Zukunft im Verein immer wieder diskutiert«, sagt Fred Loimer. »Kelly Mulville hat diese Vision in Kalifornien zu einem großen Teil verwirklicht.«

© Paicines Ranch / Elaine Patarini

Das regenerative Toolkit

Regenerative Landwirtschaft ist kein fixes System, sondern ein Werkzeugkasten aus Prinzipien und Praktiken, die Boden, Biodiversität und Resilienz stärken. Zentral sind permanente Bodenbedeckung, vielfältige Fruchtfolgen, minimale Bodenbearbeitung und die Integration von Tieren. Entscheidend ist das Denken in Kreisläufen: Jedes Element soll mehrere Funktionen erfüllen – von Humusbildung bis Kohlenstoffspeicherung. Ebenso wichtig sind Beobachtung und gemeinsames Lernen: Flächen werden als lebende Systeme verstanden und wichtige Parameter gemessen und dokumentiert, um das System laufend optimieren zu können. Regenerativ arbeitende Betriebe denken über den Rebberg hinaus: Das Wohl aller beteiligten Menschen ist ebenso zentral wie die stetige Integration neuester Erkenntnisse, beispielsweise die Optimierung von Verpackungen, bauliche Maßnahmen oder die Verhinderung von Food Waste.

 

Der Weinberg der Zukunft

Aber weshalb braucht es überhaupt einen Weinberg der Zukunft? Der Weinbau – und mit ihm viele weitere Landwirtschaftszweige – steht derzeit vor nie da gewesenen Herausforderungen: Missernten und erhöhter Krankheitsdruck, Konsumrückgang und steigende Produktionskosten. Der regenerative Ansatz scheint dabei echte Lösungsansätze zu bieten.

Caine Thompson ist Leiter für Nachhaltigkeit und regenerativen Weinbau bei O’Neill Vintners & Distillers sowie Managing Director der Robert Hall Winery in Paso Robles – überblickt also viele Hektar Rebland. Er ist Teil der Führung der weltweit tätigen Regenerative Viticulture Foundation und erklärt, dass regenerative Landwirtschaft auf biologischen Methoden basiere und die drei Säulen Bodengesundheit, Tierwohl sowie soziale Fairness ins Zentrum rücke.

Fred Loimer, der den biodynamischen Ansatz nach Rudolf Steiner seit 20 Jahren verfolgt, bringt es auf den Punkt: »Regenerativ übernimmt viele biodynamische Inhalte wie Biodiversität, Mikrobiom und Bodenleben – lässt den esoterischen Überbau aber weg.« Das scheint attraktiv zu sein, wie die wachsende Mitgliederliste der Regenerative Viticulture Foundation zeigt, auf der sich mittlerweile so klangvolle Namen wie Zind-Humbrecht oder Cheval Blanc befinden. Bei allem Enthusiasmus gibt Loimer jedoch zu bedenken, dass das Thema des Pflanzenschutzes bei der regenerativen Bewirtschaftung teils zu stark ausgeklammert werde. Mulville etwa muss sich darum kaum kümmern. In seinem weitgehend stabilen Ökosystem machen Wühlmäuse größere Schwierigkeiten als Pilzkrankheiten. Loimer hingegen stellt die berechtigte Frage, ob der hohe Pflanzenschutzaufwand im Weinbau – bei einer »doch eher schwachen Genetik dieser Kultur« – ökologisch überhaupt zu rechtfertigen sei, wenn am Ende ein Genussmittel entsteht. Was feststeht: Viele der regenerativ arbeitenden Betriebe halten sich an die im biologischen oder biodynamischen Weinbau zugelassenen Mittel.

Tradition hemmt Innovation

Während der Living Vineyards Tour war Mulville in einigen der wichtigsten Weinregionen Europas unterwegs. Von der europäischen Weinbautradition zeigte er sich nach seiner Rückkehr zwar begeistert, gab gleichzeitig aber zu bedenken, wie hemmend diese sein kann. Er selbst konnte bei der Planung der Anlagen auf der Paicines Ranch ohne Abschluss in Weinbau oder lange Weinbautradition im Nacken völlig frei agieren. Als Fred Loimer vor 30 Jahren seine eigenen Rebberge anlegte, war er vom Ziel geleitet, den bestmöglichen Wein zu machen und nicht die Umgebung zu regenerieren. Ein Pergola-System, das dem auf der Paicines Ranch ähnelt, kam hierfür aus europäischer Sicht keinesfalls infrage – die Erziehungsform ist nicht bekannt dafür, Spitzenweine hervorbringen zu können. »Ich habe mich an Frankreich orientiert und die Reben entsprechend so erzogen, dass die Traubenzone tief liegt«, sagt er und fügt an, dass er heute daran zweifle, ob das so ganz richtig war. Für eine geplante Neupflanzung für Sektgrundweine möchte er die Erkenntnisse aus Kalifornien einfließen lassen. Auch Loimer hat seit Jahren Schafe in seinen Reben, jedoch hat er sie nie so strategisch grasen lassen, wie dies auf der Paicines Ranch der Fall ist.

 

Von den USA in die Welt

Der US-amerikanische Agrarautor J. I. Rodale entwickelte das Konzept der »organischen Regeneration« der Böden in den 1940er-Jahren. Sein Sohn Robert Rodale führte die Bezeichnung »regenerative agriculture« in den 1980er-Jahren ein. Die USA und insbesondere Kalifornien sind bis heute wichtige Hotspots der Entwicklung. Neue Impulse gibt die weltweit tätige Regenerative Viticulture Foundation. Im Jänner 2025 rief sie die One Block Challenge ins Leben – eine Initiative, die Weinbauern einlädt, in einer Parzelle regenerative Praktiken anzuwenden und diese direkt mit konventionell bewirtschafteten Parzellen zu vergleichen. Das Konzept fand in Paso Robles, Kalifornien, seinen Ursprung und wird weltweit ausgerollt.

regenerativeviticulture.org

 

Der regenerative Ansatz ist natürlich nicht nur mit Pergolapflanzung möglich, zentral bei dieser Wirtschaftsweise ist, dass sie sich an die Gegebenheiten eines Ortes anpassen lässt – etwas, das bei den etwas starren biologischen oder biodynamischen Ansätzen oft kritisiert wird. In Kalifornien ist mit ROC (Regenerative Certified Organic) 2020 eine erste Zertifizierung für die regenerativ und biologisch arbeitenden Weingüter eingeführt worden, was durchaus umstritten ist, denn starre Regeln könnten die Innovation wie erwähnt hemmen. Das erste zertifizierte Gut: Tablas Creek in Paso Robles mit Beteiligung der französischen Weinfamilie Perrin, Besitzer von Château de Beaucastel. Ein Projekt, das den Austausch über die Kontinente fördert.

© Tablas Creek Vineyard

27 Weingüter weltweit sind heute nach ROC zertifiziert, wobei sich die Hälfte davon in Kalifornien befindet. Und natürlich: Auch in unseren Breiten häufen sich Weinmacher, die den regenerativen Ansatz verfolgen, und auch immer mehr Organisationen widmen sich der Wirtschaftsweise. So hat etwa Fred Loimer kürzlich das »Forum Regenerativ« ins Leben gerufen, das nicht alleine dem Praxisaustausch unter Kollegen dienen soll, sondern auch Kunden und die Umgebung aktiv in die Diskussion einbezieht – eine kultur- und bewusstseinsbildende Initiative also.

Auf der Paicines Ranch in Kalifornien ist man vom Erfolg der Methode längst überzeugt – auch aus wirtschaftlicher Sicht. Die Trauben aus Kelly Mulvilles Rebberg werden nicht selbst verarbeitet, sondern an ausgewählte Weinmacherinnen und Weinmacher in der Region verkauft. Und während viele konventionell arbeitende Nachbarn auf ihrer Ernte sitzen bleiben, hat die Paicines Ranch keine Absatzprobleme, sondern eine Warteliste für die Trauben. Könnte die regenerative Wirtschaftsweise also die Lösung für viele aktuelle Probleme des Weinbaus sein?

 

The Porto Protocol

The Porto Protocol ist ein offenes Forum und eine dynamische Plattform für die Weinindustrie, in der Wissen zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit im Weinbau geteilt wird – etwa mit der »Living Vineyards Tour« von Kelly Mulville durch Europa. Zugleich engagieren sich ihre vielfältigen Mitglieder in unterschiedlichsten Bereichen nachhaltiger Weinherstellung. Ein Beispiel ist die 2023 in Betrieb genommene Adega do Ataíde von Symington, als Low-Impact-Kellerei konzipiert und erste portugiesische Anlage mit LEED-Gold-Zertifizierung für Energie-, Wasser- und Standorteffizienz. Begrünte Dächer, Regenwassernutzung, Abwasserrecycling, Schwerkraft statt Pumpen und eine 700 Quadratmeter große Photovoltaikanlage, die die Kellerei autark versorgt, setzen den Kreislaufgedanken konsequent um.


portoprotocol.com

 

© Symington Family Estates
Dominik Vombach
Dominik Vombach
Chefredaktion Schweiz
Benjamin Herzog
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Chefredaktion Schweiz
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