Französischer könnte ein Restaurant auch in Frankreich nicht aussehen. Ein Bistro, abseits der Genfer Touristenströme, mit einer Tradition bis ins Jahr 1903 zurück, neueröffnet unter anderer Leitung – und mit mehr Engagement als je zuvor. Einen vorteilhaften Ersteindruck hatten wir bei unserem Mittagsbesuch dank Blick auf die herrlich aussehende Pastete in der Mitte des Raumes. Wir mussten uns beherrschen, nicht auf der Stelle eine ganze Scheibe zu bestellen, doch wir wollten uns auf die auf dem Menu gelisteten Klassiker konzentrieren. Alles Alte über Bord werfen will das neue Management nämlich nicht, aufgepeppt werden soll aber nach unserem Eindruck sehr wohl. Jahrgangssardinen mit Algenbutter stehen ebenso auf dem Programm wie Artischockentarte mit gereiftem Gruyère. Unsere Ravioli mit Schnecken und Bärlauch überzeugten sehr, der Quenelle de brochet mit Sauce Nantua entpuppte sich als grosser, lockerer, sehr wohlschmeckender Hechtkloss. Dass die «Brasserie Odéon» auch ein Weinrestaurant der besten Art ist, bewies die Getränkekarte. Champagner gibt es rauf und runter, nicht nur von Klassikern wie Jacquesson, sondern auch von Insidertipps wie Chavost, Frédéric Savart oder Benoît Déhu. Während die Schweizer Weinszene gut vertreten ist, wird es beim nahen Savoyen ein bisschen dünn. Aber hey, angesichts der vielen, vielen Burgunder und der generell guten Preise wäre Kritik vollkommen unangebracht. Wir starteten mit einem weissen Mâcon-Igé Les Vernayes der Bret Brothers und endeten mit einem Digestif mit Legendenstatus: Französischer als mit einem Glas Chartreuse Liqueur du 9e Centenaire kann man ein Mahl wohl nicht ausklingen lassen.