Pasta-Nonne im Schaufenster: Roms neueste Touristenfalle
In Bari gehören die Orecchiette formenden Nonnas seit Jahren zum Stadtbild. Nun werden Pasta-Großmütter auch in Roms Touristenvierteln gezielt als Werbefiguren eingesetzt.
Wer schon einmal in Bari war, kennt wahrscheinlich die Via dell’Arco Basso: In der schmalen Gasse der Altstadt sitzen eine Handvoll »Nonnas« vor ihren Häusern, formen mit geübten Händen Orecchiette, lassen die kleinen »Öhrchen« auf Holzbrettern trocknen und verkaufen sie an Tourist:innen. Sie sind zu einem beliebten Fotomotiv geworden.
Was in Bari tatsächlich aus einer lokalen Tradition entstanden ist, wird nun offenbar in Rom zum Gastro-Konzept. Wie die Washington Post schreibt, tauchen in den touristischen Vierteln der italienischen Hauptstadt immer mehr Restaurants auf, in deren Schaufenstern ältere Frauen öffentlich frische Pasta herstellen. Vor den Fenstern bleiben Besucher:innen stehen, filmen die Arbeit und entscheiden sich anschließend nicht selten für genau dieses Lokal.
Hotspot Rom
Dabei soll es sich dabei meistens um ältere Küchenmitarbeiterinnen handeln, die gezielt als Werbefiguren eingesetzt werden. Kritiker:innen orten dabei ein inszeniertes »Italien-Erlebnis«: Holztisch, Mehl, Schürze und eine ältere Dame, die scheinbar seit ihrer Kindheit Nudelteig ausrollt. Besonders häufig finden sich solche Lokale rund um den Campo de’ Fiori, das Pantheon und in Trastevere. Manche Restaurantgruppen betreiben bereits mehrere Filialen in Rom und Mailand. Die öffentlich sichtbare Pasta-Produktion sei natürlich Marketing, räumen die Betreiber:innen ein.
Römer:innen bleiben skeptisch. Frische Pasta sei nicht automatisch besser als getrocknete, zudem würden die klassischen römischen Gerichte Carbonara, Amatriciana oder Gricia traditionell meist mit Pasta secca zubereitet. Eine Frau, die hinter Glas Nudeln forme, sei daher weder ein Beweis für Qualität noch für authentische römische Küche.
Auch in Bari hat das Geschäft mit der Nonna-Romantik mittlerweile Schattenseiten. Der Guardian berichtete von Polizeikontrollen und dem Verdacht, einige Verkäuferinnen hätten industriell hergestellte Orecchiette in durchsichtige Säckchen umgefüllt und als selbst gemacht verkauft. Drei Frauen wurden mit jeweils 5.000 Euro bestraft. Eine von ihnen begründete den Griff zur Fabrikware damit, dass die große Nachfrage der Tourist:innen von Hand nicht mehr zu bewältigen gewesen sei.
Kochen mit Nonna
Die Vermarktung der italienischen Großmutter hört nicht beim Restaurantfenster auf. Auf Plattformen wie »Airbnb« lassen sich Kochkurse mit Nonnas buchen – etwa in Rom oder im Umland, wo Gäste gemeinsam Teig kneten, Pasta formen und anschließend am Familientisch essen. Manche Angebote haben Tausende Bewertungen.
Natürlich ist nicht jede pastamachende Nonna eine Touristenfalle. Doch wo die Großmutter gut sichtbar im Schaufenster sitzt, das Lokal durchgehend geöffnet hat und die Speisekarte vor allem international bekannte Klassiker versammelt, könnte sie weniger Familienmitglied als Teil der Dekoration sein.