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Vom Stammtisch zum »Zopf-Tisch«: Wie sich die Kneipe neu erfindet

Gasthaus
München

Während immer mehr Kneipen schließen, entstehen neue Konzepte, die den Gastraum als Treffpunkt zurückerobern. In München lernen Väter zwischen Zapfhahn und Zopfgummi, wie sie ihren Töchtern die Haare flechten.

Was passiert mit der Kneipe, wenn der Stammtisch nicht mehr reicht? Seit Jahren kämpfen viele Gasthäuser mit steigenden Kosten, verändertem Ausgehverhalten und fehlendem Nachwuchs. Das Kneipensterben ist längst mehr als eine wirtschaftliche Entwicklung: Mit vielen Lokalen verschwinden auch Orte, an denen Menschen zusammenkommen.

Gerade diese soziale Funktion rückt zunehmend in den Mittelpunkt. Der Politologe Oliviero Angeli beschreibt in einem Interview mit dem Mercator Forum Migration und Demokratie (MIDEM) Kneipen beispielsweise als essentielle Räume der Begegnung, in denen Menschen jenseits digitaler Filter miteinander ins Gespräch kommen. Nicht unbedingt über die großen politischen Fragen – sondern über das Leben vor der eigenen Haustür: das Viertel, die Nachbarschaft, den Alltag.

Doch vielleicht liegt die Zukunft der Kneipe nicht darin, die Vergangenheit zu bewahren. Sondern darin, neue Gründe zu schaffen, überhaupt wieder durch ihre Tür zu gehen.

Ein Gasthaus wird zum Frisierstudio

Im Münchner Gasthaus »Fux« stehen deshalb Mitte Juli Frisierköpfe auf den Tischen, daneben liegen Bürsten und bunte Haargummis. Statt über Fußball oder Politik diskutieren die Gäste über Haarsträhnen, Flechttechniken und den perfekten Pferdeschwanz.

Der Anlass ist der Workshop »Dads do Hair«. Rund 20 Väter lernen hier, wie sie ihren Töchtern die Haare machen können – von einfachen Zöpfen bis zu aufwendigeren Frisuren wie Bubble Braids oder Space Buns.

Die Inspiration für das Format stammt aus Großbritannien. Dort sorgte der Workshop »Pints & Ponytails« – auf Deutsch etwa »Bier und Pferdeschwänze« – für Aufmerksamkeit. Organisiert von den Hosts des Podcasts »Secret Life of Dads«, treffen sich Väter in britischen Pubs, um bei einem Pint Flechttechniken und Frisuren zu lernen. Das Konzept verbreitete sich über soziale Medien schnell und wurde später um weitere Formate erweitert, etwa Workshops rund um das Thema Menstruation. Hair- und Make-up-Artistin Anita Erdmann brachte die Idee schließlich nach Deutschland und entwickelte daraus »Dads do Hair«.

Die Kneipe soll den Teilnehmern eine entspannte Atmosphäre bieten. Nicht wie ein Kurs in einem sterilen Seminarraum, sondern wie ein gemeinsamer Abend unter Freunden.

Neue Konzepte brauchen alte Orte

Gerade darin könnte eine Chance für die Gastronomie liegen: Der Gastraum wird nicht mehr ausschließlich über Essen und Trinken definiert, sondern über Begegnungen.

Ob Kochkurse, Lesungen, Kulturveranstaltungen oder ungewöhnliche Workshops – immer mehr Lokale werden zu Orten, an denen Menschen etwas gemeinsam erleben. Die klassische Kneipe wandelt sich vom reinen Ausschankbetrieb zum sozialen Treffpunkt.


Redaktion
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