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»Aufsperren statt Zusperren«: Kira Schinko kämpft um Österreichs letzte Wirtshäuser

Fernsehkoch
Wirtshaus
Gasthaus

In der neuen ORF-Serie »Aufsperren statt Zusperren« macht sich Kira Schinko gemeinsam mit Wirt:innen und Besucher:innen auf die Suche nach der Zukunft des Wirtshauses.

Wenn das letzte Wirtshaus zusperrt, stirbt mehr als ein Betrieb. Es verschwinden Rituale, Zufallsbegegnungen, Verhandlungsräume. In einer Folge stellt Kira Schinko deshalb eine unbequeme Frage: Wo findet der Leichenschmaus statt, wenn es kein Gasthaus mehr gibt? »Feiern wir dann bald alles beim Schachtelwirt?«, wirft Schinko die Frage im Gespräch mit Falstaff auf. Philip Rachinger vom Mühltalhof erzählt ihr, dass Begräbnisse mittlerweile dann stattfinden, wenn das Gasthaus offen hat – oder eben bei McDonald's.

Die Linzerin Schinko ist das Gesicht der neuen ORF-Reihe »Aufsperren statt Zusperren«, in der in sechs Folgen versucht wird, Leerstände wieder zu beleben. Ein leerstehendes Wirtshaus wird für einen Tag geöffnet. Mit ehemaligen Stammgästen, Spitzenköch:innen, Vereinen und möglichen Pächter:innen wird in den Folgen dann versucht, ob und wie es weitergehen könnte. Unterstützung erhielt sie dabei von Spitzengastronom:innen aus der Umgebung.

In jeder Folge trifft Kira Schinko auf junge Gastronom:innen aus der Region, wie Philip Rachinger (Mühltalhof), Theresia Palmetzhofer (Zur Palme), Marie Rahofer-Reisetbauer und Felix Haiderer (Gasthof Rahofer), Josef und Elisabeth Floh (Der Floh in Langenlebarn), Harald Irka, Lisa Gasser und René Kollegger (Am Pfarrhof) sowie Yannik Steer, Johanna Maroušek und Elli Hackstein (Wirtshaus zum 3. Tage). Die Mission: Gemeinsam erkunden sie ein leerstehendes Gasthaus und erfahren im Gespräch mit ehemaligen Wirtsleuten und Stammgästen von dessen einstiger Bedeutung für das Leben im Ort. Die Serie zeigt auch, dass das Wirtshaus in Österreich kaum ohne Familienunternehmen funktioniert.

Gedreht wurde jeweils vier Tage pro Ort. In Droß im Waldviertel etwa, einer Gemeinde mit außergewöhnlich vielen Vereinen, hatte das letzte Wirtshaus geschlossen, damit verloren die Vereine ihren Treffpunkt. Schinko und ihr Team haben für einen Tag das Frühschoppen in den Ort zurückgebracht. Off camera, erzählt Schinko, habe man gemerkt, wie sehr diese analogen Orte fehlen.

Gasthof als Ort der Teilhabe

Das Wirtshaus, sagt sie, sei mehr als Gastronomie: »Für mich ist das so unerlässlich wie ein Feuerwehrhaus.« Es gehöre zur sozialen Infrastruktur. Die Serie arbeitet diesen Gedanken konsequent heraus: Das Wirtshaus als Gemeinschaftsprojekt, als Ort der Teilhabe. Zugleich zeigt sie, wo es nicht funktioniert hatte. In vielen Orten gab es früher zehn oder zwölf Gasthäuser, in vielen bleiben nur Imbissbuden oder Fine-Dining-Établissements zurück. Doch nimmt sie auch die potenziellen Besucher:innen in die Verantwortung: »Viele können sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal im Gasthaus im Ort waren. Teils wegen Gründen wie ›das Schnitzel schmeckt beim neuen Wirt nicht so wie beim Alten‹. Dann darf man sich auch nicht wundern, dass die Lokale zumachen müssen.«

In einer der Folgen wird der klassische Mittagstisch neu gedacht, inspiriert von der 92-jährigen Wirtin Mizi Ganglmair. In Eibiswald diskutiert Schinko mit den Betreiber:innen des ersten queeren Hotels in Österreich, wie ein Wirtshaus als Safe Space funktionieren kann: »Das Wirtshaus war viele Jahrzehnte kein Safe Space für alle«, sagt sie. Man müsse sich die Frage stellen, »was braucht es, wen braucht es?«

Förderungen neu denken

Besonders deutlich wird Schinko beim Thema Frauen. Viele Betriebe lebten von unbezahlter Familienarbeit und besonders die der Frauen fand oft unsichtbar in der Küche statt. »Die Aufopferung der Frauen in der Gastronomie« müsse ein Ende haben, argumentiert die Kommunikationsexpertin. Wenn die Großmütter sterben, fehle oft die Arbeitskraft. Junge Frauen entscheiden sich bewusst gegen den Betrieb, da sie gesehen haben, was für eine Aufopferung es bei ihren Müttern und Großmüttern bedeutete: »Wenn wir sagen, wir brauchen mehr Gastronominnen, dann müssen wir die Arbeitswelt anders gestalten.« Schinko appelliert an den Staat, sich hier eine steuerliche Lösung einfallen zu lassen.

Auffällig ist der Generationenbruch. »Wir haben es nicht geschafft, die Jungen ins Gasthaus zu bringen«, erinnert sie sich. Die 15- bis 25-Jährigen sehen es oft nicht als Ort des Begehrens. Treffpunkt ist die Tankstelle, einmal hörte Schinko jemanden sagen: »Jetzt ist es zu kalt für die Tankstelle, wir können uns erst wieder in ein paar Monaten treffen.«

Die Serie versteht sich als »Liebeserklärung an Orte, die noch nicht aufgegeben haben«, Schinko warnt auch davor, im Zusammenhang mit dem Wirtshaus immer nur von Sterben zu reden. Denn Österreich ist nicht das einzige Land, in dem Gasthäuser am Land schließen müssen. Sie verweist auf Frankreich und Großbritannien, gerade in Frankreich sei die »Gastronomie wahnsinnig weiblich.« Beide Länder haben es mit einer neuen Förderstruktur geschafft, Bistros und Pubs wiederzubeleben.

Ab 18. Februar 2026, mittwochs, 22 Uhr auf ORF 1. Davor gibt es in Dok1 »Das 10-Euro-Menü: Kochen in teuren Zeiten« und Silvia Schneider kocht in der ersten Folge von »So isst Österreich besser«. Alle Folgen sind anschließend auf der Streaming-Plattform ORF ON verfügbar.


Miriam Al Kafur
Digital Redakteurin
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