Pasta-Schock: Carbonara wurde nicht in Italien erfunden?
Dass Italien und die USA wegen hoher Pastazölle in letzter Zeit auf Kriegsfuß stehen, ist bekannt. Doch jetzt sorgt ein weiteres Thema für Zündstoff: Ausgerechnet bei der Herkunft der beliebten Carbonara sollen die Amerikaner ihre Finger im Spiel gehabt haben.
Wenn man Carbonara zubereitet, dauert es keine Viertelstunde: etwas Speck, am besten Guanciale aus der Schweinebacke, dazu Eier und geriebener Käse und etwas Pfeffer. Den Speck knusprig braten, die Eier mit dem Käse verquirlen, alles über die gekochten Nudeln geben und etwas Nudelwasser dazu – fertig. So einfach das Gericht auf den Teller kommt, so kompliziert ist die Suche nach seiner Herkunft.
Statt aus Italien soll die Pasta nun aus den USA kommen. Dahinter steckt folgende Theorie: Am Ende des Zweiten Weltkriegs sollen US-Soldaten mit Bacon und Eipulver im Gepäck in Italien angekommen sein. Dieser Ansicht ist auch Kulturhistoriker Alberto Grandi, Professor an der Universität Parma: »Das ist ganz klar ein amerikanisches Gericht. Ein typisch amerikanisches Frühstück, dem man Nudeln hinzufügte.« Tatsächlich findet sich das erste gedruckte Rezept im Jahr 1952 in Chicago in einem Stadtführer über Restaurants im North-Side-Viertel. Zwei Jahre später tauchte es in Italien im Kochbuch La Cucina Italiana auf, und zwar mit einer Empfehlung für die Verwendung von Gruyère-Käse aus der Schweiz.
Doch vom Stiefel?
Die besagte Theorie dürfte ganz schön am Nationalstolz der Italiener kratzen. Doch Rettung naht aus unerwarteter Richtung: aus den Niederlanden. Die Journalistin Janneke Vreugdenhil entdeckte in einer Kolumne aus dem Jahr 1939 die Erwähnung von Spaghetti alla Carbonara, lange bevor amerikanische Soldaten überhaupt nach Italien kamen. In der Zeitung De Koerier wird ein kleiner Streit zwischen zwei Wirten in Trastevere beschrieben: Der eine servierte Risotto mit Garnelen, der andere Spaghetti nach Köhlerart, die heute unter der Bezeichnung Carbonara bekannt sind.
Der Begriff leitet sich ohnehin vom italienischen Wort »carbonaro«, zu Deutsch »Kohlenhändler« oder »Köhler«, ab. Vermutet wird, dass das Gericht entweder bei den Kohlearbeitern beliebt war, die nach langen Schichten schnell und energiereich essen mussten, oder dass die Streifen des Specks an die Kohle oder die schwarzen Rußflecken der Arbeiter erinnerten.
Ortung ungenau
Kulturhistoriker Grandi ist davon allerdings nicht überzeugt. »Wir wissen jetzt lediglich, dass 1939 jemand diesen Namen für eine Spaghetti-Soße verwendet hat«, sagte der Professor der dpa. »Das bedeutet aber nicht, dass das Gericht bereits in seiner heutigen Form existierte. Die Verfügbarkeit von Zutaten wie Guanciale, Eiern in dieser Form und Parmesan sowie vor allem das völlige Fehlen des Rezepts in Kochbüchern wiegen schwerer als diese einzelne Quelle.«
Die genaue Herkunft von Carbonara kann demnach immer noch nicht zu hundert Prozent bestätigt werden. Nur über eines ist man sich einig: Sahne hat im Originalrezept nichts verloren. Auch wenn die cremige Konsistenz etwas anderes vermuten lässt.