Deshalb sollten Sie diesen Sommer Surfen lernen
Kein anderer Sport verbindet Kraftaufwand, Koordination und mentale Entspannung so unmittelbar wie das Surfen. Wir zeigen, warum sich der Einstieg gerade im Sommer lohnt.
Die Sonne glitzert auf dem Wasser, die herannahende Welle rauscht, unter einem das Surfboard, und sonst nichts als das weite Meer. Es braucht nur wenige Sekunden auf dem Board, um zu spüren, wie viel Kraft und Konzentration im Wellenreiten stecken. Kaum ein anderer Sport verbindet körperliche Anstrengung, Naturerlebnis und mentale Auszeit so konsequent wie das Surfen. Was lange als Nischensport für Ausgewählte galt, hat sich zu einer der beliebtesten Sommeraktivitäten überhaupt entwickelt: Surfschulen von Portugal über Frankreich bis Spanien verzeichnen seit Jahren steigende Anfängerzahlen. Wer schon einmal mit dem Board im Wasser stand, weiß: Surfen fordert den ganzen Körper und den Kopf gleichermaßen.
Ganzkörpertraining mit messbarer Intensität
Surfen beansprucht deutlich mehr Muskelgruppen, als es von außen den Anschein hat. Bereits 1991 befand eine Untersuchung die physiologische Belastung beim Wellenreiten: Die Messungen beim Surfen betrugen eine mittlere Herzfrequenz von 135 Schlägen pro Minute. Darauf basierend schätzt man den Energieverbrauch auf rund 500 Kalorien pro Stunde. Der Großteil dieser Belastung entsteht durch das Paddeln, das laut einer Studie in 2011 zur Physiologie des Wettkampfsurfens rund 42 bis 54 Prozent einer Session ausmacht und vor allem Schultern, Rücken und Rumpfmuskulatur beansprucht. Hinzu kommt das ständige Ausbalancieren auf dem Board, das die Bein- und Rumpfmuskulatur permanent aktiv hält. Wer surft, trainiert also nebenbei Ausdauer, Kraft und Rumpfstabilität, ohne dass sich die Bewegung wie klassisches Fitnesstraining anfühlt.
Gleichgewicht, Koordination und Beweglichkeit
Neben der reinen Kraftkomponente hängt Surfen eng mit dem Gleichgewichtssinn zusammen. Jede Welle verläuft anders, jedes Aufstehen auf dem Board verlangt eine neue Anpassung von Balance und Körperspannung. Eine Studie der Universität Cádiz, veröffentlicht 2025 im Journal of Functional Morphology and Kinesiology, verglich 42 Surferinnen und Surfer mit zwei Kontrollgruppen unterschiedlicher sportlicher Aktivität und stellte bei den Surfenden signifikant bessere Werte im Star Excursion Balance Test sowie im Flamenco-Balance-Test fest: zwei standardisierte Verfahren zur Messung von dynamischer und statischer Gleichgewichtsfähigkeit. Für Einsteiger:innen bedeutet das: Auch wer zunächst mehr Zeit im Wasser als auf dem Board verbringt, profitiert bereits von den ersten Versuchen.
Was Studien über die mentale Wirkung zeigen
Der psychologische Effekt des Surfens ist inzwischen ebenfalls Gegenstand kontrollierter Forschung. Eine randomisierte kontrollierte Studie, veröffentlicht 2023 in BMC Psychiatry untersuchte die Wirkung von Surftherapie bei 96 aktiven US-Militärangehörigen mit diagnostizierter Major Depression. Die Teilnehmenden wurden nach dem Zufallsprinzip entweder einer sechswöchigen Surftherapie oder einer Wandertherapie zugeteilt, ihre Depressionswerte wurden vor, während, direkt nach und drei Monate nach dem Programm sowohl per Selbstauskunft als auch durch klinisches Personal erfasst.
Beide Gruppen zeigten über den Studienzeitraum signifikante Verbesserungen, wobei Teilnehmende der Surftherapie-Gruppe etwas häufiger vollständig von der Diagnose remittierten als jene der Wandertherapie-Gruppe. Als zentrale Wirkfaktoren identifizierten die Forschenden das Element Wasser selbst, das eigentliche Surferlebnis sowie den sozialen Zusammenhalt in der Gruppe.
Wirkung aus eigener Erfahrung
Auch Freizeitsurferinnen und -surfer selbst beschreiben diesen Effekt. Der 27-jährige Neuseeländer Jesse erzählte 2017 im Interview mit dem Onlinemagazin VICE, wie er vor Jahren in eine Abwärtsspirale aus Selbstzweifeln und Grübeln geraten sei. Sein Fazit bringt er direkt auf den Punkt: »The act of removing yourself from your normal routine and a bit of nature can be the best medicine sometimes« – das Herausnehmen aus der gewohnten Routine und Zeit in der Natur könnten manchmal die beste Medizin sein.
Ein weiterer Interviewter, der 24-jährige Ants, beschreibt einen ähnlichen Mechanismus über den psychologischen »Flow-Zustand«: Sei er beim Reingehen ins Wasser noch angespannt oder ängstlich, sei er es danach garantiert nicht mehr, da er sich beim Surfen auf nichts anderes mehr konzentrieren könne.
Der richtige Einstieg im Sommer
Sommer ist aus praktischen Gründen die naheliegendste Jahreszeit, um mit dem Surfen zu beginnen: wärmeres Wasser, längere Tage und ein breites Angebot an Surfschulen entlang der europäischen Atlantikküste und im Mittelmeerraum erleichtern den Einstieg erheblich. Für Anfänger:innen empfiehlt sich ein Kurs mit qualifizierter Anleitung, da ein sicherer Umgang mit Strömung, Wellen und Material die Grundlage für einen unfallfreien und motivierenden Start bildet. Wer die ersten Wellen einmal erfolgreich genommen hat, wird schnelle eine neue Leidenschaft entdecken: Es gibt kaum ein schöneres Gefühl, als über das Wasser zu gleiten.