Das essen die Menschen in der kältesten Stadt der Welt
Jakutsk gilt als die kälteste Stadt der Welt. Minus 40 Grad sind hier in Sibirien Alltag. Die extremen klimatischen Bedingungen haben die Essgewohnheiten stark geprägt.
In der sibirischen Grossstadt Jakutsk sind minus 40 Grad im Winter keine Ausnahme, sondern Normalität. Im Dezember und Januar erleben die Einwohner:innen hier bloss rund 6 Stunden Tageslicht. Bevor sie ihr Haus verlassen, hüllen sie sich in mehrere Schichten Kleidung, dicke Felle wärmen am meisten. Auch die Ernährung folgt den Regeln, welche das Klima diktiert. Essen muss hier nicht nur schmecken, sondern vor allem Energie liefern. Das Ergebnis ist eine Küche, die primär mehr mit Überleben als mit Genuss zu tun hat – gerade darin hat sie jedoch ihren ganz eigenen Reiz entwickelt.
Gefrorener Fisch
Der Klassiker der Yakutischen Küche ist Stroganina, eine regional übliche Zubereitungsform aus dünn geschnittenem, roh gefrorenem Fisch. Aufgrund der niedrigen Temperaturen wird der Fisch im Freien gelagert und meist mit etwas Salz und Zwiebeln serviert. Beim Essen schmelzen die hauchdünnen Streifen beinahe auf der Zunge – eine archaische Form von Sushi, die durch ihre Rohheit und Textur hervorsticht.
Neben dem rohen Fisch finden sich in Jakutsk auch herzhafte, warme Speisen. Buuz, gedämpfte Teigtaschen mit würziger Fleischfüllung (meist aus Lamm oder Rind), sind allgegenwärtig. Sie werden an Strassenständen, bei Festen und im Alltag gegessen – vergleichbar mit osteurasischen Dumplings.
Tierische Produkte spielen allgemein eine zentrale Rolle, weil sie reich an Fett und Proteinen sind – essenziell für den Energiehaushalt in der Kälte. Kumis, ein traditionelles Getränk aus fermentierter Stutenmilch, liefert beispielsweise wertvolle Kalorien und probiotische Kulturen. Dicke Joghurts, Butter und andere Milchvarianten ergänzen die Speisekarte Jakutsks und spiegeln die enge Verbindung zur Tierhaltung in der Region wider.
Gefrorene Pferdeleber
Auch Fleischgerichte prägen die Küche Jakutsks in ihrer ganzen Bandbreite: von Rentier- und Pferdefleisch über Wildgerichte bis zu Innereien, die oft gekocht, gebraten oder sogar roh verzehrt werden. So bleibt die Nahrung nicht nur energiereich, sondern auch geschmacklich eigenständig und lokal verwurzelt.
Zu den ungewöhnlichsten Delikatessen Jakutsks zählt gefrorene Pferdeleber. In hauchdünne Scheiben geschnitten erinnert ihre Textur weniger an Fleisch als an Schokolade, die langsam auf der Zunge schmilzt. Der Geschmack ist mild, leicht süsslich und erstaunlich fein. In der Region gilt Pferdeleber nicht nur als nahrhaft, sondern auch als besonders wertvoll, reich an Eisen und Energie. Was nach einem geschmacklichen Experiment klingt, ist hier ein selbstverständlicher Genussmoment.
Einkaufen wird lebensbedrohlich
Wie in anderen Grossstädten gibt es auch in der kältesten Stadt der Welt Supermärkte, in denen fast alle Produkte erhältlich sind. Einzig Waren, die aufgrund der Sanktionen gegen Russland nicht mehr importiert werden dürfen, sind nicht zu finden. Im Winter ist der Gang zum Supermarkt jedoch ein Abenteuer. Wer kein Auto besitzt, nimmt die öffentlichen Verkehrsmittel. Damit die Bevölkerung beim Warten nicht erfriert, stehen beheizte Wartehäuschen bei den Stationen. Aber Achtung: Ein zehnminütiger Spaziergang von der Bushaltestelle zum Supermarkt kann bei minus 40 Grad und falscher Kleidung lebensbedrohlich werden. Wer mit dem Auto unterwegs ist, lässt den Motor oft dauerhaft laufen oder wärmt das Fahrzeug in speziellen Zelten, um Schäden durch die Kälte zu vermeiden. Ein Leben in extremis.