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© Darius Ramazani

Das Geheimnis perfekter Dumplings: Hinter den Kulissen des Berliner »Yumcha Heroes«

Berlin
China
Streetfood

Kleine Dumplings, verputzt in wenigen Bissen. In einer versteckten Berliner Manufaktur falten drei Frauen aus Zhejiang täglich jene Teigtaschen, für die Gäste Schlange stehen. Wer dort über Preise diskutiert, hat nie gesehen, wie viel Präzision und Handwerk in einem einzigen Har Gow steckt.

Es gibt eine Adresse in Berlin-Prenzlauer Berg, die man leicht übersieht. Ein mittelgroßes Schild weist auf die »Yumcha-Heroes-Manufaktur« hin, aber keinen Eingang, den man von der Straße aus benutzen würde, kein Schaufenster, keinen Hinweis darauf, was dahinter passiert. Stattdessen öffnet man die unscheinbare Tür einer ehemaligen Metzgerei und betritt die stille Produktionsstätte einer Berliner Institution.

Produziert wird hier für das »Yumcha Heroes« am Weinbergsweg in Mitte, das seit über fünfzehn Jahren existiert. Es war eines der ersten Restaurants, das Dumplings in Berlin ernsthaft und konsequent zum Thema gemacht hat: kein weißes Tischtuch, kein Serviceritual, sondern Streetfood-Energie in einem festen Lokal. Die Teigtaschen kommen in Bambuskörben, die Atmosphäre ist laut und nah, die Küche offen.

Ganz anders als in der nüchternen Produktionsstätte. Chen June, Bing Wu und Su Jun arbeiten hier täglich. Seit fast einem Jahrzehnt. Sie falten, füllen, plissieren. Jedes Stück einzeln. Das Falten übernimmt keine Maschine, es ist der Teil, der sich nicht automatisieren lässt. Die drei Frauen stammen aus der ostchinesischen Provinz Zhejiang, deren Küche für ihre zurückhaltende Präzision bekannt ist: keine vordergründige Schärfe, keine dominierende Süße, sondern Tiefe durch Technik. Chen, Jahrgang 1957, Su Jun, Jahrgang 1969 und Bing Wu, Jahrgang 1972 arbeiten heute für das »Yumcha Heroes« und die »Long March Canteen« in Berlin-Kreuzberg.

Ihr Handwerk dürfte den meisten Europäern kaum vertraut sein. Dim-Sum-Techniken werden traditionell im direkten Austausch vermittelt: durch jahrelanges Beobachten und praktisches Nachahmen, Seite an Seite mit erfahrenen Köchinnen und Köchen. Schriftliche Anleitungen greifen dabei oft zu kurz. Das entscheidende Wissen liegt in der Handarbeit und deren Beherrschung erfordert Zeit.

Was ein Dumpling wirklich ist

Was hier entsteht, lässt sich nur verstehen, wenn man die Begriffe klärt: Im Deutschen werden sie häufig durcheinandergebracht. Dim Sum ist keine einzelne Speise, sondern eine Praxis: Die kantonesische Kultur vieler kleiner Gerichte, serviert zum Yum Cha, dem gemeinsamen Tee.

Was dann auf den Tellern landet, wird im Westen meist unter »Dumplings« zusammengefasst: ein grober Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Teigtaschen. Wantans, dünnhäutig und aus Weizen, kommen klassisch in Brühe oder frittiert, gefüllt etwa mit Fleisch oder Garnelen. Shumai stehen offen im Dämpfer, ihre Füllung oft eine Mischung aus Schwein und Krustentieren. Baozi wiederum sind weiche, gefüllte Hefeteigbrote, hierzulande schlicht »Bao« genannt. Und dann ist da Har Gow: gedämpfte Garnelentaschen mit einer fast durchscheinenden Hülle aus Weizen und oft Tapiokastärke. An ihnen entscheidet sich, wie gut jemand sein Handwerk beherrscht. Die Falten müssen fein, regelmäßig, nahezu selbstverständlich wirken. Wer in einer Dim-Sum-Küche urteilen will, schaut auf diese kleinen, unscheinbaren Halbmonde.

Was die Hände wissen müssen 

In der Manufaktur in Berlin-Prenzlauer Berg beginnt der Tag mit dem Teig. Entscheidend sind Nuancen: der Moment des Mischens, die Temperatur des Wassers, die Ruhezeit. Sie bestimmen, ob sich der Teig später dehnen lässt oder beim Falten reißt. Für die gedämpften Varianten wird Weizenstärke mit kochendem Wasser verarbeitet, ein heikler Schritt, der keine Unaufmerksamkeit verzeiht. Danach bleibt wenig Zeit: Der Teig muss sofort weiterverarbeitet werden, sonst trocknet er aus und verliert seine Elastizität. Das Falten ist aber die eigentliche Kunst. Eine Shumai hat keine geschlossene Naht, sie wird in Form gedrückt und plissiert: ein Handgriff, der Fingerkraft und Gefühl zugleich verlangt. Die Har-Gow-Technik, die den Mrs. Chen's Blue Pearl Dumplings zugrunde liegt, erfordert das Anlegen von Falten mit dem Daumennagel, eine nach der anderen, im gleichmäßigen Abstand.

Wer damit anfängt, braucht Monate, bis die Form stimmt. Bis die Falten alle gleich tief sind und die Naht hält, wenn der Dampf den Teig aufbläht, ohne ihn zu zerreißen. Chen June hat ihre Grundtechniken von einer Tante aus Zhejiang mitgebracht. Dort lernt man das Falten nicht aus einem Buch, sondern indem man daneben steht und es so lange nachmacht, bis die Hände es ohne Nachdenken können. Das ist kein romantisches Bild, es ist eine präzise Beschreibung eines Lernprozesses, der Jahre dauert.

Dass diese Arbeit nun sichtbar wird, ist alles andere als selbstverständlich. Ende 2025 haben Mirsad Mujanovic und Anjelo Nguyen das »Yumcha Heroes« von seinen Gründern übernommen. Mujanovic kam als bosnischer Flüchtling aus Sarajevo nach Deutschland, Nguyen begann im Service. Ihre erste unternehmerische Entscheidung: Chen, Bing und Su werden am Gewinn beteiligt. Ihre Porträts hängen heute großformatig im Gastraum.

Es ist eine stille Verschiebung: Weg von der anonymen Küchenarbeit hin zu einer neuen Form der Anerkennung. Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Geschichte dieses Ortes: dass sich hier, mitten in Berlin, zeigt, wie viel Wissen, Zeit und Biografie in einem scheinbar kleinen Gericht steckt. Eine Erfahrung, die sich nicht auf einen Kiez beschränkt, sondern überall dort verständlich wird, wo Essen mehr ist als Konsum. Wer dann noch über den Preis von vier Dumplings spricht, blickt selten auf den Aufwand ihrer Herstellung. Und darauf, wie niedrig er im Verhältnis dazu ist.


Michael André Ankermüller
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