Schweiz: Die bedeutendsten Winzer der letzten Jahrzehnte
Jede Weinbaunation, aber auch jede Winzergeneration hat ihre Ausnahmekönner, deren Geschick in der Kunst des Weinmachens Aussergewöhnliches hervorbringt und damit die gesamte Zunft prägt. Falstaff präsentiert die bedeutendsten Winzer der letzten Jahrzehnte.
Noch vor wenigen Jahren war Schweizer Wein bei Weinliebhabern im Ausland praktisch unbekannt. Einzig das Weingut Gantenbein aus der Bündner Herrschaft war Weinfreaks weltweit ein Begriff. Martha und Daniel Gantenbein erkannten das Potenzial der Bündner Herrschaft früh und setzten ab ihren Anfängen im Jahr 1982 auf gerade mal zwei Hauptweine – einen Pinot Noir und einen Chardonnay.
Das war mit Risiken verbunden aber genauso mit Chancen, denn nur so konnten sie überhaupt genügend Flaschen eines Weines anbieten, dass es zum internationalen Renommee reichte. »Das eine ist, das Optimale anzustreben, das andere ist, gute Leute kennenzulernen, die einen unterstützten«, gab Daniel Gantenbein einst im Falstaff-Interview zu Protokoll.
Und gute Leute scharten er und seine Frau einige um sich – ja wahre Legenden. Ernie Loosen von der Mosel gehört zu den langjährigen Wegbegleitern der Gantenbeins, genauso wie der 2007 verstorbene Österreicher Alois Kracher, der das Weingut seiner Freunde in Fläsch einst liebevoll als »schönstes kleinstes Weingut der Welt« bezeichnete.
Die Westschweiz im Blick
Nicht nur im Ausland, auch in der Westschweiz waren die Weine Gantenbeins schon ein Begriff als man andere Deutschschweizer Weingüter noch lange nicht kannte. Fast zeitgleich mit den Gantenbeins startete im Lavaux am Genfersee ein weiterer Wein-Avantgardist seine Karriere. Louis Bovard übernahm das heute legendäre Weingut von seinen Eltern im Jahr 1983. Erklärtes Ziel war von Anfang an, dieses und die Weinregion Lavaux zu internationalem Ruhm zu führen.
Bovard führte neue Sorten wie Chenin Blanc, Sauvignon Blanc und Syrah in der Region ein und erforschte die Terroirs und die Klone der angestammten Sorte Chasselas. Dazu war er der erste, der auf breiter Front bewies, dass Chasselas ein Wein zum Reifen ist und das war bald nicht nur am Genfersee, sondern weit darüber hinaus bekannt. Sein Dézaley Médinette ist eine der grossen Weinikonen der Schweiz – und ist als solche auf Top-Weinkarten weltweit vertreten.
Ebenfalls in den 80er-Jahren, genauer gesagt im Jahr 1987, übernahm Marie-Thérèse Chappaz das Weingut ihrer Familie im Wallis. Die Weinpionierin begann ab 1997 mit der Umstellung auf biodamischen Anbau. Inspiriert dazu wurde sie durch einen Besuch bei einer weiteren Legende – der Domaine Chapoutier in Tain l‘Hermitage im nördlichen Rhônetal. Trotz anfänglicher Probleme – mit den Reben und den Winzerkollegen – hielt sie an ihrer Strategie fest. Heute bewirtschaftet sie ganze 15 Hektar nach biodynamischen Methoden und war 2022 die erste im Land, die für einen ihrer Weine 100 Parker-Punkte einheimste. Ein fantastischer Erfolg für sie und für den Schweizer Wein allgemein.
Das Tessiner Weinwunder
Christian Zündel gehört rückblickend zu den wichtigen Wegbereitern des Merlots im Tessin. Er kam in den 80er-Jahren ins Malcantone und begann dort, Weine nach Vorbild von Bordeaux zu produzieren. Denn bis dahin war der »Merlot del Ticino« meist ein einfacher Tischwein. Auf seinen 4,2 Hektar Rebfläche um Beride kultiviert er seit 2003 nach biodynamischen Prinzipien und erhielt 2019 die Demeter-Zertifizierung. Zündels Philosophie, die auf niedrige Erträge und höchste Qualität setzt, hat das Bild des Tessiner Weins nachhaltig geprägt. Zeitgleich wie Zündel kamen auch Werner Stucky, Daniel Huber, Adriano Kaufmann und Eric Klausener in den Südkanton – gemeinsam revolutionierten sie den Tessiner Weinbau und beflügelten auch die angestammten Weinfamilien zu neuen Höhenflügen. Eine Entwicklung, wie man sie auch in anderen Erdteilen bereits beobachten konnte.
Die Stunde der Meister
Die liebsten Importweine der Schweiz kommen aus Italien, Spanien und Frankreich. In der Toskana lösten Familien wie die Antinoris, Frescobaldis oder Biondi Santis ebenso eine Hausse an neuen Spitzenweinen aus, wie es Angelo Gaja als Spiritus Rector des Piemont tat. Im Norden trat Alois Lageder als Reformer des Südtiroler Weinbaus in Erscheinung, auf Sizilien übernahmen die Planetas diese Rolle.
All jene zu nennen, die in Frankreich die letzten Jahrzehnte geprägt haben, sprengt ebenfalls den Rahmen, pars pro toto sei aber eine Auswahl der prägendsten Winzerpersönlichkeiten genannt: In Bordeaux waren neben Vertretern prominenter Adelsfamilien, wie etwa Philippe de Rothschild von Mouton oder Eric de Rothschild von Lafite, vor allem »Weingut-Regisseure« wie Paul Pontallier auf Margaux oder Pierre Lurton auf Cheval Blanc und Yquem Qualitätstreiber.
Am rechten Ufer ist der legendäre Winzer und Händler Christian Moueix ein Vorbild für viele, Jean-Luc Thunevin wurde zum »Godfather der Garagenwinzer«, Stephan Neipperg kreierte mit »La Mondotte« einen neuen Wein der Superlative. Im Burgund beherrschten Kaufmannsfamilien wie Drouhin, Bouchard oder Leflaive das internationale Geschehen. Aubert de Villaine machte die Domaine de la Romanée-Conti endgültig zum Superstar, während die Domaine Coche-Dury die weisse Burgunder-Szene dominiert.
Globale Doyen-Power
Nicht nur höchste Qualitätsansprüche und Innovation zeichnen die wahren Meisterwinzer auf internationalem Niveau aus. Sie haben es auch verstanden, ihren Namen zu einer Weltmarke zu entwickeln und dafür neben den Premium-Weinen, die im Rampenlicht stehen und das Image der Marke stärken, auch Weinlinien zu entwickeln, die in sehr guter Qualität und grosser Menge zu den Konsumenten aller Schichten durchdringen.
Während Château Mouton-Rothschild, Tignanello oder Opus One auf den feinen Tafeln der Top-Restaurants genossen werden, steht Baron Philippe de Rothschilds Serie Mouton-Cadet heute freundschaftlich vereint neben Chianti Classico von Marchesi Antinori und Cabernet Sauvignon von Robert Mondavi in jedem gut sortierten Supermarkt Europas und dem Rest der Welt. Die Doyens wissen um die Macht einer starken Marke, und diese wird auch durch gezielte Massnahmen gestärkt und gepflegt.
Und um die Wirkung der Marken in andere Kontinente zu übertragen, die als Zukunftsmärkte betrachtet werden, ist es in den letzten Jahrzehnten zu einigen erstaunlichen Allianzen gekommen. Als der gewiefte Robert Mondavi den visionären Baron de Rothschild in Bordeaux besuchte, um ihn zu einem Joint Venture in Kalifornien zu bewegen, erkannte dieser sofort die Win-win-Situation eines derartigen Projekts. Der Kalifornier hatte mit dem schliesslich daraus resultierenden Wein namens »Opus One« stets den europäischen Markt im Visier, während der Franzose das Potenzial für eine verstärkte Präsenz auf dem immer stärkeren US-amerikanischen Markt erkannte.
Diese Art der Aussenpolitik der Doyens wurde in anderen Ländern fortgesetzt. In Lateinamerika entstanden so aus Kooperationen mit den führenden Köpfen Chiles und Argentiniens wichtige Vorzeigeweine wie der »Caro« (Baron Eric de Rothschild von Lafite und der Doyen Nicolas Catena, Argentiniens Spitzenwinzer), der »Almaviva« (Philippine de Rothschild mit Concha y Toro) oder der »Senã« (Robert Mondavi mit Chiles Doyen Eduardo Chadwick von Errazuriz).
»Back to the roots« hiess es wiederum, als sich Robert Mondavi, dessen Vater aus Italien ausgewandert war, an der Tenuta dell’Ornellaia in der Toskana beteiligte, wo Lodovico Antinori die Superweine Ornellaia und Masseto entwickelt hatte. Aus einem Joint Venture zwischen Mondavi und Marchese Vittorio de Frescobaldi entstand in der Toskana der Supertoskaner »Luce«, der auf dem amerikanischen Markt grosse Popularität erreichen sollte.
Es ist ein Zeichen von Weitblick und Grösse, wenn man sich als Marke des Mittels der Kooperation bedient, wo dies sinnvoll ist. Peter Gago, Chef von Penfolds und Botschafter des australischen Weins, entschied sich vor einigen Jahren gegen eine eigene Schaumweinproduktion und für eine Zusammenarbeit mit einem bekannten Champagnerhaus. Der Thiénot & Penfolds Champagner wird zur Gänze in der Champagne erzeugt und wurde in Australien schlagartig ein Renner.
Ein mächtiges Duo
Wenn man von den einflussreichsten Doyens in der Weinwelt spricht, sollte man zwei Namen nicht vergessen: Da wäre einmal der legendäre US-Weinkritiker Robert Parker, der mit seinen Kommentaren und Punkten enormen Einfluss auf die Marktentwicklungen der letzten Dekaden genommen hat. Parker wurde sogar – zu Recht – nachgesagt, er habe mit seinen Bewertungen den Stil speziell von Rotweinen, und da vor allem in Bordeaux, nachhaltig beeinflusst. Opulent, kraftvoll, dunkel, mit viel Holz und Tannin ausgestattet, mit schokoladigem Abgang, so hiess es bald, bringt hohe Parker-Punkte. Und tatsächlich, ein derartiger Trend lässt sich weltweit nachvollziehen.
Doch wer schuf den »Parker-Weinstil« wirklich? Zeitgleich mit dem Aufstieg von Parker wurde ein Name geflüstert: Michel Rolland. Der in Libourne geborene Önologe wurde zum Inbegriff des »Flying Winemakers«. Mit seinem wachsenden Beraterstab wurde er in unzähligen Weingütern weltweit tätig, die alle ein Ziel verfolgten: höchste Parker-Punkte. Und Rolland hatte einen entscheidenden Vorteil, der ihn zum unbestrittenen Doyen der Weinberater erhob: seine Freundschaft mit Parker – und eine exakte Vorstellung davon, was dieser an einem Wein schätzt.
Sicher ist: Jene hier genannten prägenden Weinpersönlichkeiten, die in ihren Ländern – und oft weit darüber hinaus – heute als Doyens bezeichnet werden, haben dem Wein in den letzten Jahrzehnten zu jenem Stellenwert verholfen, der ihn zum unverzichtbaren Genussmittel, aber auch zum unvergleichlichen Kulturgut macht.