The Godfather of Rosé
Sacha Lichine prägte die Welt des Roséweins wie kein anderer Weinmacher. Nach dem Kauf von Château d’Esclans im Jahr 2006 wurde der visionäre Unternehmer zur treibenden Kraft hinter der globalen Rosé-Welle. Mitte März 2026 zog er sich als Gründer und Präsident des Provence-Weinguts hinter dem Kult-Rosé Whispering Angel zurück. Müde ist der »Godfather of Rosé« deswegen noch lange nicht.
Wer Sacha Lichine verstehen will, muss die Biografie seines Vaters kennen. Alexis Lichine wurde in Russland geboren und in Frankreich ausgebildet. Er sprach drei Sprachen – Russisch, Französisch und Englisch – nicht nur fließend, sondern akzentfrei, wie sein Sohn Sacha Lichine zu berichten weiß. Während des Zweiten Weltkriegs diente Alexis Lichine als Adjutant des Oberbefehlshabers Dwight D. Eisenhower in der US-Armee und war beim Office of Strategic Services (OSS) tätig, dem Vorläufer der CIA. Nach dem Krieg widmete er sich unermüdlich der Aufgabe, den französischen Wein in den USA zu etablieren. »Bordeaux und Burgund standen dabei im Mittelpunkt«, erinnert sich Sacha Lichine. Alexis Lichine war eine schillernde Persönlichkeit in der Weinwelt, eine Legende, wenn man so will. 1951 kaufte er Château Prieuré-Cantenac, das er zwei Jahre später in Prieuré-Lichine umbenannte. Hier wurde Sohn Sacha Lichine, noch als Kind, mit dem Weinvirus infiziert – und kam nie mehr davon los.
Berufung: Unternehmer
»Mein Sohn hat eine sichere berufliche Zukunft – ohne es zu wissen«, pflegte Alexis Lichine zu scherzen, als Sacha noch ein Kind war. Er sollte recht behalten. Mit 18 Jahren gründete Sacha Lichine sein erstes Unternehmen: Er bot Luxus-Weinreisen für bildungshungrige Amerikaner durch die großen Anbaugebiete Frankreichs an – inklusive des Besuchs von Michelin-Sterne-Restaurants. Parallel zum Studium in Boston arbeitete er als Sommelier, wechselte zu einem Weingroßhändler, gründete 1983 einen Weinvertrieb für die Karibik. Mit 27 Jahren übernahm er 1987 die Leitung von Château Prieuré-Lichine. Nach dem Tod seines Vaters 1989 führte er es als Eigentümer weiter. 1999 verkaufte er das Familienweingut. Es folgten Jahre als Négociant in Bordeaux und Burgund. Das französische Stichwort »La tête dans le guidon« – die Nase am Fahrradlenker, respektive den Kopf unten halten – habe er früh verinnerlicht. »Diese Disziplin hat mir geholfen, auf Kurs zu bleiben«, so Sacha Lichine. Mit dem Kauf von Château d’Esclans 2006 folgte eine lange Phase dieser Art.
Sacha Lichine entscheidet Dinge aus dem Bauch heraus – und vertraut seinem Instinkt. »Beim Weinverkosten, wie bei allem anderen, dem ich begegne«, sagt er. So war es auch beim Roséwein, den er in den darauffolgenden 20 Jahren in die Moderne führte. »Ich hatte schon lange vor meiner Ankunft in der Provence das Gefühl, dass Roséwein nicht nur ein Imageproblem hatte, sondern schlicht als nicht ernst zu nehmender Wein galt«, sagt er. Rosé sei damals ein Nebenprodukt gewesen – und genau das wollte er mit seinem Team von der Qualitätsseite anpacken. »Mein Ziel war es, Rosé zu etwas Großem zu machen, und das haben wir geschafft – weit über meine Erwartungen hinaus.«
Aller Kritik zum Trotz
So klar, wie es Sacha Lichine im Gespräch erzählt, war der Erfolg von Château d’Esclans und dem Parade-Rosé Whispering Angel allerdings nicht von Anfang an. Die Skepsis der Branche war greifbar: »Die Sommeliers wollten anfangs nicht einmal mit mir reden«, erinnert sich Lichine. »Sie dachten, ich sei verrückt, ein Bordeaux-Château zu verkaufen, um Rosé zu machen.« Ein Running Gag zwischen Lichine und seinem ersten beratenden Önologen, Patrick Léon, drehte sich darum, dass sie den Wein machen wollten, den sie selbst trinken möchten – für den Fall, dass er niemandem schmecken würde. Bald schon stellte sich aber heraus, dass diese Angst unbegründet war: Die beiden trafen nicht nur ihren eigenen, sondern den Geschmack der ganzen Welt und verhalfen nicht nur sich selbst, sondern der ganzen Provence zum heutigen Erfolg. Als das Wine Enthusiast Magazine Château d’Esclans 2014 zur European Winery of the Year kürte, sagte Lichine dem interviewenden Journalisten, er reite die Rosé-Welle. Dessen Reaktion darauf lässt ihn bis heute nicht los: »Sie reiten sie nicht. Sie haben sie erschaffen«, entgegnete der Journalist.
Sie wollten einen Wein machen, den sie selbst gerne trinken würden – für den Fall, dass er sonst niemandem schmeckt.
Schmeichelnde Nachahmer
»Es gibt heute viele Regionen auf der Welt, die versuchen, den blassen Rosé-Stil herzustellen, den wir in der Provence definiert haben«, so Sacha Lichine. »Das ehrt uns – Nachahmung ist schließlich die aufrichtigste Form der Schmeichelei.« Was Château d’Esclans dabei so besonders macht, hat für Lichine viel mit dem Terroir zu tun: alte Grenache-Reben, manche davon fast hundert Jahre alt, auf mineralreichen Böden – ihre Wurzeln greifen tief in die Erde und übertragen diese Qualität bis in den Wein. Die Spitzencuvée Garrus wird nach burgundischem Vorbild in Eichenfässern ausgebaut und erreicht eine Struktur und Komplexität, die man in dieser Kategorie selten findet. Weine, die nicht nur zum Aperitif taugen, sondern zum Essen einladen.
Nachahmung ist die aufrichtigste Form der Schmeichelei.
– Sacha Lichine
Für Lichine steht dabei eines außer Frage: So wie die Champagne den Maßstab für Schaumwein setzt, soll die Provence ihn für Rosé setzen. Eine Vision, an der er zwanzig Jahre lang gearbeitet hat – und für die er auch heute noch genauso brennt.
Rückzug nach 20 Jahren
Sacha Lichine zog sich im März 2026 – nach ziemlich genau 20 Jahren – als Gründer und Präsident von Château d’Esclans zurück. Schon seit 2019 ist der Luxusgüterkonzern LVMH Mehrheitseigner des Weinguts, der Rückzug Lichines war schon lange geplant. »Darauf habe ich mich schrittweise vorbereitet«, sagt Sacha Lichine. »Ich empfinde eine tiefe Genugtuung über alles, was mein Team und ich erreicht und an LVMH übergeben haben.«
Wer die Biografie des umtriebigen Weinunternehmers kennt, weiß natürlich, dass Lichine sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruht – dafür ist er einfach nicht der Typ. Mit Mitte 60 betritt er ein weiteres Mal neues Terrain, versucht ein weiteres Mal, Bestehendes neu zu definieren. Sacha Lichine ist heute Hauptinvestor bei Rosaluna Mezcal. »Ich bin von der Agave Espadín fasziniert, der wichtigsten Agavensorte in der Herstellung von Rosaluna-Mezcal«, sagt er mit derselben Begeisterung, wie er über Provence-Rosé spricht. Lichines Mezcal ist weniger rauchig als viele vergleichbare Produkte, wird handwerklich und nachhaltig produziert. »Man kann es mixen, pur trinken – es bietet unzählige Genussmöglichkeiten«, sagt er.
Im Sommer 2027 lanciert Sacha Lichine das erste Festival seiner Art in Europa. Vier Tage lang verwandelt sich Gstaad in ein Epizentrum der Weinwelt: über 30 internationale Weinproduzenten, mehr als 20 Spitzenköche, Masterclasses, Winemaker-Dinners in exklusiven Hotels und Chalets. Als Abschluss öffnet sich am Sonntag die Promenade für alle. Ein Teil der Einnahmen fliesst in einen Stipendienfonds für Nachwuchstalente der Gastronomie.
Wahlheimat Gstaad
Sacha Lichine, in Frankreich und den USA aufgewachsen und weit gereist, hat sich vor einigen Jahren in Gstaad in den Schweizer Bergen niedergelassen. Der Luxusort ist wie gemacht für den »Godfather of Rosé«, wie er in der Presse wiederholt genannt wurde. »Ich schätze die Lebensqualität, die der Ort bietet«, sagt Lichine auf seine Wahlheimat angesprochen. »Eine Mischung aus Stille und einem anspruchsvollen, verfeinerten Umfeld.« Und hier widmet er sich seinem zweiten großen Projekt: dem Gstaad Wine & Food Festival. Im Juni 2027 lanciert Lichine das erste Festival seiner Art in Europa – vier Tage, über 30 internationale Weinproduzenten, mehr als 20 Spitzenköche, Masterclasses und Winemaker-Dinners, mit dem Sonntag auf der legendären Gstaader Promenade als Abschluss und Höhepunkt. »Für mich geht es darum, etwas Bedeutungsvolles und Bleibendes zu schaffen«, sagt er. »An einem Ort, der seinesgleichen sucht.«
Man könnte meinen, dass jemand, der den Roséwein neu erfunden, ein Weingut an LVMH übergeben und nebenbei in einen mexikanischen Mezcal investiert hat, irgendwann einen Gang zurückschaltet. Sacha Lichine widerlegt diese Annahme mit jedem neuen Kapitel. Der Rat seines Vaters – keine Trends nachzulaufen, sondern sie zu setzen – gilt offensichtlich noch immer. Und solange das so ist, dürfte Gstaad im Sommer 2027 nur der Anfang sein.