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Wiesnbilanz: Wann kommt endlich das Maß-Verbot?

München
Oktoberfest
Alkohol
Bier

Jedes Jahr, wenn das Oktoberfest endet, bleibt ein Kater. Dann steht man mit brummendem Schädel vor der polizeilichen Statistik und fragt sich: Was zum Teufel war da denn eigentlich schon wieder los? Ein Kommentar.

6,7 Millionen Menschen haben die Wiesn 2024 besucht und dort 7 Millionen Maß Bier in sich hineingeschüttet. Zwar zeigt sich die Polizei glücklich darüber, dass die Zahl der Straftaten um 24,1 Prozent zurückgegangen ist. Aber trotzdem ist es irritierend, dass sie in ihrer Wiesn-Bilanz fast stolz schreiben, dass weder Totschlag noch Raub unter die 706 begangenen Straftaten fallen. Darauf würde man doch gerne ein »Prosit der Gemütlichkeit« anstimmen, wenn genau das nicht in vielen Fällen das Schmiermittel der Straftaten wäre: der hemmungslose Alkoholkonsum.

Der Wiesnchef, Clemens Baumgärtner, ist ebenfalls happy. »Das Oktoberfest war in diesem Jahr besonders entspannt«, sagt Baumgärtner. »Trotz der hohen Besucherzahlen ist die Zahl der Straftaten und Patienten gesunken«. Und: »Ich hoffe, dass sich dieser Trend zu einem friedlichen und qualitätsbewussten Volksfest fortsetzt.«

Wozu braucht es noch den Maßkrug?

Es gab 56 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, davon sieben Vergewaltigungen. 212 Körperverletzungen. In 29 Fällen wurde der Maßkrug zur Waffe.

Und spätestens da kann man sich doch schon mal fragen: Wozu braucht es den eigentlich, den Maßkrug? Vielleicht ist es jetzt mal an der Zeit, darüber nachzudenken, wie sinnvoll einige traditionellen Bestandteile des größten Volksfestes der Welt heute noch sind. Denn bei einem Fest, bei dem man später glücklich darüber sein kann, dass »nur« sieben Frauen vergewaltigt wurden, muss sich ohne jeden Zweifel Grundsätzliches ändern.

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Zack, verboten

Und dieses Grundsätzliche könnte man auch ganz in Baumgärtners Sinn tun. Als im Frühjahr ein Sylt-Video für Furore sorgte, auf dem junge Menschen einen menschenverachtenden Text zu dem Lied »L’Amour toujours« sangen, handelte der nämlich schnell und sprach ein Verbot des Liedes für die Wiesn aus. Seine Logik lässt sich so nachvollziehen: Solange Menschen den Text nicht singen, ist es eine weltoffene Wiesn, sobald die gleichen Menschen den Text singen, ist sie rassistisch. Das will man verständlicherweise nicht. Also, zack, verboten.

Wie wäre es, das auch auf das Maßkrug-Problem anzuwenden? Denn der wird freilich nicht nur verwendet, um anderen damit eins überzuziehen, sondern auch, um sich selbst ganz schön zuzurichten. Dieses Jahr hat es vom Fassanstich bis zur ersten Alkoholvergiftung zwei Stunden und dreiunddreißig Minuten gedauert. Legendär sind die Bilder vom sogenannten »Kotzhügel« am Westrand des Festgeländes, auf dem sich Besoffene der für knapp 17 Euro gekauften Biere wieder entledigen. Es ist wahrscheinlich untertrieben, zu sagen: Das alles ist wenig würdevoll. Genauso klar ist es, dass Alkohol die Hemmschwelle senkt, auch die seinem Gegenüber etwas anzutun. Man würde sich doch sehr wundern, so eine ausführliche Straftatenliste nach einem dreiwöchigen Yoga-Festival zu lesen, auf dem ausschließlich Kombucha ausgeschenkt wurde.

Ein halb-Liter-Prosit-der-Gemütlichkeit

Also, wie würde eine Lösung nach der Baumgärtner-Logik aussehen? Vielleicht ja so: Solange Menschen ihr Limit kennen, auf ihren Alkoholkonsum achten, verhalten sie sich würdevoll. Sobald sie völlig aus dem Universum geschossen in Richtung Kotzhügel wanken, als hätten ihre Eltern ihnen nicht mühevoll das Laufen beigebracht, verhalten sie sich würdelos. Die Baumgärtner-Konsequenz müsste also ein Maß-Verbot sein.

 

Man muss kein Kriminalpsychologe sein, um zu prognostizieren, dass auch die Straftaten durch den sinkenden Pegel nach unten gehen würden.

 

Ja, ein Maß-Verbot. Eine verrückte Idee, sicher. Aber was wäre, wenn auch auf dem Oktoberfest, wie sonst überall in Deutschland, das Bier in halben Litern verkauft würde? Nicht nur würde der Bierpreis gleich wieder unter die zehn-Euro-Marke fallen, auch der eigene Konsum wäre viel leichter einzuschätzen. Statt sich den ersten Liter reinzueimern, dann den zweiten zu bestellen, bevor der Alkohol überhaupt im Blut angekommen ist, könnte man das alles so etwas langsamer, etwas gemütlicher angehen. Ein halb-Liter-Prosit-der-Gemütlichkeit. Nur so eine Idee. Klar ist: Maß halten ist mit einem Maßkrug wesentlich schwieriger als mit einem herkömmlichen Bierglas.

Man muss kein Kriminalpsychologe sein, um zu prognostizieren, dass auch die Straftaten durch den sinkenden Pegel nach unten gehen würden. Und der After-Wiesn-Kater wäre so auch deutlich milder.


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Moritz Hackl
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