Diplomatie mit Möselchen: Konrad Adenauer und der Wein
Konrad Adenauer führte Deutschland mit Weitblick und Entschlossenheit durch schwierige Zeiten. Dabei nutzte der passionierte Weinkenner Spitzen-Rieslinge für diplomatische Zwecke.
Im kommenden Jahr würde Konrad Adenauer 150 Jahre alt werden. Der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland – von 1949 bis 1963 im Amt – prägte wie kaum ein anderer die Anfangsjahre der jungen Demokratie. Nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts und dem Zivilisationsbruch der Schoa übernahm »der Alte«, wie er respektvoll genannt wurde, die politische Führung und steuerte das Land mit Entschlossenheit und Weitblick durch bewegte Zeiten. Westbindung, NATO-Beitritt, Wiederbewaffnung und die Mitgestaltung des Grundgesetzes sind nur einige der historischen Weichenstellungen, mit denen Adenauer das Fundament für das moderne Deutschland legte.
Genussmensch, auch in düsteren Zeiten
Adenauer war ein Mann seiner Zeit – konservativ, gewiss, aber ebenso rheinisch-katholisch geprägt: dem Leben und dem Guten zugewandt. Mit hintergründigem Humor, menschenfreundlich, ohne naiv zu sein. »Man muss die Menschen nehmen, wie sie sind – andere gibbet nicht«, sagte er einmal. Und: Er war ein ausgewiesener Weinkenner. Schon als Kölner Oberbürgermeister pflegte Adenauer einen bemerkenswerten Weinkeller und ersteigerte regelmäßig edle Tropfen beim Verband der Naturweinversteigerer – dem Vorläufer des heutigen VDP. Schon damals bewies er diese gewisse stoische Chuzpe: Selbst als ihn die Nationalsozialisten 1933 aus dem Bürgermeisteramt jagten, schikanierten und seine Konten sperrten, ließ er sich vom Genuss nicht abbringen. 1934 kaufte er für seinen Keller unter anderem 25 Flaschen 1931er Zeltinger Sonnenuhr für 811,67 Reichsmark – dazu noch beachtliche Mengen vom 1929er Schloss Johannisberger und Marcobrunner. Adenauer wusste, was gut ist – auch in düsteren Zeiten.
Zeigen, wer man ist
Zahlreiche Anekdoten zeigen: Adenauer war nicht nur ein disziplinierter Weinkenner – Trunkenheit und Jovialität waren ihm ein Graus –, sondern er verstand auch die kommunikative Kraft eines guten Weins. Er wusste um die Wirkung wertschätzender Gesten und die Botschaften, die sich mit der richtigen Flasche ganz ohne Worte vermitteln lassen. Dieses Instrument setzte der »alte Fuchs« gezielt und klug ein – auch in der großen Diplomatie.
Ein markantes Beispiel ist seine Moskau-Reise 1955. Ziel war die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Sowjetunion und die Rückführung der letzten deutschen Kriegsgefangenen. Während Kanzler und Außenminister mit Lufthansa-Maschinen anreisten, nahm die Bonner Delegation den Zug – im Gepäck: zwei 300er Mercedes-Limousinen für die Fahrt über den Roten Platz zum Kreml, sowie feinste Weine, vom Kanzler persönlich ausgewählt: 1950er Bernkasteler Doctor Spätlese, 1953 Kiedricher Gräfenberg Auslese und 1951er Jahrgangssekt der Hohen Domkirche Trier. Ein Teil davon wurde während der entscheidenden Verhandlungen in einer Datscha bei Moskau an Chruschtschow, Bulganin und Molotow ausgeschenkt – die den Mythos dieser Weine sehr wohl kannten.
Geschicktes Crescendo
Auch Eitelkeiten ließen sich mit Wein pflegen. So lud Adenauer nach der ersten Bundestagswahl 1949 die Spitzen der CDU/CSU zu sich nach Hause ein. Dabei ging es um die Frage, wer Bundeskanzler werden sollte. Bei gutem Essen und ordentlichem Wein zogen sich die Gespräche hin – bis Adenauer schließlich seinen privaten Weinkeller öffnete. »Hervor kam das Edelste vom Edlen: Spätlesen und Auslesen, Weine, wie ich sie in meinem Leben noch nie getrunken hatte«, berichtete Franz Josef Strauß später sichtlich beeindruckt. Adenauer selbst wird mit den Worten zitiert: »Die Stimmung schien sich zu lockern.« In genau diesem Moment erwähnte der damals 73-Jährige ganz beiläufig, sein Arzt hätte nichts dagegen, wenn er für zwei Jahre das Amt des Bundeskanzlers übernähme. Die Aussicht auf eine zeitlich begrenzte Amtszeit erleichterte den Anwesenden die Zustimmung. Dass daraus schließlich 14 Jahre Kanzlerschaft wurden, ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand.
Auch bei einem Besuch der Ministerpräsidenten setzte Adenauer Wein als taktisches Stilmittel ein. Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel berichtete später von einem klug inszenierten Crescendo der Weinqualität: Zunächst wurde ein einfacher Wein serviert, den Adenauer mit den Worten kommentierte: »Dieser Wein ist nicht besonders gut.« Beim nächsten Glas meinte er: »Dieser Wein könnte besser sein.« Nach dem dritten Wein sagte er seinem Staatssekretär schließlich mit gespielter Entrüstung: »Sie scheinen vergessen zu haben, dass wir die Ministerpräsidenten bei uns zu Gast haben!« Erst dann wurden die edlen Tropfen entkorkt – und jeder fühlte sich geschmeichelt.
Gesten der Freundschaft und des Respekts
Am 8. Juli 1962 feierten Charles de Gaulle und Konrad Adenauer die deutsch-französische Versöhnungsmesse in der Kathedrale von Reims – eine Sternstunde der Völkerverständigung. Zuvor war Adenauer durch Frankreich gereist. In Bordeaux besuchte er das Château Margaux, wo man seine fundierten Weinkenntnisse anerkennend würdigte. Zum Staatsbankett in Paris brachte er sechs Flaschen Eiswein aus seinem Bonner Keller mit. »Herr General, den Wein müssen Sie probieren«, sagte er – nahm dem Kellner die Flasche aus der Hand und schenkte de Gaulle persönlich ein.
Es sind diese kleinen Gesten – eine gezielte, aber wohldosierte Überschreitung des Protokolls –, die wahrgenommen, erinnert und weitererzählt werden. Sie bleiben im Gedächtnis und entfalten ihre Wirkung über den Moment hinaus. Adenauer verstand es meisterhaft, solche Momente zu schaffen. Vor allem mit »Möselchen«, wie er den Moselriesling nannte.
Ein Möselchen geht immer
Wer die zahlreichen Rechnungen und Inventarlisten im Adenauer-Haus durchsieht, erkennt schnell: Der Bundeskanzler war ein großer Fan des »Möselchen«. Schon die liebevolle Bezeichnung brachte seine besondere Vorliebe für die feinsten Rieslinge zum Ausdruck. Der Bonner Journalist Walter Henkels überlieferte dazu ein charmantes Bekenntnis des Kanzlers: »Ein Möselchen rege den Appetit an, beschwinge das Lebensgefühl, fördere die Gedankentätigkeit, erzeuge Wohlbehagen und bringe den Stoffwechsel in Schwung.« Als ein Arzt einem Moselweinliebhaber riet, wegen der Leber- und Nierenwerte vorsichtig zu sein, soll Adenauer trocken geantwortet haben: »Dann soll er sich mal das Alter seines Bundeskanzlers anschauen – und überhaupt: Es gibt mehr alte Moselwinzer als alte Ärzte.«
Konrad Adenauer starb am 19. April 1967 im Alter von 91 Jahren.