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Spektakulärer Ausblick auf die Rebberge von Thal. Hier gedeihen unter anderem die Weine von Roman Rutishauser.

Spektakulärer Ausblick auf die Rebberge von Thal. Hier gedeihen unter anderem die Weine von Roman Rutishauser.
© Roman Rutishauser

Schweiz: Chancental Rheintal

Wein
St. Gallen
Schweiz

Gut hundert Hektar Reben, steile Lagen und ein Klima, das grosse Weine ermöglicht: Das St. Galler Rheintal hat vieles, was eine Spitzenregion braucht – ausser Bekanntheit.

«Rheintal Chancental» steht auf dem Schild, das einen auf der Autobahn Richtung St. Galler Rheintal begrüsst. Wer dann an den steilen Rebhängen über Berneck vorbeifährt, hat im Grunde schon mal eine Chance verpasst. Das St. Galler Rheintal ist klein, gut 100 Hektar Rebfläche, verteilt auf die Südhänge des Tals. Die grösste Weinbaugemeinde ist Berneck mit rund 40 Hektar, gefolgt von Thal und Balgach. Namen, die ausserhalb des Kantons kaum jemandem etwas sagen.

Was ebenfalls kaum jemand weiss, ist, wie eindrücklich die Rebberge hier sind. Die Steillagen mit Hangneigungen bis zu hundert Prozent erinnern an Bergregionen wie das Wallis. Das St. Galler Rheintal befindet sich nur etwa 50 Kilometer rheinabwärts von der Bündner Herrschaft. Wie im benachbarten Graubünden bläst auch hier der warme Föhn, der für optimale Reifebedingungen sorgt und den Weinbau begünstigt. Mechanisierung ist nicht überall möglich, Handarbeit häufig Voraussetzung. Die Reben gedeihen hauptsächlich auf Molasse, verwittertem Sandstein oder Nagelfluh. Die Voraussetzungen für aussergewöhnliche Weine sind wie im Bündnerland durchaus da, aber kaum jemand weiss davon – und selbst in der Kantonshauptstadt St. Gallen sind Rheintaler Weine auf den Weinkarten der Spitzenlokale Mangelware. Im St. Galler «Einstein» etwa, das eine der besten Weinkarten mit Schweizer Gewächsen überhaupt hat, finden sich genau drei Weine aus dem Rheintal. Warum ist das so?

Terroir mit Potenzial

Adrian Lüthi, Geschäftsführer vom Weingut Schmidheiny in Heerbrugg, kennt das Problem. «Vieles von dem, was hier produziert wird, wird im Rheintal selbst getrunken», berichtet er. Das Weingut, das seit mehreren Generationen von Thomas Schmidheinys Familie geführt wird, ist nur eines von mehreren im Portfolio des Multimilliardärs. In Rapperswil-Jona besitzt er ausserdem das Weingut Höcklistein, das ebenfalls Lüthi leitet. Dann wären da noch Cuvaison im Napa Valley und Finca Decero in Mendoza – eine Ausgangslage, die genügend Weitblick mit sich bringt.

Im Rheintal fokussiert man sich unter der Ägide des Önologen Andreas Stössel seit vielen Jahren auf die Herausarbeitung des einzigartigen Terroirs. Am eindrücklichsten verdeutlichen das Potenzial der Chardonnay Halde und der Pinot Noir Halde unterhalb der Mauer – letzterer der einzige Wein des Rheintals, der in die Schatzkammer des «Mémoire des Vins Suisses» aufgenommen wurde. Beide gedeihen in Parzellen unmittelbar neben dem Weingutsgebäude. Als wir das Weingut besuchen, arbeitet die Rebmannschaft gerade an der Silvaner-Parzelle, für die im letzten Jahr Rebstöcke aufgepfropft wurden. Silvaner hat im Rheintal keine Tradition – die Hauptrebsorten sind Pinot Noir und Müller-Thurgau –, ist aber dafür bekannt, sein Terroir besonders gut zu transportieren. «Wir haben keine Verpflichtungen», bemerkt Lüthi. «Wir können machen, was wir wollen.»

Der Quereinsteiger

Auch Philipp Grob sieht sich keinen Vorgaben verpflichtet. Nur sieht seine Freiheit anders aus. Grob, früher Maschinenbauingenieur und Barkeeper, hat sich seine inzwischen vier Hektar Rebfläche zusammengepachtet – Parzellen, die andere nicht mehr wollten oder nicht mehr bewirtschaften konnten, quer durch das Rheintal. Im Rebberg arbeitet er nach biodynamischen Prinzipien, im Keller übt er Verzicht: Spontangärung, keine Filtration, keine Zusatzstoffe. Seine Mentor:innen sind Markus Ruch vom gleichnamigen Weingut und Hans-Peter Schmidt von der Walliser Domaine Mythopia, bei denen er einige Zeit arbeitete. Inspiration holt er sich mittlerweile bei Naturweinmacher:innen im Süden Frankreichs und in Spanien.

Das St. Galler Rheintal bietet beste Voraussetzungen für qualitativ hochwertige Weine.

Grob geht mit dem Fluss, bürdet sich keine Regeln auf, sondern macht, was sich gerade richtig anfühlt. Nur eines ist fix: Die «Chlapf»-Weine sollen so natürlich wie möglich auf die Flasche kommen. «Zu Beginn war ich auf der Suche nach dem perfekten Pinot Noir und vinifizierte alle meine Lagen separat. Jetzt möchte ich aber nur noch einen Rotwein, den Super-Chlapf, eine Assemblage aller Einzellagen, und Schaumwein machen.» Grob geht konsequent seinen eigenen Weg, was ihn zu einem spannenden Gegenpol in der Region macht. Seine Weine verkauft er weit über die Grenzen des Kantons hinaus bis nach Genf. Bei den Preisen war er von Beginn an selbstbewusst – orientiert hat er sich dabei eher an der Bündner Herrschaft als an der eigenen Region.

Tradition mit Spielraum

Roman Rutishauser ist sich der Preisproblematik bewusst. «Die Leute müssen verstehen, wie viel Arbeit hinter einer Flasche Wein aus den Steillagen hier steckt.» Seine Familie bewirtschaftet seit mehreren Generationen sieben Hektar in Thal. Flaggschiff des Weinguts am Steinig Tisch ist der Kerner, den sein Grossvater in den 1970ern als erster in der Schweiz anbaute. Rutishauser beliefert inzwischen 150 Gastronomiebetriebe direkt und ist tief in der Region verwurzelt. Seine Weine sind keine Geheimtipps für Eingeweihte, sondern schneiden auch bei Falstaff-Degustationen immer wieder hervorragend ab – zuletzt mit seinem Sauvignon Blanc Intense Fumé 2023, der es durchaus mit Vorbildern aus Frankreich aufnehmen kann. Rutishauser experimentiert auch, aber mit Bedacht. Seine neue Linie «Neuland» gibt ihm Spielraum, Dinge auszuprobieren, ohne das Kerngeschäft zu gefährden – ein Kerner, zwei Jahre auf kleinem Holzfass ausgebaut, als Jubiläum für fünfzig Jahre Kerneranbau. «Wir können auch mal etwas Neues ausprobieren», sagt er, «ohne gleich alles zu verändern.»

Erlebnis Wein

Neuland betrat auch Christoph Schmid, der das seit 1866 existierende Familienweingut Tobias in Berneck 2016 übernahm und vollständig neu erfand: neues Label, Schraubverschluss, Rotwein-Fokus. Die Rosenburg am Hang über Berneck gehört der Familie – auf sie blickt man vom Weingut aus, das viele als Hochzeitslocation nutzen. Achtzehn Hochzeiten hat Schmid dieses Jahr bereits gebucht. «Wenn du hier geheiratet hast und der Wein war Teil der schönsten Erinnerung, dann zeigst du die Flasche irgendwann deinen Kollegen», sagt er. Schmid weiss, dass man eine Region nicht erklärt – man muss sie erlebt haben. Deshalb treibt er das Weinerlebnis Rheintal mit an: vierzig Kilometer Wegstrecke durch Au, Berneck und Balgach, Millionenbudget aus privatem und öffentlichem Geld, Attraktionen entlang der Lagen. «Wie bringst du die Leute hierhin? Wie schaffst du ein Erlebnis um den Wein?» Die Antwort bauen Schmid, Schmidheiny, Grob, Rutishauser und viele andere im Rheintal gerade auf. Potenzial ist vorhanden, die Probleme dieselben wie aktuell überall in der Weinwelt. Der zentrale Schlüssel liegt in der Fokussierung auf Qualität, Terroir und Profil.

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Erschienen in
Falstaff Magazin Schweiz Nr. 2/2026

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Dominik Vombach
Dominik Vombach
Chefredaktion Schweiz
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