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Kanadas wilde Westküste: Mit der Fähre durch die Inside Passage

Kanada
Reise
Natur

Die legendäre Inside Passage ist längst ein Klassiker für Kreuzfahrten. Doch die spektakuläre Natur Kanadas lässt sich genauso gut auf einer Fährfahrt erleben – ohne Schotterwege, dafür mit Walen, Delfinen und Seelöwen.

Port Hardy, das nördlichste Hafenstädtchen auf Vancouver Island, ist ein kleiner, verschlafener Ort mit wenigen Tausend Einwohnern. Hier endet der Highway – dahinter, daneben, rundherum gibt es nichts als Wildnis. Dreimal in der Woche legt am Hafen frühmorgens die »Northern Expedition« ab, ein Schiff des staatlichen Fährunternehmens BC ­Ferries, und steuert einen der berühmtesten Seewege des amerikanischen Kontinents an. Über 1600 Kilometer schmiegt sich die Inside Passage an die Küste ­Nordamerikas, von Seattle im Süden bis nach ­Skagway im fernen Alaska. Der kanadische Teil erstreckt sich zwischen Port Hardy und dem 430 Kilometer nördlich davon gelegenen Prince Rupert.

Die Fährfahrt auf der Inside Passage ist eine spektakuläre Möglichkeit, mit dem Auto von Vancouver in den Norden zu gelangen – die zerklüftete Westküste ­Kanadas lässt sonst nur eine weite Umfahrung durchs Landesinnere zu. Früher ­bedeutete das Tage auf Schotterwegen, und noch ­heute braucht man fast 24 Stunden über die Highways. Doch der Seeweg ist nicht nur eine praktische Verbindung, sondern auch eine der beliebtesten ­Touristenattraktionen in British Columbia. Nirgendwo sonst nämlich lassen sich die Meeresbewohner der Region so einfach und so nah bestaunen. Besonders in den Sommermonaten sind es vor allem Wale, für die Touristen herkommen. Aber auch das nordamerikanische Wappentier ist hier zu Hause: der beeindruckende Weißkopfseeadler.

Der Weg zum Goldrausch

Geformt wurde das Labyrinth aus Küsten­linie, Inseln und Schären vor Jahrmillionen, als Schmelzwasser der Gletscher sich seinen Weg zum Meer bahnte und ein weit verzweigtes Netz an Wasserwegen hinterließ. An Land formte sich der mehrere ­Millionen Hektar große Great Bear Rainforest – der weltweit letzte verbliebene Regenwald in ­einer gemäßigten Küstenzone. Er trägt seinen Namen nicht zufällig, ist er doch Heimat einer beeindruckend großen Population aus Grizzly- und Schwarzbären, darunter auch der seltene Kermodebär – eine Schwarzbärart mit weißem Fell. Doch die Artenvielfalt reicht weit darüber hinaus: In den Wäldern leben zudem Wölfe, Elche, Hirsche und Karibus, während am Himmel ­Raubvögel kreisen. Das feuchte Klima mit seinen starken Regenmengen begünstigt zudem uralte Baumriesen – manche davon sind gut 1000 Jahre alt und bis zu 100 Meter hoch.

Bei Schönwetter zeigt sich die kanadische Küstenlandschaft von ihrer postkartentauglichen Seite. Und mit etwas Glück kann man den Weißkopfseeadler beim Fischen beobachten.
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Bei Schönwetter zeigt sich die kanadische Küstenlandschaft von ihrer postkartentauglichen Seite. Und mit etwas Glück kann man den Weißkopfseeadler beim Fischen beobachten.

Menschen hingegen sucht man in ­Kanadas westlichen Küstengebieten meist vergebens. Einzig die Stämme der First Nations, der Urbevölkerung Kanadas, trotzten schon vor Jahrtausenden den rauen Bedingungen und machten sich den Artenreichtum und die abgelegene Lage zunutze. Europäische Entdecker erreichten das Gebiet erst vor wenigen Jahrhunderten – zu abgelegen, zu schwer kartografierbar und durch Gezeiten ständig im Wandel zeigte sich die Landschaft. Erst der Gold­rausch im 19. Jahrhundert änderte das: Als in Alaska und Yukon Gold entdeckt wurde, brach in den von einer Wirtschaftskrise gebeutelten USA eine kleine Völkerwanderung los – rund 100.000 Menschen zog es innerhalb weniger Jahre in den hohen Norden, um dort ihr Glück als Goldgräber zu suchen. Der schnellste und sicherste Weg führte dabei über das Wasser, die Inside Passage gewann an Popularität.

Wale auf Backbord

Vom regen Schiffsverkehr der Goldrauschjahre ist heute nichts mehr zu spüren. Wenn die »Northern Expedition« in Port Hardy nordostwärts ablegt, um zunächst die Meerenge der Queen Charlotte Strait zu kreuzen, tut sie das ganz allein. Spätestens hier heißt es: Daumen drücken für gutes Wetter – nicht nur wegen der dann spiegelglatten Wasseroberfläche, sondern vor allem für freie Sicht auf das Naturspektakel der kommenden 16 Stunden.

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Denn sobald das Schiff im Queen Charlotte Sound in die Fjordlandschaft der Inside Passage einfädelt, gleitet es durch eine makellose Postkartenlandschaft zwischen Regenwald und Nordpazifik. Und auch Letzterer trägt maßgeblich zur Artenvielfalt bei: In den kalten, ruhigen Gewässern tummeln sich Lachse, Wale, Delfine, aber auch Seelöwen.

Bis zum ersten – und oft einzigen – Halt in Bella Bella auf Campbell Island verbringen Passagiere die Zeit am besten staunend an Deck. Und haben dabei gut zu tun: Immer wieder ertönt die Stimme des Kapitäns aus den Lautsprechern – etwa mit dem Hinweis: »Eine Gruppe Buckelwale springt gerade auf der Backbord-Seite durchs Wasser.« Nachsatz zur Orientierung: »Das ist die linke Seite.« Wer den Blick schweifen lässt, entdeckt mit etwas Glück auch ganz ohne Ansage den einen oder anderen Meeresriesen.

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Meer ohne Menschen

Sobald Bella Bella am Horizont verschwindet, liegen auch die letzten menschlichen Spuren außerhalb des Blickfeldes – mit Ausnahme einer Handvoll alter Leuchttürme, die den Seemännern einst den Weg durch die Fjorde wiesen. Dann gehört der Great Bear Rainforest ganz sich selbst. Dank der Beschaffenheit der Inside Passage können Besucher dennoch beinahe hautnah eintauchen: Ab dem Milbanke Sound nimmt das Schiff Kurs auf die schmalsten Abschnitte – teils trennen nur wenige Dutzend Meter Reling und Ufer. Das erlaubt intensive Beobachtungen von Flora und Fauna – mit Glück lassen sich Bären sehen. Dem Kapitän verlangt es Maßarbeit ab – und erklärt manche historische Havarie.

Erst kurz vor dem Ziel in Prince Rupert scheint die »Northern Expedition« wieder Kurs auf die Zivilisation zu nehmen, bevor sie um Mitternacht im Hafen der letzten kanadischen Stadt vor Alaska anlegt. Von hier führt der Trans-Canada-Highway quer durch British Columbia bis in die Rocky Mountains – mitten in die nächste, nicht minder beeindruckende Landschaft.


Erschienen in
Falstaff Magazin Schweiz Nr. 8/2025

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Caroline Metzger
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