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Die charmanten bunten Häuser, die den Kanal Nyhavn schmücken, sorgen bei jedem Wetter für gute Laune.

Die charmanten bunten Häuser, die den Kanal Nyhavn schmücken, sorgen bei jedem Wetter für gute Laune.
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Kopenhagen: Meerjungfrau & Minimalismus

Reise
Kopenhagen
Dänemark

Gerade wurde Kopenhagen zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt – und sie ist auch eine der vielseitigsten. Die dänische Hauptstadt ist ein ­Mekka für Interior Design, Mode und Kulinarik, begeistert mit Gastfreundschaft und Coolness und vereint Großstadtflair mit beinahe dörflicher Stille.

Die frühe Mittagssonne liegt golden auf dem Kopfsteinpflaster der ruhigen Straße, die zum Schloss Amalienborg unweit des Kopenhagener Zentrums führt. Es ist ungewöhnlich warm für diese Tageszeit und der sanfte Wind vermag kaum Erleichterung zu bringen. Der Durst meldet sich – glücklicherweise verheißt ein Schild am Wegesrand Erlösung: »Kiosk Copenhagen Vibes« steht darauf.

Doch kaum ist man ins Souterrain hinabgestiegen, wird klar: Alles ist anders, als man es sich vorgestellt hatte. In den Kühlschränken stehen Bio-Säfte und -Eistees, die Wände sind in Kobaltblau ge­strichen. Auf schlichten Regalen finden sich Kunstdrucke, Designobjekte, minimalistisch etikettierte Gin-Flaschen, Gläser, Weingummi-Dosen, Schmuck und Accessoires – alles aus dänischer Produktion, sorgfältig arrangiert. Will­kommen in Kopenhagen – wo Stil und Geschmack selbst im Souterrain zu Hause sind.

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Der Ruf, ein Epizentrum des guten Geschmacks zu sein, eilt der 1167 gegründeten Seehafenstadt meilenweit voraus. Kopenhagen ist nicht nur königlicher Sitz, sondern längst auch ein kreativer Schmelztiegel für Design, Architektur, Mode und eine der spannendsten Kulinarikszenen Europas. Design-Ikone Verner Panton studierte hier, und die für ihre Leuchtendesigns weltweit bekannte Marke Louis ­Poulsen wurde 1847 in der Stadt gegründet. Interior-Fans pilgern jährlich zum Festival »3 Days of Design«; zweimal im Jahr findet zudem die Copenhagen Fashion Week statt, eine der wichtigsten Modewochen der Welt. ­Designer wie Stine Goya sowie Nicolaj und Ditte Reffstrup, die Köpfe hinter der Marke Ganni, prägen das Image der Stadt als Mode­metropole.

Mit 19 Sternerestaurants ist sie zudem ein Mekka für Liebhaber der gehobenen Küche. Genuss und ­Ästhetik scheinen in Kopenhagen allgegenwärtig zu sein – selbst neben Rosensträuchern abgestellte Fahrräder in einem Hinterhof wirken hier wie wohlkomponierte Stillleben.

Aber nicht nur cleaner Scandi-Chic prägt die Stadt, das wird jedem sofort klar, der mit dem Zug anreist und den Bahnhof durch den Hauptausgang verlässt: Ausgelassenes Schreien und Lachen schallen vom direkt gegenüber ­gelegenen Tivoli herüber, hinter dessen Mauern eine Achter­bahn und die verschnörkelte Kuppel eines Fahrgeschäfts emporragen. Der 1843 eröffnete Vergnügungspark – einer der ältesten Europas – ist ein Ort, an dem Erwachsenen­herzen höherschlagen und Kindheitsträume weiterleben. Mit liebevoll gestalteten Fahrgeschäften, charmanten ­Restaurants und märchenhaften Hotels wie dem »Nimb« (von außen ein maurischer Palast, innen dänisches Design mit einem Hauch Asien) lieferte er Walt Disney die Idee für seinen Freizeitpark in Kalifornien.

Nur wenige Schritte entfernt erheben sich die 2017 fertiggestellten »Axel Towers« – fünf wuchtige, runde Türme mit kupfernen ­Fassaden, die im Sonnenlicht warm schimmern. Der höchste von ihnen ragt 61 Meter in den Himmel; im Inneren gibt es vor allem Büros, nüchtern und funktional. Dreht man sich Richtung des einstigen Rotlicht- und heutigen Szeneviertels Vesterbro um, wechselt das Bild: klassizistische Fassaden, Jugendstilornamente, Erker und ­Balkone. Kopenhagen gleicht hier einem urbanen Kaleidoskop – ein ständiges Mäandern zwischen Alt und Neu, Kitsch und Klarheit, Schnörkel und Struktur.

Großzügig, schön, streitlustig

Wäre Kopenhagen ein Mensch, urteilte die dänische Schauspielerin Connie Nielsen treffend, wäre dieser großzügig, schön, alt – und hätte ein gewisses Flair: »Ein Mensch mit einer Neigung zum ­Streiten, voller Fantasie, Lust auf Neues und Respekt vor dem Alten. Jemand, der sich gut um Dinge und Menschen kümmert.« Streitlust begegnet Kurzurlaubern allerdings kaum; allenfalls eine anfängliche Zurückhaltung, die schnell einer warmen Freundlichkeit weicht.

Der Respekt vor Altem aber ist an vielen Stellen zu erkennen, selbst im Vorbeigehen: Trends und Tradition verschmelzen im detail­verliebten Interior des »Wide Hotel« im Zentrum, in der Jugendstilfassade des »Savoy« in Vesterbro mit seiner modern gestalteten Lobby, in kreativen Weiterentwicklungen des Smörrebröd im Restaurant »Aamanns 1921« und in humor- und liebevollen Interpretationen der kleinen Meerjungfrau auf Postkarten und Postern.

Die Bronzeskulptur der Märchenfigur von Hans Christian Andersen sitzt seit 1913 auf einem Felsen am Langelinie-Pier im Norden der Stadt und wirkt zart und sanft. Dabei hat sie einiges durchlebt: 1984 wurde ihr ein Arm abgesägt, gleich zweimal wurde sie enthauptet (1964 und 1998) und 2003 wurde sie gar vom Fels gesprengt. Aber die zierliche Meerjungfrau ließ sich nicht unterkriegen und lockt bis heute Touristenscharen an.

Deren Zahl ist am Steigen: Über elf Millionen Übernachtungen registrierte die Stadt 2024, sieben Prozent mehr als im Jahr davor. Dennoch wirkt Kopenhagen weniger überlaufen als etwa Amsterdam oder Barcelona. Diesen Eindruck teilen offenbar auch viele der rund 670.000 Bewohner: Laut einer Umfrage haben 67 Prozent keine Probleme mit dem Tourismus; 81 Prozent sind ­dafür, die Destination weiterhin zu bewerben. Das geschieht seit 2024 auch durch die Copenpay-Kampagne für nachhaltiges Reisen: Für die Anreise mit dem Zug etwa winken im Sommer Belohnungen wie Gratis-Leihfahrräder, Ermäßigungen für Attraktionen oder Yoga­stunden.

Die Stadt kümmert sich eben gut um Dinge und Menschen – um im Bild von Connie Nielsen zu bleiben. Und wie zum Lohn kürte die »Economist«-Gruppe Kopenhagen in diesem Juni zur lebens­wertesten Stadt der Welt. Viele Berichte darüber zeigen die bunten Fassaden von Nyhavn, der wohl meistfotografierten Kulisse der Stadt. Einst ein Hafen für Seefahrer, Prostituierte und Kaufleute, wurde das Viertel seit den 60er-Jahren liebevoll restauriert. Heute sitzen hier vor allem Touristen in Smörrebröd- und Seafood-­Restaurants. Die Einheimischen zieht es eher auf die Sonnen­terrassen rund um das nahe gelegene Schauspielhaus.

Sanft entschleunigt

Oasen der Ruhe tun sich in Kopenhagen oft überraschend auf: Gerade flaniert man noch durch eine belebte Straße wie die Studiestræde im Zentrum mit Cafés und Vintage-Geschäften, biegt ein-, zweimal ab – und steht schon in einer fast dörflich ­ruhigen Seitenstraße. Außer dem Geklapper von Fahrrädern auf Kopfsteinpflaster ist nichts zu hören. Das ist erholsam; für Touristen und die Leute, die hier leben.

Möglicherweise verdanken die Kopenhagener ihre Ruhe auch der Tatsache, dass sie dem Trubel einfach davonfahren. Über 700.000 Fahrräder sind auf ins­gesamt fast 400 Kilometern Radwegen unterwegs. Dazu passt die charmante Idee von Schauspielerin Birgitte Hjort Sørensen, bekannt aus der international ge­feierten Politikserie »Borgen«, die in Kopenhagen spielt: ­geführte Fahrradtouren zu den Schauplätzen der Serie. Wer lieber zu Fuß unterwegs ist, kann mit der Agentur Nordic Noir Tours auf Spurensuche gehen – vorbei an Drehorten nicht nur von »Borgen«, sondern auch von Serienhits wie »The Killing« oder »Die Brücke«.

Auch Kulinarik-Enthusiasten kommen auf ihre Kosten, nicht nur in den vielen Sternerestaurants der Stadt – mit drei Sternen ausgezeichnet wurden 2016 das »Geranium«, 2021 das »Noma« und 2024 das Restaurant »Jordnær«. Ohne Sterne, aber als Gesamtkunstwerk in minimalistisch-mediterranem Stil, der sich durch Kulinarik und Interior zieht, überzeugt das »Delphine« in Vesterbro; das »Babylon« punktet mit seiner Lage in einem über 100 Jahre alten Pavillon am Peblinge Sø, einem der drei Kopen­hagener Seen. Im Sommer kann man auch auf der Terrasse Austern und Muschelfrikassee genießen.

Mode-Himmel

Die auf Ästhetik bedachten und doch gelassen wirkenden Menschen und Kulissen, die einen hier überall umgeben, können akute Shoppinggelüste auslösen, die sich in unzähligen Geschäften stillen lassen. Zu den bekanntesten zählen Illum in der zentralen Fußgängerzone Strøget und Magasin du Nord am Kongens Nytorv, dem größten Platz der Innenstadt. Beide warten mit riesigen, aber top kuratierten Sortimenten an Mode, Design und Kulinarik aus Dänemark auf. Aber Achtung: Wer hier einkaufen will, sollte viel Zeit mitbringen.

Vor oder nach dem Kaufrausch lohnt sich ein Besuch im nahe ge­legenen Designmuseum Danmark, in dessen Dauerausstellung »Danish ­Modern« man dem Geheimnis dänischen Designs auf den Grund gehen und selbst Objekte designen kann. Sollte anschließend kein Platz im Museumscafé frei sein, ist es nicht weit zum »Kiosk ­Copenhagen Vibes« nahe Schloss Amalienborg, wo es neben Säften, Eistees, Schmuck und Interior-Schätzen auch guten Kaffee gibt. Ein besonderer Kiosk eben – in einer besonderen Stadt.

Das Designmuseum Danmark: Die richtige Adresse für alle, die Design als Hauptsache sehen.
© Michael Gordon / Shutterstock.com
Das Designmuseum Danmark: Die richtige Adresse für alle, die Design als Hauptsache sehen.

 

Erschienen in
Falstaff TRAVEL Magazin 03/2025

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Katharina Pfannkuch
Autor
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