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Marqués de Murrieta

Marqués de Murrieta
Foto beigestellt

Kaum erhältlich und hochspannend: Rioja zeigt seine weiße Seite

Rioja
Weißwein
Trend
Spanien

Wer Rioja bisher nur als Rotweinregion kannte, hat etwas verpasst. Weißweine und Schaumweine sind in der Region längst auf dem Vormarsch – und die besten davon kaum zu bekommen.

Rioja, das heißt für viele Tempranillo, Barrique und vor allem eines: Rotwein. Kaum jemand weiß, dass in der Region im 17. Jahrhundert mehr weiße als rote Reben kultiviert wurden. Dass sich dieses Bild so grundsätzlich änderte und wir heute bei Rioja zuerst an Rotwein denken, hat mehrere Gründe. Spätestens nach der Reblauskatastrophe Ende des 19. Jahrhunderts, als große Teile der Weinberge neu bepflanzt werden mussten, stellte die Region die Weichen neu. Unter dem Einfluss französischer Négociants setzte man konsequent auf fassgereifte Rotweine. Tempranillo wurde zur Leitsorte, der Ausbau im Holz zum Markenzeichen, und Rioja entwickelte sich zu dem, wofür es heute noch steht.

Weißweine spielen in diesem Erfolgsmodell bis heute kaum eine Rolle. »Als ich 2001 anfing, gab es entweder sehr einfache, frische oder traditionelle, oxidativ geprägte Weißweine«, erinnert sich Rafael Vivanco, Chefönologe des gleichnamigen Weinguts. »Beides wurde nicht wirklich als hochwertige Kategorie wahrgenommen.« Heute ist das anders. Während der Absatz klassischer Rotweine zuletzt ins Stocken geriet, ist der von Weißweinen aus Rioja innerhalb einer Dekade um rund 80 Prozent gestiegen. Eine Entwicklung, die nicht über Nacht kam.

Die weiße Wende

Einen wichtigen Impuls erhielt die Region bereits Jahrzehnte zuvor. 1988 machte ein Winzer nahe Murillo de Río Leza im Rioja Oriental eine ungewöhnliche Entdeckung: Ein Tempranillo-Stock trug plötzlich gelbgrüne statt rote Trauben. Eine natürliche Mutation, aus der später die Sorte Tempranillo Blanco hervorging. Auf den Fund wurde Juan Carlos Sancha, der Önologieprofessor der Universität La Rioja, aufmerksam. Gemeinsam mit seinem Kollegen Fernando Martínez de Toda begann er, alte und fast vergessene Rebsorten systematisch zu sichern. Über zwei Dutzend autochthone Sorten aus dem Rioja konnten so vor dem Verschwinden bewahrt werden.

Während Rioja-Rotweine stagnieren, schreiben weiße Gewächse das spannendste neue Kapitel der Region.

Darunter auch Maturana Blanca, eine Rebe mit markanter Säure und bemerkenswerter aromatischer Tiefe, die im weitesten Sinne an Riesling erinnert. Unter der Linie »Ad Libitum« brachte Sancha die ersten kommerziellen Weine daraus 2008 auf den Markt – dem Jahr, das alles veränderte. Damals ließ das Consejo Regulador neben Viura auch Tempranillo Blanco, Maturana Blanca und Turruntés de Rioja offiziell als Weißweinsorten zu und gab den Winzern neue Werkzeuge. »Diese Sorten sind äußerst spannend, weil sie mehr Säure haben und eine ganz andere Spannung mitbringen«, erläutert Vivanco. Er selbst nutzt dieses Potenzial nicht nur bei den Weißweinen von Vivanco, sondern auch bei Schaumweinen, die erst seit gut zehn Jahren offiziell in Rioja hergestellt werden dürfen.

Vivanco war eine der treibenden Kräfte bei der Einführung des Espumoso de Rioja und stellt heute mit der Cuvée Inédita einen der eigenständigsten Schaumweine der Region her. Sie besteht aus 45 Prozent Maturana Blanca, 30 Prozent Tempranillo Blanco, ­15 Prozent Viura und 10 Prozent Chardonnay. Der Wein reift 30 Monate auf der Hefe. »Diese Kombination ist nirgendwo sonst auf der Welt möglich«, sagt Vivanco. »Deshalb heißt er Inédita« – zu Deutsch »unveröffentlicht«.

Gegen den Strom

Auch wenn es nicht so wirken mag, haben einige Bodegas den weißen Rioja immer auf dem Schirm gehabt. Marqués de Murrieta etwa, die mit dem Castillo Ygay Blanco eine der großen Weißweinikonen der Welt schufen. Die Viura-Trauben für den Wein, der nur in ganz besonderen Jahrgängen abgefüllt wird, gedeihen im 1945 bepflanzten Pago Capellanía auf 485 Metern über Meer.

Der aktuelle Jahrgang, 1986, reifte mehr als zwanzig Jahre in amerikanischer Eiche und fast sechs weitere in Betonbehältern, bevor er 2014 abgefüllt wurde. Zahlen, die man in der heutigen, schnelllebigen Weinwelt zweimal lesen muss. Der Wein hat zahlreiche Top-Bewertungen abgeräumt, unter anderem 100 Falstaff-Punkte. Vicente Dalmau Cebrián-Sagarriga, Kopf des Hauses, sagt: »Wir haben Wein nie als Antwort auf Trends verstanden, sondern als Ausdruck von Identität, Zeit und kompromisslosen Maßstäben.«

In der Nase Noten von Fiorentinern, buttrig, Apfel, gebraten und frisch. Dazu Orangenzeste und Kumquat. Ein wenig Safran. Am Gaumen wunderschöner Schmelz, leicht oxidativ, Apfel,...

ZUM BEST OF RIOJA

Ähnliches gilt für López de Heredia. Während viele Betriebe den Weißwein vernachlässigten oder modernisierten, blieb man hier unbeirrt beim eigenen Stil: lange Fassreife, oxidative Noten, ein fast schon archaischer Zugang zum Ausbau. Weine wie der Viña Tondonia Blanco Gran Reserva kommen erst auf den Markt, wenn sie aus Sicht des Hauses trinkreif sind. Was lange als exzentrisch galt, ist heute längst Kult; das spiegelt sich auch in der Verfügbarkeit der Weine wider. Noch vor zehn Jahren waren diese Weine vergleichsweise günstig zu haben. Heute sind sie rar und gesucht, die Preise haben sich mehr als verdreifacht.

Auch der Olagar Gran Reserva Blanco von Remírez de Ganuza ist längst schwer zu bekommen. Kellermeister José Ramón Urtasun begann 2007 damit, die Viura-Trauben von der gleichnamigen Parzelle, auf 620 Metern Höhe an den Hängen der Sierra Cantabria, separat auszubauen – überzeugt davon, dass daraus etwas Besonderes entstehen wird. Er sollte recht behalten. Heute zählt der Wein, der 2013 zum ersten Mal offiziell zu haben war, zu den aufregendsten Weißweinen, die Rioja – ja ganz Spanien – zu bieten hat. Die knapp 3000 Flaschen, die pro Jahr produziert werden, reichen bei Weitem nicht aus, um die Nachfrage zu befriedigen.

»Viura ist keine besonders ausdrucksstarke Sorte, aber wenn alles stimmt – der Ort, das Alter der Reben, das Holz –, dann wird sie sehr präzise und elegant.« Im Falle des Olagar bedeutet das unter anderem Ausbau in 100 Prozent französischem Neuholz und acht Jahre Reife, bevor er auf den Markt kommt. Internationale Kritiker vergleichen ihn gerne mit großen weißen Burgundern. Urtasun nimmt das gelassen: »Ich verstehe, warum man das sagt. Aber Olagar ist Olagar. Viura ist Viura. Das ist Rioja.«

Noch liegt der Anteil von weißen Sorten an der Rioja-Rebfläche bei knapp zehn Prozent, doch das Bewusstsein ändert sich. »Viele denken gerade darüber nach, rote Sorten zu roden und weiße zu pflanzen«, sagt Urtasun. Wer weißen Rioja bisher nicht auf dem Radar hatte, sollte das schleunigst ändern, denn die besten Flaschen sind schnell vergriffen.


Erschienen in
Falstaff Magazin Schweiz Nr. 4/2026

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Dominik Vombach
Dominik Vombach
Chefredaktion Schweiz
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