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Der Verwaltungsrat der «Sinn & Gewinn Hotels», in der Mitte: Irène Meier

Der Verwaltungsrat der «Sinn & Gewinn Hotels», in der Mitte: Irène Meier
© Sinn & Gewinn Hotels

«Es ist mehr als ein Geschenk»: Diese Hotelgruppe macht junge Frauen zu Aktionärinnen

Hotel
Schweiz
erfolgreiche Frauen

Zum 25-jährigen Bestehen lancieren die «Sinn & Gewinn Hotels» die Initiative «25 Future Voices» und machen 25 junge Frauen zu Aktionärinnen. Im Gespräch mit Falstaff erklärt Verwaltungsratspräsidentin Irène Meier, wie die gemeinnützige Hotelgruppe seit ihrer Gründung Unternehmertum, Frauenförderung und sozialen Nutzen verbindet.

Vor 25 Jahren eröffnete im Zürcher Seefeld das Hotel «Lady’s First». Es war der operative Start einer Idee, die bereits deutlich früher entstanden war. «Wir wollten Arbeitsplätze für Frauen mit psychischer Beeinträchtigung schaffen – möglichst nahe am ersten Arbeitsmarkt», sagt Irène Meier, Verwaltungsratspräsidentin der «Sinn & Gewinn Hotels» und eine der Gründerinnen, die bis heute aktiv ist.

Damals habe es für diese Zielgruppe kaum Auswahl gegeben. «Es gab fast keine spannenden Optionen», sagt Meier. Also stellten sich die Gründerinnen die Frage: Was könnten sie aufbauen, das echte berufliche Perspektiven schafft und zugleich unternehmerisch funktioniert? Dass es schliesslich ein Hotel wurde, hatte zwei Gründe. Einerseits bietet die Hotellerie viele unterschiedliche Arbeitsprofile: Aufgaben im Hintergrund, aber auch Tätigkeiten mit Gästekontakt, etwa an der Rezeption. Andererseits brachten die Gründerinnen selbst internationale Hotelerfahrung mit. «Wir waren damals sehr jung und sehr engagiert», erinnert sich Meier. Aus ihrer Sicht habe Zürich ein Hotel verdient, das ausdrücklich frauenfreundlich ist.

Wir verfolgten von Anfang an eine doppelte Zielsetzung: wirtschaftlich erfolgreich sein und gleichzeitig Arbeits- und Ausbildungsplätze für Frauen schaffen.

– Irène Meier, Verwaltungsratspräsidentin Sinn & Gewinn Hotels

Eine Aktiengesellschaft, die keine Gewinne ausschüttet

Ungewöhnlich war nicht nur die Idee, sondern auch die Rechtsform. Die «Sinn & Gewinn Hotels» wurden als gemeinnützige Aktiengesellschaft gegründet. «Das war damals schon speziell», sagt Meier. Selbst mit dem Handelsregister habe es Diskussionen gegeben, ob sich eine solche Form überhaupt eintragen lasse.

Für die Gründerinnen passte die gemeinnützige AG jedoch perfekt. Sie erlaubte es, unternehmerisch zu handeln und gleichzeitig den sozialen Zweck fest zu verankern. Entscheidend seien dabei zwei Punkte gewesen: der Zweckartikel, der die soziale Zielsetzung an erste Stelle setzt, und die Regelung zur Gewinnverwendung.

«Wir schütten keine Gewinne aus», sagt Meier. Was erwirtschaftet wird, bleibt in der Hotelgruppe. Es wird reinvestiert, in die Stärkung der Betriebe, in neue Projekte, in Arbeits- und Ausbildungsplätze. Für Meier ist genau das ein wichtiger Hebel: «Je erfolgreicher wir sind, desto mehr Möglichkeiten haben wir, unser Unternehmen weiterzuentwickeln.»

Heute gehören vier Betriebe zur Gruppe, ein fünftes Projekt ist in Planung. Für Meier zeigt diese Entwicklung, dass das Modell funktioniert. «Social Entrepreneurship funktioniert auch in der Hotellerie», sagt sie. Die «Sinn & Gewinn Hotels» seien gewachsen, hätten die Zahl der Arbeits- und Ausbildungsplätze erhöht und mit Lausanne auch den Sprung über den Röstigraben geschafft.

Dabei zeigt sich der soziale Auftrag je nach Betrieb unterschiedlich. In den Hotels steht vor allem die berufliche Integration im Zentrum, beim «Josephine’s Guesthouse» in Zürich und beim Standort in Lausanne kommt ein anderer sozialer Nutzen hinzu: sicherer Wohnraum für Frauen. Die Pension richtet sich auch an Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen dringend eine Bleibe suchen. Ein Kontingent wird für Zuweisungen durch Sozialämter freigehalten.

Eine Aktie als Einladung zum Mitreden

Zum 25-jährigen Bestehen lancieren die «Sinn & Gewinn Hotels» nun die Initiative «25 Future Voices». 25 junge Frauen erhalten je eine Aktie der gemeinnützigen Hotelgruppe und werden damit Aktionärinnen. Der Schritt ist bewusst gewählt. «Es ist mir ein grosses Anliegen, junge, motivierte Frauen zu unterstützen und sie für eine Karriere in der Hotellerie zu begeistern», sagt Meier. Die Branche habe als Arbeitgeberin nicht immer den besten Ruf. Dabei biete sie viele spannende Aufgaben, Entwicklungsmöglichkeiten und internationale Perspektiven.

Die Initiative ist als Nachwuchsförderung gedacht. Gleichzeitig soll sie nicht einseitig funktionieren. «Wir teilen Erfahrung, wir nehmen uns Zeit – aber es interessiert uns auch sehr, in den Austausch mit der jungen Generation zu kommen», sagt Meier. Genau deshalb sei die Aktie mehr als ein symbolisches Geschenk. Die Teilnehmerinnen werden Teil der AG, können an der Generalversammlung teilnehmen und ihre Rechte wahrnehmen. «Es ist nicht nur ein Geschenk», sagt Meier. «Wir wollen den Austausch auf Augenhöhe.»

Gesucht: Frauen mit Ideen für die Hotellerie von morgen

Die ersten Bewerbungen für «25 Future Voices» sind bereits eingetroffen. Gesucht werden junge Frauen, die sich für Themen interessieren, die auch für die «Sinn & Gewinn Hotels» zentral sind: Social Entrepreneurship, Nachhaltigkeit, soziale Innovation, neue Ausbildungsmodelle, Frauenunternehmen und die Weiterentwicklung der Hotellerie.

Ein klassischer Hotellerie-Lebenslauf ist dafür nicht nötig. Bewerben können sich Frauen mit oder ohne Branchenerfahrung. Entscheidend ist, dass sie sich mit Fragen beschäftigen wollen, die für die Zukunft der Gruppe relevant sind. Eine davon lautet: In welcher Form wird es Hotels in 25 Jahren überhaupt noch geben?

Nach der Bewerbungsphase sollen die Teilnehmerinnen nach Interessen gebündelt werden. Daraus können Gruppen entstehen, die sich mit unterschiedlichen Themen auseinandersetzen: Social Entrepreneurship, neuen Arbeitsmodellen, sozialer Innovation oder der Frage, wie sich die Hotellerie künftig positionieren muss.

Operativ mitarbeiten werden die Teilnehmerinnen nicht. «Es ist kein Praktikum», betont Meier. Stattdessen geht es um Einblick, Austausch und Beteiligung. Über zwei Jahre hinweg sind mehrere Treffen geplant, online oder vor Ort. Die jungen Frauen sollen die Hotelbetriebe kennenlernen, an Veranstaltungen teilnehmen und sich mit eigenen Ideen einbringen. Wie genau sich das Programm entwickelt, hängt auch von den Interessen der Teilnehmerinnen ab.

MEHR ZU 25 FUTURE VOICES

Die Hotels der Zukunft

Besonders interessiert Meier, wie junge Frauen auf die Zukunft der Hotellerie blicken. Beim Thema Nachhaltigkeit etwa sieht sie grosses Potenzial für neue Perspektiven. «Tourismus und Nachhaltigkeit stehen oft in einem Widerspruch zueinander», sagt Meier. Gerade deshalb sei es spannend, wie radikal junge Menschen auf dieses Thema schauen. Welche Reisen sind künftig noch vertretbar? Was erwarten Gäste von einem nachhaltigen Hotel? Und wo muss die Branche ehrlicher werden?

Auch das Buchungs- und Reiseverhalten verändert sich. Viele junge Menschen planen ihre Reisen heute anders, nutzen andere Plattformen und denken weniger in klassischen Hotelkategorien. «Vielleicht wissen manche gar nicht mehr genau, was ein Hotel ist, weil es in ihrer Reiseplanung kaum noch auftaucht», sagt Meier. Für die Hotellerie ergeben sich daraus grundlegende Fragen: Wie bleibt ein Hotel sichtbar? Welche Angebote sind künftig relevant? Und welche Rolle spielt ein Hotel in einer Zeit, in der Reisen individueller, digitaler und zugleich kritischer betrachtet wird?

Für junge Frauen in der Hotellerie hat Meier eine klare Botschaft: dranbleiben. Die Branche biete auch ambitionierten Frauen Chancen, sich einzubringen, Verantwortung zu übernehmen und internationale Erfahrungen zu sammeln. «Wir sehen, wie sich Frauen entwickeln können», sagt Meier. Für sie kann Hotellerie mehr sein als Gastfreundschaft. Sie kann Arbeitsplätze schaffen, sichere Räume bieten, Karrieren ermöglichen und gesellschaftlichen Nutzen stiften. Sinn und Gewinn müssen kein Widerspruch sein.


Linda Carstensen
Linda Carstensen
Portalmanagerin Schweiz und Autorin
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