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Das Château d’Estoublon liegt im Herzen der Alpilles.

Das Château d’Estoublon liegt im Herzen der Alpilles.
© Morgan Palun

Ästhetik, so weit das Auge reicht: So entstand der Provence-Rosé-Boom

Roséwein
Provence
Frankreich

Der Erfolg des Provence-Rosés lässt sich nicht allein mit Geschmack und Qualität erklären. Mindestens genauso prägend sind Ästhetik, Inszenierung und die großen Emotionen, die er auslöst.

Wie entsteht eigentlich Geschmack? Nur durch das Zusammenspiel von Geruch, Qualität und Strukturparametern wie Säure oder Alkohol? Vielleicht. Wenn man Wein im Labor trinkt. Die Realität aber ist komplexer. Denn wer Wein nicht unter sterilen Bedingungen verkostet, wird beeinflusst: von Label und Aussehen, von Image und Herkunft – von Emotionen die ausgelöst werden, und jenen Bildern im Kopf, die eine Region hervorruft. Urlaubserinnerungen inklusive. Was passiert also, wenn all diese Mechanismen bespielt werden? Es entsteht eine unglaubliche Erfolgsgeschichte – und die heißt Provence-Rosé.

»Und viele Grüße an die Daheimgebliebenen«

Der Boom des Provence-Rosés speist sich unter anderem aus der Logik sozialer Medien und dem Wunsch nach individualisierter Selbstinszenierung. So haben Instagram und Co. beispielsweise den Postkarten aus dem Sommerurlaub den Garaus gemacht. Urlaubsgrüße bleiben nicht im privaten Kreis – sie landen im globalen Schaufenster, auf dem digitalen Jahrmarkt der Eitelkeiten. Das Bild dazu ist standardisiert: ein eisgekühltes Glas Rosé, beschlagen, die Tropfen laufen in ästhetischen Bahnen am Kelch herab. Die Chiffre: Rosé steht nicht mehr nur für Geschmack und Genuss, sondern für ein Lebensgefühl, für Sonne und azurblauen Himmel.

Aber es geht noch weiter. Das Motiv hat sich radikal verändert. Früher zeigten Postkarten Orte, Sehenswürdigkeiten oder gar ein Weltkulturerbe. Heute rauscht im Hintergrund noch immer das Meer, aber im Fokus neben dem Glas Wein: die eigenen, lackierten Fußnägel. Das Versprechen von pinkfarbener Leichtigkeit und Luxus mit einem selbst als Mittelpunkt des Universums. »Cheers und viele Grüße an die Daheimgebliebenen!« – Rosé ist eben nicht nur ein Wein. Er ist eine Projektionsfläche.

Beach Club & Big Bottles

Dazu passt auch der Hype um große Flaschen, die in den angesagten Beach Clubs von Saint-Tropez bis Ibiza den Champagner verdrängt haben. Mit Magnums bis Imperial – so nennt man die Sechsliterflaschen – wird das Leben, der Sommer und der eigene Erfolg gefeiert. »Big Bottles sind heute Teil der Inszenierung«, sagt Thomas Perrin vom Château Miraval. »Ob Saint-Tropez oder das Oktoberfest – die Flasche ist größer als du, du machst ein Bild, teilst es in Social Media, und bist damit Teil der Party.«

»Wir haben den Rosé-Trend schon vor rund 15 Jahren in den Beach Clubs gesehen«, erklärt Hubert Christin vom Luxuskonzern LVMH, unter dessen Dach auch viele namhafte Champagner versammelt sind. »Damals hat auch die Champagne ihr Rosé-Segment stark ausgebaut.« Es wird zwar weiterhin viel Champagner getrunken, doch auch Rosé hat sich als feste Größe etabliert.

Magnums und noch größere Flaschen haben etwas Magisches. Wenn sie durch den Raum getragen werden, schauen alle hin. Rational ist das kaum zu erklären.

– Hubert Christin LVMH

Für den Luxuskonzern LVMH ist Rosé daher eine logische Ergänzung: »Wir sind Experten für Champagne – und überall dort, wo Champagne funktioniert, funktioniert auch Rosé. Die Kategorien befruchten sich gegenseitig. Denn beide teilen ähnliche Konsummomente.« Und das ist eben Feiern und das Leben genießen. Darüber hinaus ist Rosé leicht verständlich. Der Geschmack erschließt sich intuitiv über Farbe und Design – ganz ohne jegliche Weinexpertise. Wer knalliges Pink und durchgeknallte Flamingos auf dem Etikett sieht, weiß sofort: quietschig-fruchtiges Geschmacksprofil.

Auch Provence-Rosé ist absolut klar im Stil: zarte Farbe, elegant designte Labels, präzise in der Aromatik, moderat im Alkohol, frisch und vor allem stets trocken. Per Gesetz darf ein Provence-Rosé nicht mehr als 4 g/l Restzucker haben. »Wenn ich Provence-Rosé im Restaurant bestelle, weiß der Sommelier Bescheid. Bei Rot- oder Weißwein habe ich viel mehr Auswahl, muss ich viel mehr Fragen beantworten«, erklärt Thomas Perrin dazu. Genau diese Einfachheit spricht an – ob Menschen mit wenig Vorwissen oder jene, die einfach keine Lust auf ausufernde Fachsimpelei haben. Einschenken, trinken, passt.

Ästhetik, so weit das Auge reicht

Kaum eine Region ist zudem so tief im kollektiven Bildgedächtnis verankert wie die Provence. Man hört den Namen und denkt sofort: Lavendelfelder, warmes Licht, blaues Meer. Auch damit punktet die Region. »Die Provence ist eine äußerst attraktive Region«, schwärmt Victor Joyeux, Kellermeister bei Château Estoublon. Viele Güter sind deshalb konsequent auf Besucher ausgerichtet. »Wir kreieren Erinnerungen und Emotionen – diese Verbindung mit dem Wein bleibt für immer«, so Joyeux.

Für Hubert Christin liegt genau darin der Erfolg begründet: »Wer die Region und unsere Weingüter einmal besucht, bleibt ein Fan fürs Leben.«, sagt er. Das gilt auch für die vielen Celebrities hier. Die Schönen und Reichen zieht es längst nicht mehr nur für ein paar Urlaubstage in die mondänen Beach Clubs. Manche kommen, um zu bleiben – und Wein zu machen. So wie Brad Pitt oder Star-Wars-Erfinder George Lucas.

Die Faszination reicht aber weit über prominente Namen hinaus. Klaus Heller etwa ist kein Celebrity, sondern Eigentümer eines weltmarktführenden Maschinenbau-Betriebs aus Deutschland – und doch hatte er die gleiche Sehnsucht: ein eigenes Weingut in der Provence. Gemeinsam mit seiner Frau Tanja begann er während der Pandemie zu suchen und verliebte sich in das Château Gasqui.

Das Landhaus, das die beiden liebevoll renoviert haben und in dem man heute Appartements mieten kann, liegt in einem kleinen Tal unweit des Meeres. Dazu gehören auch Stallungen für Pferde, die Urlauber mitbringen können. Ergänzt wird das Anwesen durch Weinberge, die biodynamisch bewirtschaftet werden. »Es ist ein besonderes Terroir hier«, schwärmt Klaus Heller. Kalk und Schiefer treffen aufeinander – und bringen Struktur und Tiefe in den Rosé. Nicht nur hier entsteht Rosé von herausragender Qualität sowie Tiefgang, der reifen kann und seine Herkunft erzählt.

Fruchtschmelz ohne Süße

Denn natürlich hat der große Erfolg auch mit der Weinqualität zu tun. Die Provence bringt nun mal ideale Bedingungen für Rosé mit. Vor allem für die Schlüsselrebsorte Grenache. Sie sorgt dafür, dass die per Weingesetz trockenen Weine nicht spröde wirken, sondern jenen Frucht­schmelz mitbringen, der Fülle vermittelt, ohne Süße zu brauchen.

Rotwein spielt kaum noch eine Rolle, wir haben Weinbau und Kellertechnik ganz auf Rosé ausgelegt.

– Victor Joyeux Château Estoublon

»Wer vom Terroir der Provence spricht, muss immer vom Grenache aus denken«, erklärt Klaus Heller von Château Gasqui. »Wir haben hier 300 Sonnentage, kühle Meeresbrisen und den Wind Mistral, der die Trauben gesund hält und die Frucht bewahrt.« Im Blend übernimmt Grenache die Hauptrolle, Syrah bringt Struktur, Cinsault Leichtigkeit, oft ergänzt durch die weiße Rebsorte Rolle, die zusammen mit den Rotweinen verarbeitet wird und für Saftigkeit sorgt.
Dazu kommt die ausgefeilte Kellertechnik und Spezialisierung, Edelstahltanks, präzise Temperaturführung, nächtliche Lese und schonende Pressung.

Früher war Rosé ein Nebenprodukt der Rotweinerzeugung – der Fokus lag auf perfekt ausgereiften Trauben für kraftvolle, vollmundige Rotweine. Heute hingegen wird der gesamte Prozess, vom Weinberg bis in den Keller, gezielt auf die Anforderungen eines hochwertigen Rosés ausgerichtet. Rotwein spielt dabei oft keine Rolle mehr.

Die Provence und ihre Nachahmer

Der heutige Erfolg des Rosés war lange nicht absehbar. Wer früher auf den Weinkarten der Welt danach Ausschau hielt, fand oft nur zwei versprengte Positionen: etwas Überlagertes aus Frankreich und in Deutschland einen lausigen »Irgendwas Weißherbst«. Rosé – das war im wahrsten Sinne ein Abfallprodukt der Rotweinerzeugung. Netter formuliert ein »Saignée«, was sich zweifellos auf Französisch schicker anhört als »Saftabzug«. So wird die Methode genannt, bei der nach dem Einmaischen von roten Trauben Saft abgezogen wird, damit der Rotwein besser wurde.

»Heute ist jede dritte Flasche die in Frankreich getrunken wird, Rosé«, erklärt Hubert Christin. Weltweit sind gut zehn Prozent der Stillweine pink, und Provence-Rosé der Referenzpunkt. »Wir haben es geschafft, eine starke Marke aufzubauen, was man auch daran erkennt, dass unser Rosé-Stil überall nachgeahmt wird«, erklärt Thomas Perrin. Das könnte einen ärgern – doch man hält es hier mit Oscar Wilde: »Imitation is the sincerest form of flattery.«


Romana Echensperger
Romana Echensperger
Wein-Chefredakteurin Deutschland
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