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Im Boston Public Garden erinnert ein Reiterstandbild von George Washington an die Gründungszeit der Vereinigten Staaten.

Im Boston Public Garden erinnert ein Reiterstandbild von George Washington an die Gründungszeit der Vereinigten Staaten.
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Boston entdecken: Wo Tradition auf Innovation trifft

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Boston ist Amerikas geistreichste Metropole: ein Denkraum mit kolonialem Pflaster, akademischem Glanz und kulinarischer Kreativität. Zwischen Freedom Trail und Innovation Trail, Hopper-Licht und Hummer-Pizza zeigt die Stadt, wie Geschichte lebendig bleibt – und Zukunft entsteht.

»Folgt mir – aber seid wachsam! Die Rotröcke könnten hinter jeder Ecke lauern!«, ruft der Mann in Kniebundhose und Dreispitz. Mit wehendem Mantel schreitet er voraus, als sei es 1775, und führt seine Gruppe bei einer Boston-Tour über das historische Kopfsteinpflaster. Wer Boston besucht, reist nicht nur durch die Geschichte – er geht buchstäblich mitten hindurch, denn rote Ziegelsteine am Boden zeichnen den Freedom Trail, der wie ein roter Faden durch die Stadt führt.

Der rund vier Kilometer lange Weg verbindet 16 historische Stätten, vom Boston Common bis zur »USS Constitution«. Er führt vorbei an den Orten, an denen alles begann: an Paul Reveres Haus und dem Old State House, dem Ort des Massakers. Und zwischendurch: Cafés mit Chai Lattes und glutenfreien Scones. So lebendig kann Geschichtsunterricht sein!

Boston war schon Hauptstadt der Rebellion, lange bevor der Begriff in den sozialen Medien inflationär gebraucht wurde. Hier begann mit der Tea Party nicht nur ein Aufstand gegen britische Steuern, sondern auch ein Mythos: der vom unbeugsamen Amerika. Hier, wo die Kolonisten einst gegen die britische Krone aufbegehrten, wird Amerikas Geschichte nicht erzählt – sie wird gespielt; verkleidet, mitreißend inszeniert, nicht in einem Museum, sondern live, auf der Straße.

Und die Stadt wärmt sich auf für das große Jubiläum: 250 Jahre amerikanische Unabhängigkeit. Das feiert Boston offiziell erst 2026, doch die Geschichte beginnt früher: Bereits 1775 sprang Paul Revere aufs Pferd, um die Aufständischen zu warnen; sein Mitternachtsritt wurde zum Auftakt der Revolution. Heute galoppieren seine Nachfolger über den Freedom Trail, mit Gruppen Neugieriger im Schlepptau.

Hirn, Herz – und Harvard

Boston ist mehr als eine Stadt – es ist ein Denkraum: Harvard, MIT, Tufts – allesamt renommierte Universitäten, die für ihre akademische Exzellenz weltweit bekannt sind. Man kann in Cambridge, gleich gegenüber von Bostons Zentrum auf der anderen Seite des Charles River, Stunden verbringen, ohne einen Fuß in ein Museum zu setzen. Allein ein Blick in die jungen Gesichter – Bücher unter dem Arm, Caffè Latte in der Hand – lässt hoffen, dass es mit unserer Welt doch noch etwas werden könnte.

Boston ist anders – und das spürt man sofort

An einem klaren Morgen wirkt der Boston Common, der älteste öffentliche Park Amerikas, wie ein Gemälde von Edward Hopper – mit seinen klaren Linien, stillen Szenen und der eigentümlichen Melancholie des Moments: Schatten unter Ahornbäumen, einsame Spaziergänger … Edward Hopper, der in seiner Jugend an der New York School of Art studierte, stellte mehrfach in Boston aus und ließ sich von der Lichtstimmung Neuenglands inspirieren. Boston ist eine liberale, gebildete, diverse Metro­pole; eleganter, »europäischer« als andere US-Städte. Eine Ausnahme im aktuellen politischen Klima – ein Zufluchtsort für Geist und Vielfalt.

Neben dem Freedom Trail erzählt der Innovation Trail per Audio-Tour von Bostons Rolle als Stadt der Ideen: von bahnbrechenden medizinischen Entdeckungen bis hin zu technischen Meilensteinen. Hier nahm vieles aus der Technikgeschichte seinen Anfang: In Boston wurde nicht nur das Telefon erfunden und die ersten Computer entwickelt, die Stadt gilt bis heute als ein weltweit führendes Zentrum für Forschung und Innovation. Besonders im Bereich der künstlichen Intelligenz setzen das MIT und viele Start-ups neue Maßstäbe.

Museen der anderen Art

Kunst und Kultur? Selbstverständlich. Das Museum of Fine Arts zählt zu den besten Amerikas. Absolut empfehlenswert ist auch das Isabella Stewart Gardner Museum im Stadtteil Fenway-Kenmore, ein Museum im Stil eines venezianischen Palazzos.

Wer das Museum betritt, steht plötzlich in einer anderen Welt. Im Zentrum: ein Arkadenhof wie in Florenz, wo – je nach Jahreszeit – unter einem riesigen Glasdach Orchideen, Kapuzinerkresse oder japanische Chrysanthemen blühen. Das Tageslicht lässt den Hof wie eine grüne Kathedrale erscheinen. Antike Statuen lehnen sich an Mauerwerk, aus einer Mosaikrose sprudelt leise ein Brunnen.

Isabella Stewart Gardner ließ diesen Garten als Bühne der Sinne inszenieren – für Kunst, für Licht, für Leben. Rundherum, auf drei Stockwerken, hat sie ein Museum geschaffen, das so gar nicht der klassischen White-Cube-Galerieästhetik entspricht: Der Bau war nicht nur Galerie, sondern auch Wohnung – und Bühne für eine Frau, die Kunst nicht nur sammelte, sondern lebte.

Gardner war eine faszinierende Mäzenin, die sich im späten 19. Jahrhundert auf ausgedehnten Reisen eine der persönlichsten Sammlungen Amerikas erwarb. Mit Hilfe des jungen Bernard Berenson, später einer der wichtigsten Kunstkenner seiner Zeit, erstand sie Werke von Botticelli, Tizian und Rembrandt, Raffael – aber auch seltene Möbel, Skulpturen und Manuskripte.

Kulinarik: Charakter statt Mainstream

Wer nach dem Museumsbesuch noch tiefer in Bostons eigenwillige Seiten eintauchen will, sollte zum Dinner ins »Scampo« im »Liberty Hotel« gehen – einem ehemaligen Gefängnis zwischen Beacon Hill und dem West End, das zu einem Luxushotel mit Restaurant und Bar umgebaut wurde. Wo früher Zellen vergittert waren, funkelt heute Kupfergeschirr, und zwischen Granitmauern und schweren Türen wird Lydia Shires charakterstarke, italienisch inspirierte Küche serviert – sinnlich, kräftig, kompromisslos eigen.

Berühmt ist das »Scampo« für seine Lobster-Pizza – dünn, knusprig, cremig, duftend. «Das hat genau den richtigen Nerv getroffen», sagt die 76-jährige Shire. «Die Leute suchen nach etwas Ungewöhnlichem, und Hummer auf einer Pizza ist eben ein bisschen ungewöhnlich. So wie wir sie machen, hat sie diese Fülle durch die Hummercreme und den Hummer selbst; und Käse natürlich. Wir geben noch einen Mix aus Schalotten, Knoblauch und Olivenöl drauf – die Leute denken an so etwas nicht, aber wir tun es.»

Für Shire ist Boston einer der besten Orte, um Meeres­früchte zu genießen: rote Krabben aus Kanada, Lobster aus Maine, Jakobsmuscheln aus Nantucket. Sie war eine der ersten Frauen an der Spitze amerikanischer Hotelküchen und prägte die Szene mit einem unverwechselbaren Stil.

Das ehemalige Gefängnis zwischen Beacon Hill und dem West End wurde mittlerweile zum Luxushotel »Liberty Hotel«.
© Steve Rosenbach / Shutterstock.com
Das ehemalige Gefängnis zwischen Beacon Hill und dem West End wurde mittlerweile zum Luxushotel »Liberty Hotel«.

Die neue Generation

Eine, die diesen Weg konsequent weitergeht, ist Tracy Chang. Die 38-Jährige betreibt das Restaurant »Pagu« in Cambridge, lehrt im renommierten Harvard Science Cooking Program und entwickelt gemeinsam mit einem Harvard-Absolventen neue Kombucha-Getränke – ausgewogen und weniger säurebetont.

Die Speisekarte ist so vielfältig wie die Stadt: japanisch, spanisch, taiwanesisch. Von Japanese Hamachi Crudo über Purple Yam Lamb Baos bis zu veganfreundlichem Schokokuchen und Matcha-Keksen mit flüssigem Kern – einfach zum Dahinschmelzen. »Unsere Gäste wünschen sich leichte, nicht zu süße Gerichte«, sagt Chang. »Über 40 Prozent wollen vegan oder glutenfrei essen. Wir kochen gesund, kreativ und multikulturell – genau wie die Nachbarschaft hier in Cambridge. Daher kommen viele immer wieder.« Changs kulinarischer Weg begann früh: im japanischen Restaurant ihrer Oma. Später lernte sie in Paris und arbeitete im Drei-Sterne-Restaurant von Martín Berasategui in San Sebastián.

Boston hat Viertel, in denen man leben möchte – oder zumindest einmal übernachten. In Beacon Hill brennen mehr als 1.000 Gaslaternen rund um die Uhr. Sie tauchen das Viertel mit seinen viktorianischen Stadthäusern in ein warmes Licht; auch tagsüber – als wollten sie der Sonne beim Leuchten helfen. Ein Boston wie aus dem 19. Jahrhundert – der Stil irgendwo zwischen Jane Austen und Ralph Lauren. Hier trägt man Kaschmir, ohne es zu erwähnen.

Ein paar Blocks weiter, in Back Bay, flaniert es sich schön über die Newbury Street: eine Mischung aus Mailänder Chic und amerikanischer Lässigkeit. Zwischen Concept-Stores, Galerien und veganen Deli-Bars liegt das Boston, das sich permanent neu erfindet, ohne sein Gesicht zu verlieren. Und dann ist da der Hafen: Boston liegt am Wasser wie Paris an der Seine – nicht zufällig, sondern selbstverständlich. Boote gleiten durch die Bucht, Möwen kommentieren von oben, was unten serviert wird. Eine Hafenrundfahrt rundet das Erlebnis ab.

Wer Boston verlässt, nimmt mehr mit als ein paar schöne Fotos: den Duft des Hafens, das Wissen um Rebellion – und vielleicht die leise Hoffnung, dass auch in der Gegenwart große Ideen geboren werden können.


Angelika Ahrens
Angelika Ahrens
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