Camille Giai von Château Roquefort im Falstaff-Talk: »Weißer Bordeaux erlebt eine Renaissance«
Falstaff sprach mit Camille Giai von Château Roquefort, einem der führenden Betriebe im Entre-Deux-Mers, das bei der Bordeaux Blanc Trophy zu den Erstplatzierten zählte, über die Stärken der Region, aktuelle Herausforderungen – und warum Weißwein die große Chance für Bordeaux ist.
Falstaff: In Ihren Augen – was sind die größten Stärken der Weinregion Bordeaux, speziell im Entre-Deux-Mers?
Château Roquefort: Bordeaux lebt von seiner enormen Vielfalt. Wir können hier Weine für jede Lebenssituation anbieten: einen Grand Cru für besondere Anlässe, einen trockenen Weißen zu Meeresfrüchten, fruchtige Rote fürs Barbecue oder einen Crémant zum Aperitif. Nirgendwo sonst in Frankreich ist die Bandbreite so groß.
Im Entre-Deux-Mers kommen zwei Faktoren hinzu: Zum einen die kalkhaltigen Böden, die qualitativ auf einer Ebene mit Saint-Émilion oder Pomerol stehen, aber lange unterschätzt wurden. Zum anderen der dynamische Zusammenschluss von jungen Winzerinnen und Winzern, die neue Energie und Qualitätsansprüche mitbringen. Namen wie Sylvie und Marie Courcelles (Château Thieuley), Pauline Lapierre (Château Haut Rian) oder Estelle Roumage (Château Lestrille) stehen für diese Aufbruchsstimmung.
Gleichzeitig steckt Bordeaux in einer Absatzkrise. Was sind die Ursachen?
Ein Kernproblem liegt im historischen Handelssystem: Der Zwischenhandel hat lange wie ein Filter zwischen Winzern und Konsumenten gewirkt. Viele Produzenten hatten keinen direkten Draht zu ihren Kunden, Innovationen blieben aus, die Qualität durchschnittlicher Weine sank. So wendeten sich Verbraucher anderen Regionen zu. Das Handelssystem ist nach wie vor ein wertvolles Instrument, aber es muss die Identität der Winzer respektieren, anstatt Weinstile zu standardisieren.
Hat man sich zu stark auf den chinesischen Markt und neue, wohlhabende Kunden verlassen – und dabei die traditionellen Märkte aus den Augen verloren?
Diese Gefahr gab es. Der Boom in China hat eine tieferliegende Krise überdeckt, die jetzt zum Vorschein kommt. Vor allem der Markt für einfache rote AOC-Weine schrumpft rapide. Aber die Ursachen sind komplex und nicht auf einen einzigen Faktor reduzierbar.
Bordeaux gilt als traditionsreich – aber auch als schwerfällig. Welche alten Gewohnheiten werden inzwischen abgelegt?
Vieles bewegt sich! Die Kampagne »Join The Bordeaux Crew« des CIVB findet großen Zuspruch, die Region erlebt einen Boom im Weintourismus, die Weinstile sind moderner denn je. Auch die Preise für hochwertige Weine sind gefallen – was Konsumenten zugutekommt. Gleichzeitig hat sich die Branche zu einem ambitionierten Nachhaltigkeitsprogramm verpflichtet. Bordeaux erfindet sich gerade neu.
Welche Herausforderungen sind noch zu bewältigen?
Wir müssen unsere Rebflächen an das veränderte Konsumverhalten anpassen – Rotwein verliert an Marktanteilen, Weiß- und Roséweine gewinnen. Klimatische Extreme belasten die Ernten, wir müssen Arbeitsplätze in der Branche attraktiver machen und gleichzeitig die CO₂-Bilanz verbessern. Kurz: Wir stehen vor großen Aufgaben, aber es gibt auch viele Fortschritte.
Château Roquefort hat mit seinen Weißweinen und einem klaren Hospitality-Konzept überzeugt. Ist das ein Modell für die ganze Region?
Unser Ziel ist es, authentische, qualitativ hochwertige Weine mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis anzubieten. Mit Unterstützung von Derenoncourt Consultants optimieren wir unsere Arbeit, wir entwickeln neue Cuvées, wie einen leichten Merlot-Claret, der gekühlt serviert wird. Zudem pflanzen wir neue Sorten, experimentieren mit Vermouths – und schaffen Weine, die unsere Identität ausdrücken, verantwortungsvoll produziert und vielseitig einsetzbar. Gestern habe ich mit Weintouristen genau darüber gesprochen: Heute ist in Bordeaux fast alles möglich. Von handwerklichen Betrieben bis zu den Grands Crus – die Energie ist spürbar. Jeder muss seinen Weg finden, sich auf die Kunden besinnen, stolz auf seine Produkte sein. Das ist die Zukunft.
Weißer Bordeaux hat in den letzten Jahren deutlich an Profil gewonnen. Sehen Sie hier eine Renaissance?
Absolut. Weißwein ist eine der größten Chancen für Bordeaux. Frische, Finesse und Terroirprägung treffen den Geschmack der Zeit. Dass wir mit unserer Cuvée bei der Bordeaux Blanc Trophy ganz vorne dabei waren, zeigt, dass der Markt und die Fachwelt dies anerkennen. Wir sind überzeugt: Weißer Bordeaux hat das Potenzial, eine neue Erfolgsgeschichte zu schreiben – und das Entre-Deux-Mers steht im Zentrum dieser Bewegung.
Event-Tipp
Frische Austern, Bordeaux Blanc und Afterwork-Feeling: Am 9. Oktober 2025 verwandelt Falstaff den Münchner Oberpollinger in eine Bühne für Atlantik-Vibes. Romana Echensperger, Master of Wine und Falstaff-Chefredakteurin, führt durch die Verkostung vor einem exklusiven Publikum. Anfragen zum Event: [email protected] (Eventmanagerin).