Der karibische Sündenfall: die Geschichte der Piña Colada
Irgendwo zwischen tropischen Urlaubsträumen, überfüllten Kreuzfahrtschiffen und spießiger Gartenparty fristet ein einstiger Star des Cocktail-Olymps sein zwielichtiges Dasein: die Piña Colada. Doch in dem verkannten Mix aus Kokossirup, Ananas, Sahne und Rum steckt mehr, als man denkt.
Sie ist der Inbegriff tropischer Sorglosigkeit und hat zugleich die Sexiness von Sonnenöl: die Piña Colada. Zweifelsfrei ist sie einer der bekanntesten Cocktails der Welt, doch über kaum einen Drink rümpfen viele Bartender und Gäste heute so die Nase wie über dieses Relikt aus den Cocktail-Dunkeljahren der quietschigen 80er. Viel zu süß, sahneschwer und dank mäßig guter Rum auch nicht sonderlich bekömmlich, haben sich die Genießer längst von ihm abgewandt. Lediglich der alte Song »Escape« von Rupert Holmes, in dem er »If you like Piña Coladas…«-singend eine Affäre sucht, mag dem ein oder anderen noch ein nostalgisches Zucken entlocken.
Die gute alte Zeit
Zugegeben: Ihren großen Auftritt hatte die Piña Colada in den 1970er-Jahren, nachdem sie 1954 vom Barkeeper Ramón Marrero im »Caribe Hilton« in San Juan, Puerto Rico, erfunden wurde. In kürzester Zeit wurde der Drink ein Welterfolg, gewann 1978 den Status »Nationalgetränk von Puerto Rico« und wurde in Beach-Bars, Hotel-Lobbys und Diskotheken weltweit serviert. Es galt die Formel: je klebriger, desto besser. Doch genau das sollte ihr zum Verhängnis werden, denn schon in den 1990ern wurde die Piña Colada zum Inbegriff des überzuckerten, künstlichen Cocktails. Uninspirierte Bartender griffen zu Fertigmischungen, Dosenfrüchten und suchten diese Unzulänglichkeiten unter Bergen von Sprühsahne zu verstecken. In der seit den 2000er Jahren wachsenden Craft-Cocktail-Szene wurde sie dann endgültig als »unseriös« abgestempelt – ein kitschiger Drink ohne Eleganz, bereit auf immer in der Versenkung zu verschwinden. Doch die Renaissance der Cocktailwelt war zugleich ein Aufbegehren gegen das Vergessen. Und betrachtet man die Piña Colada genauer, so wird klar, warum sie trotz allem zu den erhaltenswerten Kulturgütern der Barwelt zählt. Genau das haben viele Bartender im Zuge der Craft-Cocktail-Bewegung glücklicherweise erkannt.
Modern Piña Colada
- 6 cl kräftiger weißer Rum
- 3 – 4 cl Kokosmark (je nach Süße und Geschmack)
- 1 Scheibe frische Ananas
- 1 Spritzer Limettensaft
Ananas-Scheibe in Stücke schneiden, dann alle Zutaten mit einer großen Schaufel Crushed Ice in den Elektromixer geben und blenden, bis eine homogene Textur erreicht ist. Die Mischung in ein vorgekühltes Longdrinkglas geben und mit einem Ananasstück garnieren.
Die Wurzeln gehen tief
Zwar wurde das Rezept, das um die Welt gehen sollte, erst Mitte der 1950er-Jahre erdacht, doch die Idee, die Komponenten Ananas, Rum und Kokoswasser miteinander zu vereinen, ist wesentlich älter und dürfte bis in die Frühphase der Kolonisierung der Karibik zurückreichen. Die Ananas wurde beim Eintreffen der Europäer bereits von den Ureinwohnern kultiviert und auch die Neuankömmlinge dürften schnell Gefallen an der süßen Frucht gefunden haben. Überdies dauerte es nicht lange, bis auf den karibischen Inseln die Urform des Rums gebrannt wurde – ein fuseliger Stoff, den man nur allzu gerne mit zerdrückten Früchten oder Säften genießbarer machte. Zudem galt frisches Kokoswasser als zuverlässiger und vor allem keimfreier Trinkwasserersatz. Legenden zufolge soll das Gemisch auch in der Seefahrt eine Rolle gespielt haben und als Mittel gegen Skorbut verabreicht worden sein. So soll etwa der puerto-ricanische Pirat Roberto Cofresí seiner Mannschaft eine Urform des Drinks serviert haben, bevor er 1825 hingerichtet wurde.
Die Wiederbelebung eines Zuckerkranken
Wer eine solche Historie vorzuweisen hat, den vergisst die moderne Barwelt nicht. Das gilt auch für die Piña Colada – wenngleich man zunächst das Problem mit dem schlechten Leumund lösen musste. Die Rettung kam – wie zu erwarten war – aus der Vergangenheit, also der Urform des Drinks. Rum, reife Ananas und Kokoswasser bilden heute die Säulen einer modernen Piña Colada, manchmal ein wenig unterstützt durch einen Spritzer Limettensaft oder etwas Zuckersirup. Doch damit nicht genug, denn findige Bartender entwickeln den Drink immer wieder weiter: mit hochwertigem Rum, frischen Früchten, hausgemachter Kokoscreme oder Zutaten wie Ananasinfusionen, gerösteter Kokosnuss oder sogar mit geklärten Varianten (»Clarified Colada«). Auch Mezcal- oder Rum-Agricole-Versionen bringen neue Tiefe ins Glas. Besonders kreativ ist zudem die Kombination mit Champagner, die von Chris Moore gegen Ende der 2010er-Jahre in der Londoner Bar »Coupette« erdacht wurde und die es beispielsweise auch auf die Karte des »All Bar One«, einer der größten Cocktailbar-Ketten der Welt, geschafft hat. Das nennt man dann wohl gemeinhin einen Ritterschlag.
Rezept-Tipp: Champagne Piña Colada
- 2 cl kräftiger weißer Rum (z.B. Rhum Agricole)
- 3,5 cl Ananassaft
- 3 cl Ananas Cordial (alternativ Ananaslikör)
- 1,5 Kugeln Kokos-Sorbet
- 3,5 cl Champagner Brut
Zubereitung
Alle Zutaten – ausgenommen den Champagner – in einen Blender geben, mit Crushed Ice füllen und mixen. Den Champagner in ein Longdrinkglas geben und mit der Mischung aus dem Blender aufgießen. Optional mit Kokosraspeln garnieren.