Ein Kochbuch ohne Rezepte? Was Köche vom Zen-Meister lernen können
Es enthält keine Rezepte und keine Kochtechniken – und gilt dennoch als eines der bedeutendsten Küchenbücher der Geschichte. Das »Tenzo Kyokun« des Zen-Meisters Dogen zeigt, warum selbst das Waschen von Reis oder das Aufhängen einer Schöpfkelle Teil einer größeren Küchenphilosophie sein kann.
Ein Kochbuch ohne Rezepte? Was zunächst widersprüchlich klingt, ist eines der ältesten und bemerkenswertesten Werke über die Arbeit in der Küche. Das »Tenzo Kyokun« entstand im 13. Jahrhundert und stammt vom japanischen Zen-Meister Dogen. Statt Zutatenlisten oder Zubereitungsanweisungen finden sich darin Gedanken über Haltung, Präzision und den respektvollen Umgang mit Lebensmitteln.
Der Titel bedeutet übersetzt etwa »Anleitung für den Koch« – gemeint ist damit der Tenzo, der Küchenverantwortliche eines buddhistischen Klosters. Seine Aufgabe war weit mehr, als Mahlzeiten für die Mönche zuzubereiten. Er war für die Versorgung der gesamten Gemeinschaft verantwortlich und nahm damit eine zentrale Rolle im Klosteralltag ein.
Für Dogen war die Arbeit in der Küche keine nebensächliche Tätigkeit. Kochen verlangte dieselbe Aufmerksamkeit wie die Meditation. Jede Bewegung sollte bewusst ausgeführt, jede Zutat mit Respekt behandelt werden.
Vom Reiswaschen bis zur Schöpfkelle
Gerade die scheinbar kleinen Dinge beschreibt Dogen mit erstaunlicher Genauigkeit. Er erklärt, wie Reis gereinigt werden soll, warum das dabei entstehende Wasser nicht achtlos weggegossen werden darf und weshalb auch Küchenutensilien ihren festen Platz haben.
Was heute nach strenger Küchenordnung klingt, folgt einer tieferen Idee: Nichts ist nebensächlich. Der Umgang mit einem Lebensmittel beginnt nicht erst beim fertigen Gericht, sondern bereits bei der Vorbereitung.
Ein Gedanke, der auch in der modernen Gastronomie wieder eine große Rolle spielt. Der Respekt vor Produkten, bewusster Umgang mit Ressourcen und die Wertschätzung handwerklicher Abläufe gehören heute zu den Grundsätzen vieler Spitzenköch:innen.
»Wenn ich es nicht jetzt tue – wann dann?«
Im Zen-Buddhismus liegt der Fokus auf Achtsamkeit und bewusster Wahrnehmung. Dogen überträgt diese Haltung auf die Küche: Nicht nur die Meditation selbst kann ein Weg zur Erkenntnis sein – auch alltägliche Aufgaben können dazu beitragen. Der Tenzo kocht nicht einfach ein Essen. Er trägt Verantwortung für die Menschen, die davon leben, und für die Zutaten, die ihm anvertraut werden.
Besonders bekannt ist eine Begegnung, die Dogen mit einem älteren Klosterkoch namens Lu schildert. Der 68-Jährige trocknete Pilze in der sengenden Sonne. Als Dogen ihn fragte, warum er sich diese schwere Arbeit selbst zumute, antwortete Lu: »Andere sind nicht ich.«
Gemeint war damit nicht Stolz, sondern Verantwortung: Die Aufgabe, die gerade vor einem liegt, kann niemand genauso ausführen wie man selbst. Als Dogen wissen wollte, warum er die Aufgabe wenigstens nicht zu einem späteren Zeitpunkt erledige, folgte eine Antwort, die bis heute als Kern der Zen-Philosophie gilt: »Wenn ich es nicht jetzt tue – wann dann?«