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Ein Hauch von Exotik an der Schlösserstraße im Médoc: Château Cos d’Estournel in Saint-Estèphe.

Ein Hauch von Exotik an der Schlösserstraße im Médoc: Château Cos d’Estournel in Saint-Estèphe.
© Shutterstock

Ein Weinreiseführer durch Bordeaux

Wein
Bordeaux
Frankreich

Bordeaux an der Atlantikküste ist der große französische Klassiker. Bei dieser Reise ans legendäre »linke Ufer« rund um die Stadt Bordeaux entdecken wir komplexe Rotweine von Weltruf, kernige Weißweine und edelsüße Legenden.

Mit über 100.000 Hektar Rebfläche zählt Bordeaux mit seiner Vielzahl an Appellationen zu den größten Weinherkünften der Welt. Dieses wahre Wein­universum im Zuge einer einzigen Reise zu erschließen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Diesmal erkunden wir also das sogenannte »linke Ufer« – und damit sind im Kern jene Appellationen gemeint, die sich links des Flusses Garonne und links der Gironde und der atlantischen Küste befinden.

Flussabwärts bis zur Mündung ins Meer sind das die Süßweingebiete von Sauternes und Barsac, die Appellation Pessac-Léognan im Süden, aber auch direkt in der Stadt Bordeaux und schließlich das Médoc, wo sich in Richtung Norden die bekannten Weinbaugebiete von Margaux, Saint-­Julien, Pauillac und Saint-Estèphe aneinanderreihen. Hier dominiert die Rotweinsorte Cabernet Sauvignon, während am »rechten Ufer«, den Appellationen rechts der Gironde und des Flusses Dordogne, Merlot und Cabernet Franc regieren. Es sind die bekannten Anbaugebiete von Saint-Émilion, Pomerol, Fronsac und den Côtes.

Urbaner Startpunkt

Ausgangspunkt ist die lebhafte Großstadt Bordeaux, die sich in den letzten Jahren mit großem Aufwand von einem »hässlichen Entlein« in eine wahre Schönheit verwandelt hat. Machte man in früheren Tagen eher einen Bogen um die alte Dame, ist die City heute modern, jung und dynamisch.

Tolle Gastronomie, Weinbars, Sternetempel an allen Ecken und Enden, entlang der wunderbar ausgebauten Quais lässt es sich am Flussufer flanieren. Rund um die Cité du Vin ist ein neues, modernes Viertel entstanden, zahlreiche neue Hotels laden zum Verweilen, und der Markt Les Halles de Bacalan gegenüber des Weinmuseums ist ein neues Highlight für jeden Besucher der Stadt. Mitten in dieser pulsierenden Metropole verstecken sich bereits in den Vororten einige weltbekannte Weingüter wie Château Haut-Brion und gegenüber gleich La Mission Haut-Brion. Nur einen Steinwurf weiter, ebenso mitten im dicht verbauten Gebiet, liegen die Reben von Carmes Haut-Brion. Und gleich neben der Stadtautobahn Rocade wachsen die Reben von Château Pape-Clément.

© Stefanie Hilgarth

Der rote Norden

Von Bordeaux-Stadt kommend folgen wir dem Fluss und der Gironde auf der linken Seite in Richtung Norden und fahren auf der berühmten Schlösserstraße in Richtung Margaux. Diese südlichste Appellation des Médoc beherbergt 56 Châteaux – darunter Weltstars der Weinkultur wie Châteaux Margaux, Premier Grand Cru Classé seit 1855 – sowie weitere 20 klassifizierte Gewächse, mit 21 gesamt die größte Zahl von Grands Crus Classés im Médoc bei einer Rebfläche von 1500 Hektar. Architektonisch reicht das Angebot von mittelalterlicher Befestigung bis zu klassizistischem Palast, berühmt sind die Parks und Gärten der Anwesen, die längst von der UNESCO als Welterbe anerkannt sind. Die Rotweine von Margaux sind berühmt für ihren Charme, seidige Tannine und tiefgründige Finesse.

Einige Kilometer nördlicher beginnt Saint-Julien, die kleinste Appellation mit 910 Hektar und mit elf Grands Crus – darunter aber gleich fünf Superseconds wie Durcu-Beaucaillou, Gruaud-Larose und die drei Léovilles (Las Cases, Poyferré und Barton). Die Rotweine hier sind straffer, würziger und komplexer wie in Margaux, ein Anteil von Merlot sorgt neben dem dominanten Cabernet Sauvignon für eine gewisse Geschmeidigkeit.

Nächster Halt ist der Gral für Freunde des Cabernet Sauvignon. Rund um die kleine Hafenstadt Pauillac liegen einige der berühmtesten Weingüter der Welt. Im Süden entlang der Schlösserstraße bilden Pichon-Baron und Pichon-Comtesse die Eingangspforte, blickt man Richtung Gironde nach rechts, erblickt man den Turm von Château Latour. Nördlich der Stadt liegen die weiteren zwei Premiers Grands Crus Mouton-Rothschild und Lafite-Rothschild. Insgesamt haben stolze achtzehn klassifizierte Gewächse ihren Sitz in der Cabernet-Hochburg. Die Weine hier sind kernig und mit festem Tannin ausgestattet, verfügen über großes Reifepotenzial und sind markiert von Cassis und Tabak.

Exotischer Pflichtversuch

Auf einer kleinen Anhöhe gegenüber von Lafite-Rothschild steht das optisch vielleicht exotischste Anwesen des Médoc, das dem Sitz eines indischen Maharadschas würdige Château Cos d’Estournel. Es ist eines der bedeutendsten Weingüter der Appellation Saint-Estèphe und muss als Pflichtbesuch eingeplant werden. Noch weiter nördlich erreicht man das eindrucksvolle Château Montose in Ufernähe der Gironde sowie den Klassiker Calon-Ségur. Die Weine zeigen eine gute Frische, dunkle Beerenfrucht, robustes, kerniges Tannin und eine salzige Mineralität. Im Süden der Stadt Bordeaux erstreckt sich das Gebiet von Pessac-Léognan. An der Spitze steht Château Haut-Brion, das als einziges 1855 und damals gleich als Premier Grand Cru Classé eingestuft wurde. In dieser Zone gibt es sechzehn Weine, die als Crus Classeés de Graves eingestuft sind, es wird allerdings zwischen Weiß- und Rotwein unterschieden.

Sechs Betriebe sind für beide Couleurs klassifiziert, sieben nur für ihren Rotwein und drei nur für Weißwein - einzigartig in der Welt. Neben den Haut-Brions sind die Domaine de Chevalier, Château Smith Haut Lafitte, Malartic-Lagravière und Haut-Bailly volle Aufmerksamkeit wert.

Zum süßen Finale geht es noch eine halbe Autostunde weiter südlich ins Sauternes. Hier sorgen herbstliche Nebel für das Auftreten der Edelfäule, und das ermöglicht die Produktion von stoffigen Süßweinen aus den Sorten Sauvignon Blanc und Sémillon. Hier wurden 1855 insgesamt 27 Güter klassifiziert, Château d’Yquem ist Solist als Premier Cru Supérieur, gibt es elf Prémiers Crus und 16 Deuxième Crus. Das »linke Ufer« hat also alles zu bieten: große Rote, mineralische trockene Weißweine und tolle Süßweine.


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Peter Moser
Peter Moser
Chefredakteur Wein
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