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Collio

Collio
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Friaul: Das geheime Schlaraffenland

Italien
Friaul

Ausgewählte Lieblingsetappen auf dem Weg an die Adria.

Die Route mit dem Auto nach Venedig oder Triest, aber auch zu den beliebten Urlaubszielen an der Adria, wird für Gäste aus Deutschland und Österreich regelmäßig zur Zerreißprobe. So schnell als möglich wollen die meisten an den ersten Ferientagen non-stop ans Meer gelangen, wobei der Weg dazwischen mit endlosen Staus als notwendiges Übel in Kauf genommen wird. Nur die wenigsten Reisenden ahnen, welche kulinarischen und kulturellen Attraktionen ihnen bei ihrem lemminghaften Verhalten durch die Lappen gehen. Von Friaul, einer der attraktivsten Feinschmeckerregionen Italiens, die sie nur als anonyme Tiefebene links und rechts der A 23 wahrnehmen, bleiben solchen Stressmenschen nur die Autobahnstationen in Erinnerung.

Dabei ist Friaul in Sachen Wein und Küche das ganze Jahr über ein veritables Paradies, das es für Kenner durchaus mit den bekannten Schlemmerhochburgen Südtirol, Piemont und Toskana aufnehmen kann. Seine Küche lebt von einem unvergleichlichen Reichtum an hochwertigen Zutaten, zum Beispiel großartigem Gemüse in jeder Saison, vom Spargel im Frühling bis zum Radicchio im Winter oder fantastischen Salumi mit dem zarten San Daniele Schinken als international begehrtes Aushängeschild. Jeden Umweg rechtfertigen auch die je nach Saison unterschiedlich gefüllten, halbsüßen Cjarsons (oder Cialsons), ein Mittelding aus Ravioli und Kasnudeln. Sie werden traditionell mit gebräunter Butter und geräuchertem Ricottakäse serviert. Risotti mit Spargel, Radicchio, Pilzen oder Meeresfrüchten gehören ebenfalls zur friulanischen Küchenkompetenz. Eine der Haupttugenden der Restaurants von Udine südwärts ist außerdem die gleichzeitige Verfügbarkeit fangfrischer Fische und Meeresfrüchte, die von Umschlagplätzen wie Marano Lagunare in einer knappen Stunde die wichtigsten Restaurants der Gegend erreichen.

Die meisten Adriaurlauber kommen über Villach und das Kanaltal ins Land und hätten schon vor dem Ende der Berge zwei Optionen auf lohnende Abstecher: von Tolmezzo aus wäre man in einer knappen Stunde in Sappada im besten Restaurant Karniens namens »Laite« (93 Falstaff-Punkte) mit einer intelligent verfeinerten Variante einer bodenständigen Bergküche. Etwa gleichlang braucht man, wenn man von Tarvis links abbiegt und über pittoreske Bergstraßen das slowenische Kobarid erreicht. Hier steht man vor der Wahl: will man das große Menü im besten Restaurant Sloweniens bei Ana Roš in der »Hiša Franko« (99 Falstaff, *** Michelin) erleben oder sich gemütlich bei ihrem Ex-Mann Valter Kramar in der genial einfachen »Hiša Polonka« (86 Falstaff) stärken. Auf dem Weg an die Adria investiert man hier im slowenischen Grenzland nur eine Stunde mehr Fahrzeit, bei »Laite« in Karnien zwei, denn von dort muss man wieder nach Tolmezzo zurück.

Tradition und Innovation im Collio

Eine eigene Abhandlung würden die friulanischen Weingegenden wie der Collio verdienen, zum Beispiel Cormons mit dem netten, eleganten »Il Giardinetto« oder dem Landgut »La Subida« der Familie Sirk und ihren kleinen Häuschen zum Übernachten. Das dazugehörige, wunderbar gemütliche Restaurant »Al Cacciatore« lieben wir seit Jahrzehnten, nur kämpft es vielleicht in letzter Zeit ein wenig mit der Küchenlinie zwischen Trattoria- und Sterneküche. Wenn man Küchenabenteuer sucht, kann man gleich zum »Argine a Vencò« nach Dolegna del Collio fahren, wo sich Antonia Klugmann mit ihrer extrem kreativen und mitunter auch fordernden Küche und spannenden, alternativen Winepairings eine eigene Fangemeinde aufgebaut hat. Nach all den kulinarischen Abenteuern kann man gleich im Haus in sehr geschmackvoll eingerichteten Zimmern übernachten.

In den südlichen Colli Orientali wirkt Buttrio mit seinem Industrie-Speckgürtel zunächst etwas abweisend. Aber als Nebeneffekt der wirtschaftlichen Dynamik hat der Ort mit den Designerhotels  »Le Fucine« und »Delparco« sowie dem Schlossweingut und Luxushotel »Castello di Buttrio« ein feineres Zimmerangebot als das in diesem Punkt schwächelnde Udine. Das trifft sich gut, denn im historischen  Ortskern auf einem Hügel floriert die »Trattoria Al Parco«, eine friulanische Insitution mit schattigem Gastgarten und ihrer verlässlichen, bodenständigen Küche wie Gegrilltem vom Fogolar und besonders guten Risotti.

Die besten Etappen in und um Udine

Mit knapp 100.000 Einwohnern ist Udine das alte Zentrum der historischen Landschaft Friaul und nach der Hauptstadt Triest die zweitgrößte Stadt der italienischen Region Friaul-Julisch-Venetien. Auf dem Weg von Österreich oder Deutschland an die Adria liegen in ihrem näheren Umkreis einige der besten Restaurants des Landes. In der Stadt selbst genießt man die Cafés an der großen Piazza Matteotti oder eines seiner guten Restaurants: »La Tavernetta «(klassisch-fein), »Vitello d’Oro« (modern-kreativ) und »Antica Maddalena« (urbane Osteria). Empfehlenswerte Hotels, allerdings ohne Luxuspotenzial, wären das »Ambassador Palace« oder das »Là di Moret« an der nördlichen Peripherie mit einem Spa und zwei beliebten Restaurants -  »Fogolar« (traditionell) und »1905« (Fine Dining). Aber letztlich findet man die noch besseren Lokale etwas außerhalb der Stadt.

»Agli Amici« – Die Topadresse der ganzen Region

Seit über 130 Jahren betreibt die Familie Scarello im Vorort Godia das Restaurant »Agli Amici« und verteidigt mit dem genialen Emanuele am Herd und Schwester Michaela als charmanter Gastgeberin seit vielen Jahren unangefochten seinen Status als bestes Restaurant der ganzen Region (97 Falstaff-Punkte, zwei Michelin-Sterne). Viele, die wie wir den Aufstieg dieses Kleinods von seinen Trattoria-Anfängen verfolgt haben, finden das »Amici« heute besser denn je. Schon der Aperitif, den man bei Schönwetter im Garten zelebrieren kann, wird mit mehr als einem halben Dutzend köstlicher Kleinigkeiten vom hausmachten Speck bis zu mit Kräutern marinierten Austern zum bezaubernden Benvenuto, zumal auch die glasweise Schaumweinauswahl mit Ferraris Riserva Lunelli oder einem nicht alltäglichen Winzerchampagner aus Le Mesnil-sur-Oger überzeugt. Die Menüvarianten und auch eine à la carte Version kosten zwischen 145 und 175 €, Weinbegleitungen von 85 bis 130 € und eine sehr individuelle alkoholfreie Begleitung ist für 55 € erhältlich. Die Küche verarbeitet hochwertigste Zutaten nach der Devise »mare e monti«, denn Emanuele hat aus seiner Vorliebe für das Meer nie ein Hehl gemacht und eben darum in Rovinj und Venedig zwei ebenso empfehlenswerte »Amici«-Außenstellen eröffnet. Aber er bleibt auch dem Bauernland Friaul treu und serviert zum Beispiel eine frisch gebackene Focaccia integrale mit der speziellen Kartoffel von Godia – ein einfach geniales Gericht, das man schon am nächsten Tag wieder essen möchte. Bei aller Klasse und Kreativität hat dieses einzigartige Lokal nie seinen Charme und seine Herzlichkeit verloren. Gleich nebenan gibt es übrigens einen netten Agriturismo mit gemütlichen Zimmern.

 

»Da Toso«: Unsere Lieblingstrattoria mit dem schönsten Fogolar

An unserer Lieblingstrattoria am Weg ans Meer kommen wir bei kaum einer Reise vorbei. Sie liegt im kleinen Ort Leonacco bei Tricesimo (Abfahrt A23 Udine Nord) und heißt nach dem Vorbesitzer »Da Toso«. Dieses äußerlich unscheinbare Lokal ist der Wirklichkeit gewordene Traum vom idealen Wirtshaus mit einer Stammklientel von Udine bis Villach und darüber hinaus. Denn kaum betritt man die gemütliche Gaststube, strömt einem der Duft vom offenen Holzkohlengrill - dem klassischen friulanischen »Fogolar« - entgegen, auf dem Inhaber Claudio höchstpersönlich Gustostücke bester Qualität brutzeln lässt und damit das Lebenswerk des legendären Meisters am Grill, Giancarlo Toso, erfolgreich weiterführt: Filetto und Costata (T-Bone) vom Rind, die weltbesten Lammkotelettes, eine einfache Salsiccia oder ein Kalbskotelett, auf Wunsch mit einem Stück von der Leber und zwei fettumrandeten Scheiben von der Niere. Dazu gibt’s knusprige, hausgemachte Kartoffelchips und Salat oder gekochtes Gemüse. Davor kann man neben dem obligaten San Daniele einige spezielle Schmankerln kosten: panierte Hühnerflügerl, Kürbisgnocchi oder Cjalsons mit geräuchertem Käse und für Insider phänomenale Kutteln oder eine gegrillte, weiche Salami mit Aceto beträufelt. Und wer es im Herbst nicht nach Piemont schafft, kann sich hier mit Claudios speziellen Tagliolini mit Trüffeln trösten. Als Unterkünfte empfehlen sich das Hotel Belvedere bei Tricesimo (2km) oder das La di Morèt am Nordrand von Udine (7 km).

»Al Grop« – Kennen wir lang, gefällt uns immer besser!

Tavagnacco gilt in Friaul als Epizentrum der Spargelproduktion. Ursprünglich war die Trattoria »Al Grop« gleich bei der Kirche auch hauptsächlich aus diesem Grund in allen Führern hervorgehoben. Inzwischen hat die Familie die seit dem 19. Jahrhundert aktive Trattoria zu einem sehr gemütlichen Restaurant mit einer interessanten, vielfältigen und geschmackvoll zubereiteten regionalen Küche weiterentwickelt. Auch hier gibt es einen »Fogolar« mitten im Restaurant, der am Wochenende angefeuert wird.

In der gleichen Straße  schräg gegenüber hat die Familie in der dazugehörigen Locanda einige geräumige Appartments zum Übernachten eingerichtet. Den Wecker muss hier keiner stellen, denn das Startsignal in den Tag gibt der Pfarrer mit der sonoren Glocke vom Campanile.

»Da Nando« – Dorfwirtshaus und Gourmettempel

Mortegliano, etwa 15 km südlich von Udine, ist ein unattraktives Straßendorf, wenn man von seiner einzigen Sehenswürdigkeit, einer neugotischen Kirche mit dem höchsten Campanile Friauls (112 m) absieht. Eigentlich verdankt der Ort seine steigende Bekanntheit vielmehr der Familientrattoria »Da Nando«. Sie wurde 1960 von Ferdinando »Nando« Uanetto und seiner Frau Isolina gegründet und stieg in der nächsten Generation durch die Zusammenarbeit des ganzen Clans zu einem echten Feinschmeckerlokal auf. Daneben hat die rührige Großfamilie auch eine Hochzeitslocation mit Hotel gebaut (verlangen Sie hofseitige Zimmer). Und doch bewahrt dieses kleine Imperium an der Durchzugsstraße einen gewissen Trattoria-Charme, was man daran erkennt, dass sich zum Aperitif auf der Terrasse das halbe Dorf trifft und manche dabei auch nahtlos ins Abendessen hinübergleiten. Drinnen stehen mehrere Säle und Stuben zur Verfügung, sodass der Gast zwischen klassischem Trattoria-Essen und gehobenem Fine Dining mit toller Weinkarte wählen kann. Eine perfekte Etappe auf dem Weg ans Meer, auch für gerne gut essende Familien mit Kindern.

Spilimbergo zwischen zwischen Fine Dining und Trattoria

An der Route nach Jesolo abseits der Autobahn und entlang des Tagliamento empfehlen sich die Schinkenmetropole San Daniele und die historische Kleinstadt Spilimbergo für kurze Besuche. Auf der Suche nach gehobener Trattoriaküche kehrt man am Stadtrand von Spilimbergo in der »Osteria da Afro« ein, wo der Chef am Herd an einem guten Tag mit interessanten bodenständigen Gerichten wie einer gefüllten Taube zu überraschen vermag (einfache Hotelzimmer und Parkplatz vorhanden). Bei höheren Ansprüchen fährt man 20 km weiter nach San Quirino nördlich von Pordenone zum gepflegten Anwesen »La Primula«in einem netten Innenhof mitten im Dorf. Seit über 150 Jahren bewirtet die Familie Canton anspruchsvolle Reisende und bietet in schöner Gartenlage auch sechs komfortable Zimmer. Man tafelt entweder einfach in einer ländlichen Osteria mit modernem Outfit oder ausführlich im eleganten Fine Dining Restaurant beim Gualtiero Marchesi-Schüler Andrea Canton, dessen permanent innovative Küche mit ausgesuchten Zutaten seit 42 Jahren mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet ist. Besonders hervorheben muss man auch die Weinkultur des Hauses mit über 1.700 Etiketten und zwei engagierten Sommeliers.

Geheimtipp ÖBB

Auf dem Weg nach Triest oder Venedig lassen wir in letzter Zeit das Auto manchmal gerne zu Hause und reisen als Klimaticket-Holder mit dem Zug. Und dabei machen wir regelmäßig Station in Udine, wobei wir auch schon Pordenone und Treviso als Etappenziele getestet haben. Man steigt zum Beispiel in Wien um 12:25 in den Railjet und kommt um 18:16 in Udine an. Mit der Eröffnung des Semmering-Basistunnels in ein paar Jahren geht das Ganze dann sogar noch 90 Minuten schneller. Je nach Restaurantadresse übernachten wir im sauberen Business-Hotel »Ambassador Palace« oder im schon erwähnten »Là di Moret«. Zugegeben: Fünfsterne-Komfort wird man in ganz Friaul kaum finden, und überhaupt können die Unterkünfte der Stadt und der Region mit Kärnten nicht mithalten. Aber man wird durch die Küche entschädigt und kann am Tag danach ganz gemütlich mit dem Regionalexpress zum Lunch in Venedig oder Triest eintreffen.

Willi Klinger
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