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© Paolo Reda/Reda & Co/ Alamy Stock Photo / Mauritius Images

Die besten Geschichten und Rezepte aus »Harry’s Bar«

Venedig
Venetien
Italien

Sie ist die Geburtsstätte des Bellini-Cocktails, ihr Gründer gilt als Erfinder des Carpaccios und der internationale Jetset gab sich lange Jahre die Klinke in die Hand. Berühmtheiten wie Charlie Chaplin, Orson Welles und Ernest Hemingway zählten zu den Gästen der »Harry’s Bar«. Auch heute gehört sie zu den gastronomischen Hotspots Venedigs. Was den Zauber dieser Ikone ausmacht? Viel Geschichte.

Nur eine Handvoll Bars auf der Welt können sich mit einer derart illustren Gästeschar schmücken, die Schriftsteller, Schauspieler und Kulturschaffende aller Couleur umfasst, und noch weniger davon sind selbst Teil der Literaturgeschichte geworden. Doch nicht erst seitdem Ernest Hemingway die »Harry‘s Bar« in Venedig in seinem Roman »Über den Fluss und in die Wälder« erwähnte, ist sie eine Ikone der internationalen Barkultur – so bedeutend übrigens, dass das italienische Kulturministerium die Bar im Jahr 2001 samt Original-Interieur aus den 1930ern als »nationales Wahrzeichen« adelte.

Dass es dieses Interieur überhaupt zu bewundern gibt, ist jedoch einem Amerikaner in Geldnot sowie der unerschütterlich gutgläubigen Art des Bar-Gründers Giuseppe Cipriani zu verdanken. Dieser hatte 1927 einem Gast – er war damals Barchef im »Bellevue Hotel« in San Remo – seine gesamten Einkünfte einer Saison geliehen, doch der smarte Mr. Utesky, wie der Gast hieß, machte sich mit dem Geld aus dem Staub. Derart geprellt sollte man meinen, Cipriani sei von derartigen Wohltaten geheilt, doch kurze Zeit später traf er in Venedig auf Harry Pickering, einen Sohn aus wohlhabendem Hause, dem die Familie den Geldhahn zugedreht hatte. Cipriani lieh ihm aus Mitleid 10.000 Lire – viel Geld für einen einfachen Barkeeper – und auch Pickering verschwand. Doch im Februar 1930 kehrte er zurück, zahlte seine Schulden und legte weitere 40.000 Lire mit den Worten obendrauf: »Wir können es benutzen, um zusammen eine Bar zu eröffnen. Und wir wollen sie ›Harry’s Bar‹ nennen.«

Klassischer Chic bestimmt die Atmosphäre der »Harry’s Bar«, die seit 2001 als nationales Wahrzeichen gilt.

Am 13. Mai 1931 verwirklichten sich die beiden dann ihren Traum, die »Harry’s Bar« war geboren und geriet schnell in den Fokus des lokalen und internationalen Jetsets. Einmal nach dem Geheimnis seiner Bar gefragt, antwortete ihr Gründer Giuseppe Cipriani: »Ihr wahres Geheimnis besteht darin, dass sie kein Geheimnis hat. Jeder, der hier eintritt, findet stets drei Dinge vor: Qualität, ein Lächeln und Einfachheit.« Harry Pickering jedoch war von Anfang an sein bester Kunde, saß an seinem Stammplatz und trank nach Herzenslust. Die täglichen Verpflichtungen seien jedoch nichts für ihn gewesen, erzählt Giuseppe Cipriani in seiner Autobiografie. Daher habe er seinen Anteil nach einiger Zeit an Cipriani abgegeben, wobei seine angesammelte Drink-Rechnung einen gehörigen Teil der Ablöse ausgemacht habe.

Die Geburt des Bellini

So wie die Entstehungsgeschichte der Bar eine recht unterhaltsame ist, ist auch jene rund um die des »Bellini«, jenes legendären Signature-Cocktails der »Harry’s Bar«, eine, der man gerne lauscht. Ende der 1940er hegte Giuseppe Cipriani eine gewisse Vorliebe für die Werke des venezianischen Quattrocento-Malers Giovanni Bellini, deren rosafarbenes Glühen ihn beeindruckte. Zugleich liebte Cipriani den magischen Duft weißer Pfirsiche, die es von Juni bis September in großen Mengen in ganz Italien gab. Bei seinem Versuch, dies in einem Drink einzufangen, entwickelte er den »Bellini«, der seither wesentlicher Bestandteil der Kultur der »Harry’s Bar« ist. Doch wie jede Liebesbeziehung hat auch diese ihre Höhen und Tiefen. So überredete Anfang der 1990er-Jahre ein Geschäftsmann Giuseppes Sohn Arrigo, der die Bar seines Vaters 1957 übernommen hatte und auch heute noch im Alter von 94 Jahren als streitbare Eminenz in der Bar anzutreffen ist, dazu, den Cocktail in Lizenz herzustellen. »Was wie eine gute Idee klang, entpuppte sich als einer meiner größten Fehler«, erinnert sich Arrigo heute. »Man produzierte ein Fertiggetränk, das Pfirsichpüree und Prosecco enthielt und mischte für die rosa Farbe Himbeersaft dazu. Es schmeckte einfach scheußlich und ich war wütend auf mich selbst, da ich den Cocktail meines Vaters entehrt hatte. Ich focht die Lizenz an und gewann 1995 vor einem Schiedsgericht. So wurde der Bellini vor dem möglichen Aussterben bewahrt – dank eines Richters mit gesundem Menschenverstand und sicherem Geschmack.«

Zwischen Reichen, Schönen und Tagestouristen

Bis heute zählt die »Harry’s Bar« zu den gastronomischen Hotspots der Stadt, auch wenn man berühmte Persönlichkeiten meist vergeblich sucht. Dafür teilt man sich die niedrigen Räume mit den rotbraunen Holztischen und gelben, mit Venedig-Motiven behängten Stoffwänden meist mit zahllosen Touristen aus aller Welt. Kommt man aber zur rechten Zeit (empfehlenswert wäre unter der Woche vor 18 Uhr), begegnet man gelegentlich noch immer der lokalen Hautevolee und nicht zuletzt dem Herrn des Hauses selbst, denn Arrigo Cipriani lässt es sich bis heute nicht nehmen, regelmäßig nach dem Rechten zu sehen. Wie eh und je wird in der Bar keine Musik gespielt, die Gespräche der Gäste formen die Atmosphäre, in die sich auch das Schlürfen der Bellinis mischt, die in kleinen, gedrungenen Gläsern serviert werden, die man sonst eher für Limonaden verwenden würde. Doch davon sollte man sich nicht beirren lassen, ebenso wenig wie von seinem stolzen Preis von 22 Euro. Manche Dinge sind eben »priceless«.

Das Cipriani-Imperium


Arrigo Cipriani übernahm die »Harry’s Bar« 1957 von seinem Vater Giuseppe, hat die Geschäfte mittlerweile aber weitestgehend an seinen Sohn Giuseppe II. übergeben. Heute gehören weltweit mehr als 20 Restaurants und Bars zum Imperium der Familie Cipriani. Hinzu kommen fünf Hotels, unter anderem in Mailand, New York, Miami und Punta del Este in Uruguay. Zum Portfolio der Ciprianis gehören auch Spezialitäten wie in Flaschen abgefüllte Bellinis, Eisgeschäfte, Cafés und Küchenutensilien. Die nächste Generation steht übrigens bereits in den Startlöchern: Arrigos Enkelsöhne Ignazio und Maggio sind die Gründer der »Mr. C Hotels« mit Häusern in Beverly Hills, Miami und Dubai.


Calle Vallaresso 1323
30124 Venedig Zentrum
Italien

Erschienen in
Falstaff Magazin Deutschland Nr. 3/2026

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Alexander Thürer
Alexander Thürer
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