Prosecco: Die Wurzeln des globalen Booms
Was heute als globaler Schaumweinboom erscheint, beginnt in einer der faszinierendsten Kulturlandschaften Italiens. Zwischen Conegliano, Valdobbiadene und Asolo zeigt Prosecco sein wahres Gesicht: präzise, vielschichtig und untrennbar mit seiner Herkunft verbunden.
Schaumweine liegen im Trend – und mit Prosecco ist Italien zum größten Schaumweinhersteller der Welt emporgestiegen. Prosecco ist global gesehen heute wohl der bekannteste Wein Italiens. Die Zahlen sind beeindruckend: Rund 800 Millionen Flaschen wurden 2025 gefüllt, 80 Prozent davon gingen in den Export.
Der Ursprung des Prosecco liegt in den Hügeln zwischen Conegliano und Valdobbiadene. Hier, in einem engen Band aus fünfzehn Gemeinden, nahm alles seinen Anfang. Eine Landschaft, die heute zum UNESCO-Welterbe zählt und deren dramatische Topografie noch immer begeistert. Wer sich diesem Gebiet aus der weiten Ebene nähert, merkt rasch, dass hier andere Maßstäbe gelten: Steile Rücken, enge Kämme, abrupt abfallende Flanken, dazwischen kleine idyllische Dörfer, Kirchen, verstreute Gehöfte. Es ist eine Landschaft, die nicht einfach nur schön ist – sie ist dramatisch, fordernd, beinahe theatralisch.
Am Ursprung
Lange schon bevor der Name weltweit zum Synonym für unkomplizierten, duftigen Schaumwein wurde, war Prosecco unter den Bewohnern dieses außergewöhnlichen Gebiets Teil ihres Alltags. Die Arbeit war mühsam, der Ertrag begrenzt, der Wein ein Teil des bäuerlichen Lebens. »Früher war das hier ein armes Land«, hört man noch heute von älteren Winzern. Viele gingen fort, suchten ihr Glück anderswo.
Heute ist das anders. Es gibt im Gebiet einen gesunden Mix aus kleinen, familienbetriebenen Erzeugern, mittelgroßen Betrieben und Big Playern, die die ungebrochene Nachfrage nach Prosecco hierhergebracht haben. Dazu zählen auch zwei wichtige deutsche Gruppen: Mionetto, einer der größten Prosecco-Erzeuger, gehört zu Henkell-Freixenet; Ruggeri, ein anderes bekanntes Prosecco-Haus, wurde vor einigen Jahren von Rotkäppchen-Mumm übernommen.
Vom Hügel in die Welt
Der große Wendepunkt kam 2009. Damals wurde das Gebiet des Prosecco DOC massiv ausgeweitet – von den historischen Hügeln hinaus in die weiten Ebenen Venetiens und des Friauls, bis hin nach Triest. Diese Entscheidung war strategisch klug: Sie schuf die Basis für jene Mengen, die heute den globalen Markt bedienen. Sie hatte aber auch einen rechtlichen Hintergrund: Bei Triest gibt es eine kleine Ortschaft, die Prosecco heißt. Nachdem im internationalen Weinrecht geografische Bezeichnungen am stärksten geschützt sind, konnte man sich so wirksam gegen »Prosecco« aus anderen Ländern wappnen. Gleichzeitig wurde das ursprüngliche Herkunftsgebiet geschützt und aufgewertet. Conegliano Valdobbiadene erhielt den Status DOCG, ebenso Asolo. Damit war die Hierarchie klar definiert: Volumen in der Ebene, Herkunft in den Hügeln.
Mengenmäßig gibt es eine klare Differenzierung: der überwiegende Teil der 800 Millionen produzierten Flaschen entfällt auf Prosecco DOC. Conegliano Valdobbiadene Prosecco Superiore DOCG bringt etwa 100 Millionen Flaschen hervor, Asolo DOCG rund 30 Millionen. Damit gliedert sich die Welt des Prosecco heute in drei klar unterscheidbare Herkunftsbereiche. Prosecco DOC bildet das Fundament – es liefert den Großteil der Produktion und macht den Wein international verfügbar.
Daneben stehen die beiden DOCG-Gebiete: das historische Conegliano Valdobbiadene und das etwas südlicher gelegene Asolo. Während Conegliano Valdobbiadene die ursprüngliche Identität bewahrt, hat sich Asolo DOCG in den letzten Jahren zur dynamischsten Zone entwickelt. Mit rund 30 Millionen Flaschen ist sie mittlerweile eines der bedeutendsten Schaumweingebiete Italiens – noch vor Franciacorta oder Trento DOC. Stilistisch zeigen sich die Weine hier oft straffer, trockener und sehr präzise.
Die Schönheit der Arbeit
Doch Zahlen erklären wenig von dem, was diesen Wein wirklich ausmacht. Wer durch die Hügel zwischen Valdobbiadene und Conegliano fährt, ist zuerst einmal erstaunt. Die Landschaft hebt sich aus der Ebene heraus wie eine Welle, die nie ganz zur Ruhe kommt. Insbesondere nahe der Kleinstadt Valdobbiadene ist die Steilheit der Weinberge beachtlich, sie weisen auch schon mal eine Neigung von über 45 Prozent auf.
An maschinelle Bearbeitung ist nicht zu denken, die Weinberge werden ausschließlich per Hand gepflegt. 600 bis 800 Arbeitsstunden pro Jahr schlagen für einen Hektar zu Buche. Unten, in der weiten Ebene, kommt man mit rund 150 Stunden zu Rande. Bei der Lese werden die prallen Trauben über eigene Seilbahnsysteme ins Tal gefahren. Die Steillagen werden als Rive bezeichnet. 43 dieser Einzellagen sind offiziell klassifiziert, jede mit eigenem Charakter. Noch exklusiver ist der Cartizze-Hügel bei Valdobbiadene – ein historischer Cru, dessen Weine seit jeher zu den begehrtesten der Region zählen.
Ein Wein im Wandel
Die Grundlage für Prosecco ist die Rebsorte Glera, die einen Anteil von mindesten 85 Prozent haben muss. Den Rest bilden weitere lokale Sorten wie Verdiso, Bianchetta Trevigiana, Perera, Glera Lunga oder auch Chardonnay, Pinot Blanc und Pinot Grigio. Bei der seit wenigen Jahren bestehenden, überaus erfolgreichen Kategorie Prosecco Rosé DOC kommt zur Glera noch Most von Pinot Noir hinzu, der die zartrosa Farbe bringt.
Glera ist keine Rebsorte der großen Gesten, sondern lebt von ihrer feinen, präzisen Aromatik: Weiße Blüten, Birne, Apfel, ein Hauch von Zitrus und Akazienblüte – mehr Andeutung als Ausdruck. Diese Zartheit bestimmt auch die Produktionsweise. Die zweite Gärung erfolgt in Drucktanks, um die Frische zu bewahren. Nach einer Lagerung von drei bis vier Monaten ist der Wein fertig. Das erklärt den im Vergleich zu Metodo Classico günstigeren Preis für Prosecco.
Lange Zeit dominierte der Stil Extra Dry, weich, zugänglich, perfekt als Aperitif. Doch die Region hat sich weiterentwickelt. Heute zeigen viele der besten Weine eine andere Richtung: Brut und Extra Brut, straffer, präziser, mit mehr Spannung und größerer gastronomischer Vielseitigkeit. Prosecco ist damit endgültig aus der Rolle des bloßen Einstiegsweins herausgewachsen.
Begegnungen in den Hügeln
Wer sich Zeit nimmt, die Region zu erkunden, entdeckt eine Vielzahl von Persönlichkeiten und Handschriften. In Valdobbiadene gehört Nino Franco zu jenen Betrieben, die das Fundament gelegt haben. Primo Franco zählt zu den Qualitätspionieren des Prosecco und war mit seinem Grave di Stecca unter den ersten, die einen Lagenwein erzeugten. Heute steht ihm Tochter Silvia zur Seite. Eine Besonderheit im Haus Nino Franco: hier kann man auch ältere Jahrgänge verkosten und die sind überraschend gut; ganz entgegen der landläufigen Meinung, dass man Prosecco nicht lagern kann.
Stefano Pola vom Weingut Andreola ist ein Lagenfanatiker, gleich sechs verschiedene Rive-Prosecco erzeugt er, von denen drei ohne jeglichen Restzucker als Extra Brut erscheinen. Die Weine sind vibrierend, präzise, oft mit einer salzigen Note, die an den Ursprung erinnert, wunderbare Begleiter zu feinen Gerichten. Ein Klassiker unter den Lagenweinen ist der Vigneto Giardino Rive di Colbertaldo von Adami, der alles zeigt, was man sich von einem hochwertigen Prosecco erwarten darf.
Das Weingut Bortolomiol ist fest in Frauenhand. Seit dem Tod von Firmengründer Giuliano Bortolomiol führen seine Töchter Elvira Maria, Luisa und Giuliana den Betrieb. Auch hier setzt man auf Rive und Jahrgangsweine. Die Weine wirken ausbalanciert, elegant, mit feiner Struktur, oft geprägt von einer klaren stilistischen Linie, die sich durch das gesamte Sortiment zieht.
Wein, Kunst und Kultur, das wird bei Villa Sandi zusammengeführt. Namensgebend für den Betrieb ist eine edle Villa im Palladio-Stil aus dem 17. Jahrhundert. Villa Sandi ist in allen Prosecco-Appellationen – vom DOC Gebiet über Asolo bis zu den Steillagen im Cartizze – mit ausdrucksvollen Weinen präsent. Die Eigentümerfamilie Moretti Polegato setzt auch stark auf Hospitality. Die »Locanda Sandi« bietet eine Trattoria mit den typischen, herzhaften Gerichten der Region und einige Zimmer zur Übernachtung. In den nächsten Monaten soll im Zentrum von Valdobbiadene auch ein eigenes Hotel eröffnet werden.
Angenehm schlafen im Weinberg kann man schon in der Casa Valdo, die zu Valdo Spumanti gehört. Valdo zeigt, dass bei Prosecco Volumen und Qualität durchaus auch zusammengehen können. Valdos Cuvée di Boj zählt regelmäßig zur qualitativen Spitze bei Prosecco Superiore DOCG. In poppiger Farbpalette kommen die Weine von Serena Wines daher, heute von Giorgio und Luca Serena in vierter und fünfter Generation geführt. Serena Wines ist in vielen Märkten präsent, hat aber dennoch die Verbindung zur Herkunft bewahrt.
Asolo: Die feine Alternative
Wer von Valdobbiadene Richtung Süden fährt, erreicht bald die Hügel von Asolo. Die Landschaft verändert sich. Sie wird ruhiger, eleganter, fast introvertiert. Kleine Plätze, historische Gebäude, eine Atmosphäre, die weniger spektakulär, aber nicht weniger eindrucksvoll ist. Hier hat Montelvini seinen Sitz. Das Weingut prägt die Region seit Jahrzehnten und steht für einen Stil, der sich deutlich vom klassischen Bild des Prosecco abhebt. Die Weine sind straff, trocken, klar definiert, oft mit einer bemerkenswerten Präzision. Es ist Prosecco mit Haltung.
Mehr als nur ein Aperitif
Am Ende zeigt sich Prosecco als ein vielschichtiges System. An der Basis ein Wein, der weltweit für Leichtigkeit und Genuss steht. Darüber eine Herkunftspyramide, die – vor allem in den Hügeln von Conegliano, Valdobbiadene und Asolo – Tiefe, Charakter und Differenzierung hervorbringt. Und vielleicht ist genau das das Geheimnis dieses Erfolgs, Prosecco kann beides. Er kann unkompliziert sein und er kann anspruchsvoll sein. Vor allem aber ist er eines geblieben: ein Wein, der untrennbar mit seiner Landschaft verbunden ist deren Schönheit allein schon Grund genug ist, dorthin zu reisen.
Die Qualitätsstufen
Den Sockel der Pyramide bildet Prosecco DOC ohne weitere Gebietsangabe. Die Trauben für diesen Prosecco dürfen aus dem ganzen östlichen Venetien und dem Friaul kommen. Die Trauben für Prosecco Treviso DOC stammen aus Weingärten in der Provinz Treviso in Venetien.
Asolo Prosecco Superiore DOCG wächst in Hanglagen um die Stadt Asolo.
Die Bezeichnung Conegliano Valdobbiadene Superiore DOCG umfasst das ursprüngliche Anbaugebiet für Prosecco, die Weingärten befinden sich alle in Hügellage, mitunter auch in extremer Steillage.
Prosecco Conegliano Valdobbiadene Superiore DOCG ohne nähere Angabe stammt aus einer oder mehreren der 15 Gemeinden, die das Gebiet umfasst. Die Trauben für Prosecco mit dem Zusatz Rive dürfen nur aus einer einzigen Lage kommen, müssen von Hand geerntet werden und tragen eine Jahrgangsangabe. Insgesamt sind 43 Rive klassifiziert.
Der Superiore di Cartizze schließlich stammt aus einer besonderen Lage in der Gemeinde Valdobbiadene, 107 Hektar groß, die als Grand-Cru gilt.