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Koscher am Berg: Falstaff-Talk mit Danielle Spera

»Stammgäste« – so der Titel des Buchs über jüdisches Leben am Semmering – prägten nicht nur in den Hotels die Bergwelt. Ein Gespräch mit Herausgeberin Danielle Spera über Vielfalt und Versäumnisse.

FALSTAFF: Frau Dr. Spera, die Rolle jüdischer Großbürger bei der touristischen Erschließung des Semmerings ist nicht neu. Man sprach von der »Ringstraßenvorstadt Wiens« in den Alpen. Was hat Sie als Herausgeberin an dem Thema gereizt?

Danielle Spera: Der »Auftrag« für das Forschungsprojekt kam von der niederösterreichischen Landeshauptfrau. Zunächst dachte ich, dass das Semmering-Gebiet bereits hinlänglich erforscht sei, tatsächlich wurde aber der jüdischen Perspektive noch nie ein Buch gewidmet. Für mich war es wichtig, mich diesem Thema aus den verschiedensten Blickwinkeln und Zeitspannen zu nähern, weit über die Kulturschaffenden hinaus, die ihre Ferien am Semmering verbrachten. So habe ich zunächst die Themen definiert und mich dann auf die Suche nach Expertinnen und Experten gemacht. Darüber hinaus wollte ich das Buch auch mit Leben erfüllen und habe jüdische Zeitzeuginnen und Zeitzeugen interviewt, die viel Zeit am Semmering verbracht hatten. Auf diese Weise ist ein umfangreiches Buch entstanden, das eine wesentliche Lücke füllt.

Ohne die jüdischen Familien wäre der Semmering nicht aufgeblüht, zieht sich als Quintessenz durch »Stammgäste« – galt das auch für die steirische Seite?

Auch auf der steirischen Seite bin ich etwas fündig geworden, so gab es zum Beispiel eine Sommerpension für Kinder und Jugendliche aus der jüdischen Orthodoxie mit koscherer Küche auf der steirischen Seite. Angelika Horowitz, die Ehefrau eines meiner Interviewpartners, dem leider vor Kurzem verstorbenen Michael Horowitz, hat mir ein bisschen Einblick gegeben. Sie ist in Spital am Semmering aufgewachsen und beschreibt im Buch, dass die steirische Seite in der Nachkriegszeit eher ein Schattendasein geführt hat, was jüdische Gäste betrifft.

Die Hochsteiermark war beliebtes Ausflugsziel der Villenbewohner und Kurgäste. Mit der »Hakoah-Hütte« gab es aber auch eine Freizeitkultur für breitere Schichten.

Es gab Angebote für alle Schichten: von Wohnungen, die man sich gemietet hat, über Frühstückspensionen, Hotels und später Luxushotels bis hin zu den Villen, die gebaut wurden. Oft war das auch ein Aufstieg. Die »Hakoah-Hütte« war vor allem Treffpunkt der jüdischen Jugend und der Sportler. Es waren durchwegs Jugendliche, die aus Familien stammten, die sehr vom Holocaust betroffen waren. In der »Hakoah-Hütte« konnten sie eine unbeschwerte Zeit verbringen. Wichtig ist auch zu betonen, dass die Region, vor allem auch auf der steirischen Seite, über viele Jahrhunderte durch jüdische Händler geprägt war. Dieses Kapitel sollte auch noch weiter beforscht werden.

Gab es – durch die teilweise junge Historikergeneration – auch neue Erkenntnisse dazu?

Dadurch, dass wir uns dem Thema aus den verschiedensten Perspektiven genähert haben, gab es auch viele Erkenntnisse, zum Beispiel über die jüdische Emanzipation, wichtige Frauen, die durch ihr Engagement in den unterschiedlichsten Bereichen wie Erziehung, Sport, Gartenbau etc. die Region mitgeprägt hatten. Ihre Geschichte ist viel zu wenig beleuchtet! Am Semmering erinnert übrigens heute nichts mehr an diese wichtige jüdische Präsenz. Das gilt es zu ändern. Das Buch dient hoffentlich als erster Anstoß.

Die Attraktivität des Semmerings im Fin de Siècle ähnelt den heutigen Urlaubswünschen sehr: im Gesundheitstourismus oder in der Flucht vor der hektischen Welt – damals industrialisiert, heute digital. Sehen Sie eine Renaissance des Urlaubs in der Hochsteiermark?

Es wäre wichtig, dass sich die Hotellerie und die Gastronomie wieder erholen und es hier verstärkt Angebote gibt. In der Kultur ist das bereits gelungen, da gibt es am Semmering und in den umliegenden Orten viele Möglichkeiten, an kulturellen Events teilzuhaben. Die Region ist einzigartig, ausgezeichnet erreichbar, liegt genau im Trend und spricht die Sehnsucht an, Entspannung und Kraft zu schöpfen in der wunderbaren Natur.


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Roland Graf
Roland Graf
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